Der antifaschistische Krimi »Strogany und die Vermissten«

»Das muss irgendwann zusammenbrechen«

Nach 75 Jahren wiederentdeckt: Der antifaschistische Kriminalroman »Strogany und die Vermissten« von Adam Kuckhoff und Peter Tarin.

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Als »Strogany und die Vermissten« von Adam Kuckhoff und Peter Tarin 1941 erschien, war er nur einer von vielen Kriminalromanen, die in Nazideutschland das Unterhaltungsbedürfnis der Volksgemeinschaft befriedigen sollten. Erst im Nachhinein entdeckten Populärkulturforscher, dass in diesem Krimi mehr steckte als eine spannende Geschichte. Offenbar hatten sich die Autoren einen Ratschlag Bertolt Brechts aus dessen Aufsatz »Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« von 1935 zu eigen gemacht, der darauf hinwies, dass »die verachtete Form des Kriminalromans« sich wunderbar dazu eignen würde, »Schilderungen übler Zustände« an »unauffälligen Stellen« in einen Text einzuschmuggeln. In »Strogany und die Vermissten« stolpert man gleich zu Beginn über subversives Schmuggelgut: »Es war in St. Petersburg im Winter 1909/10, in der Zeit zwischen der Revolution und dem Ausbruch des Weltkriegs. Im Zarenreich herrschte Ruhe. Zwar gab es hin und wieder noch Attentate auf hohe Staatsbeamte und Mitglieder der kaiserlichen Familie, aber daran war man seit Jahrzehnten gewöhnt. Selbst die blutigste Sensation stumpft ab, wenn sie alltäglich wird.«
75 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wurde »Strogany und die Vermissten« nun von dem kleinen Berliner Verlag E-Book-News Press in der Edition Widergänger erneut publiziert. Herausgeber und Verleger Ansgar Warner weist in seinem Nachwort auf die bereits im Titel versteckte Zeitkritik hin: »Im Krieg verbreitete sich das nationalsozialistische System der Lager auf halb Europa, die Zahl der ›Vermissten‹ stieg auf Hunderttausende und am Ende Millionen. Adam Kuckhoffs Kriminalroman ›Strogany und die Vermissten‹ scheint die damalige Zeitgeschichte in geradezu unheimlicher Weise zu spiegeln. Sogar, was die nahe Zukunft betrifft. Kaum lag Strogany in den Schaufenstern der Buchhandlungen, rollten über das Schienennetz der Reichsbahn die ersten Deportationszüge in die Vernichtungslager.«
Der etablierte Schriftsteller und Publizist Adam Kuckhoff hatte seinen ersten Krimi gemeinsam mit dem völlig unbekannten Autor Peter Tarin verfasst – ein Pseudonym, hinter dem sich der 1894 in St. Petersburg geborene und seit den zwanziger Jahren in Berlin lebende Psychiater und Werbepsychologe Edwin Tietjens verbarg. Tietjens und Kuckhoff waren in der Widerstandsgruppe Rote Kapelle aktiv. Die Handlung ihres gemeinsamen Krimiprojekts spielt ganz unverfänglich im Russland der Zarenzeit.
Der adlige Amateurdetektiv Sergej Pawlowitsch Strogany, eine Art russischer Sherlock Holmes, wird von der Petersburger Polizei bei Ermittlungen in einer Serie von Vermisstenfällen hinzugezogen. Dabei lernt der im Handlungsverlauf mittellos werdende Aristokrat sein soziales Gewissen sowie die Elendsviertel der Vorstädte kennen und stößt allenthalben auf Unrecht und festgefahrene Strukturen. »Das muss irgendwann zusammenbrechen«, heißt es an einer Stelle, »je schneller, desto besser.«
Zwar gab es, vor allem nach Kriegsbeginn, immer wieder Versuche der Nationalsozialisten, den Kriminalroman zu instrumentalisieren, doch das Unterhaltungsbedürfnis der Menschen vertrug sich nicht mit politischer Indoktrination. So flatterten erstaunlich wenige Hakenkreuzfahnen in der Spannungsliteratur des Dritten Reichs. Die Schauplätze waren häufig nicht besonders konkret: irgendwie großstädtisch, modern, bürgerlich. Auf allzu realistische Details wurde von Krimiautoren in jenen Jahren auch ganz bewusst verzichtet, um bei den Zensurinstanzen nicht unnötig anzuecken. In »Strogany und die Vermissten« nutzten Adam Kuckhoff und Peter Tarin geschickt die Leerstellen des Unkonkreten als Assoziationsraum für letztlich sehr konkrete Bilder, Ereignisse und Personen. Gewisse Ähnlichkeiten des Zaren, der nicht namentlich erwähnt wird, mit dem Führer sind gewiss nicht zufällig: »›Er‹, ein stattlicher Sechziger, das spärlich werdende Haar über dem vollblütigen Gesicht sorgfältig gescheitelt und angelegt, begrüßte Strogany auf das liebenswürdigste.«
Für Adam Kuckhoff sollte »Strogany und die Vermissten« von 1941 die letzte, für seinen Koautor Peter Tarin alias Edwin Tietjens sogar die einzige literarische Veröffentlichung bleiben. Kuckhoff wurde als einer der führenden Köpfe der antifaschistischen Widerstandsgruppe Rote Kapelle im September 1942 verhaftet und ein knappes Jahr später in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Als weniger exponiertes Mitglied des Untergrundnetzwerkes entging Edwin Tietjens der Verhaftungswelle, starb jedoch 1944 im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt. Später wurde bekannt, dass er in seiner Berliner Wohnung jüdische Fabrikarbeiterinnen versteckt hatte, wofür ihm posthum der Titel »Gerechter unter den Völkern« verliehen wurde.
Der gemeinsame Kriminalroman der beiden Antifaschisten ist nicht nur wegen der gut getarnten Kritik am NS-Staat lesenswert, sondern auch wegen seiner präzisen Milieuschilderungen und der liebevoll gezeichneten Hauptfigur, die durchaus Serienpotential gehabt hätte. Eine längst überfällige Wiederentdeckung.

Adam Kuckhoff und Peter Tarin: Strogany und die Vermissten. E-Book-News Press, Edition Widergänger, 328 Seiten, Berlin 2016, 13,90 Euro