Der Film »Café Belgica« von Felix Groeningen

Im Sündenpfuhl von Gent

In »Café Belgica« schickt Felix van Groeningen den Zuschauer auf einen ungebremsten Partytrip.

Anzeige

»Willkommen in eurem Lieblingsladen, dem Ort für Verdorbenheit!« – Eine einfache Story über zwei ungleiche Geschwister und diese Hölle von Club in Gent: Zusammen mit den Brüdern Jo und Frank lässt der belgische Regisseur Felix van Groeningen den Zuschauer mit Vollgas gegen die Wand fahren – und das voller Freude. »Café Belgica« entfaltet ab der ersten Einstellung einen Sog, der unbedingt Lust auf Zigaretten, Alkohol und Partyabsturz macht.
Alles beginnt damit, dass der ex­trovertierte Frank, von der Midlife-Crisis gebeutelt, nach langer Zeit mal wieder bei seinem mehrere Jahre jüngeren Bruder Jo aufschlägt. Der ist zwar eher ein schweigsamer Typ, aber gerade damit beschäftigt, einen Club zu eröffnen, der zum Hotspot Flanderns werden soll. Frank ist sofort Feuer und Flamme, alles ist besser als die Teilhaberschaft an einem Gebrauchtwagenhandel und seine Frau mit ihrer trostlosen Hundepension. Eine Weile geht es gut, bis Frank mehr und mehr auf den Geschmack kommt, sich tagelang mit einem Cocktail aus Schnaps, Trappistenbier, Koks und außerehelichem Sex vergnügt, und Jo einschreitet. Nicht aus moralischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Denn Frank ist sein bester Kunde und droht in einen Abgrund aus Suff, Pöbelei und Verbitterung abzurutschen, die van Groe­ningen bereits in seiner Verfilmung von Dimitri Verhulsts »Die Beschissenheit der Dinge« (2009) beschrieben hat.
In »Café Belgica« beschäftigt sich van Groeningen einmal mehr mit dem Thema Verlust. Während der Regisseur in »The Broken Circle Breakdown« (2012) in zahlreichen Rückblenden von einem Outsider-Pärchen erzählte, dem das Leben über dem Tod ihrer siebenjährigen Tochter zu entgleiten droht, geht es nun um das Auseinanderbrechen der Bruderbeziehung – mitsamt autobiographischer Details aus der eigenen Jugend. Das Café Belgica nämlich ist dem Genter Café Charlatan nachempfunden, einer Live-Musik-Bar, die van Groeningens Vater 1989 eröffnete und elf Jahre später wieder verkaufte. Hier jobbte der Regisseur als Jugendlicher hinter dem Tresen, viele der im Film dargestellten Ereignisse habe er selbst erlebt – behauptet zumindest das Presseheft: Felix van Groeningen habe »hautnah die Entwicklung, die auch das Café Belgica nimmt, mitbekommen: die idealistischen Anfänge als Live-Musikkneipe, die allen offensteht, dann mit zunehmendem Erfolg der allmähliche Einfluss von Drogen und Gewalt, die unvermeidlichen Diskussionen über stärkere Kontrollen, bis hin zu den Türstehern, die Besucher, von denen Ärger erwartet wird, rigoros abweisen. Und die stetige Versuchung für die Betreiber selbst, sich im Rausch des Nachtlebens zu verlieren. Sogar für Jos versehrtes Auge stand einer der heutigen Besitzer des Café Charlatans Pate.«
Van Groeningen spult die Entwicklungen des Clubs vom Szeneschuppen über die Goldmine zum Ausverkauf im Zeitraffer ab, er inszeniert den Aufstieg und Fall des Ladens und seiner Gäste als endlose Partynacht. Der Zuschauer lacht mit den Protagonisten über allerlei Schnapsideen für den perfekten Club, in dem der gemütliche Abschuss und Exzess gefeiert wird; er beargwöhnt die Überwachungskameras, die bald installiert werden, und bleibt mit den Stammgästen und migrantisch wirkenden Besuchern, die von übermäßig engagierten Türstehern nicht länger reingelassen werden, vor der Tür stehen.
Van Groeningen inszeniert eine atmosphärisch dichte Milieustudie, die von Erinnerungen an die Neunziger geprägt ist, eine Zeit also, in der die kleinen Clubs noch nicht nach Schweiß gestunken haben, sondern von dicken Rauchwolken durchwabert waren. Auf Nostalgie wird dennoch verzichtet, die handwerklich professionell fotografierten Bilder variieren je nach Bewusstseins- beziehungsweise Rauschzuständen.
Darüberhinaus ist »Café Belgica« auch eine Liebeserklärung an Gent. Touristische Ansichten werden ausgeblendet: keine Grachten, kein Belfried, keine Gildehäuser, Burg Gravensteen schon gar nicht. Diese Orte spielen für die Clubgeneration keine Rolle. Dann schon eher die Musik. Ihr lässt van Groeningen wieder eine große Bedeutung zukommen. War »The Broken Circle Breakdown« von in Moll swingendem Bluegrass durchzogen, so wurde für »Café Belgica« ein Clubmix komponiert. Sämtliche Songs stammen von der belgischen Rockband Soulwax, die passenderweise mit ihrem Album »Much Against Everyone’s Advice« 1998 international für Aufmerksamkeit sorgte. 16 fiktive Bands hat das Duo sich ausgedacht, einige Szenen werden von derben Technobeats untermalt, andere von Rockabilly-Sound oder zeittypischem Hardcore – inklusive Igor Cavalera von Sepultura an den Drums. »Café Belgica« ist über den historischen Fingerzeig hinaus eine allgemeingültige Feier des Hedonismus und der fröhlichen Unbekümmertheit.

»Café Belgica« (BE/FR). Regie: Felix van Groeningen, Darsteller: Stef Aerts, Tom Vermeir, Stefaan De Winter. Filmstart: 23. Juni