Die Geschichte der Promenade des Anglais in Nizza

Das Ende der Sommerzeit

Über die Promenade des Anglais in Nizza, auf der am französischen Nationalfeiertag mehr als 80 Menschen
ermordet worden sind.

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Man musste die Identifikation des Attentäters, der in der Nacht vom 14. zum 15. Juli während der Feiern zum französischen Nationalfeiertag auf einer Strandpromenade in Nizza mit einem LKW in die Menge raste und mindestens 84 Menschen ermordete, nicht abwarten, um zu wissen, wer hier zugeschlagen hatte. Ob der Täter sich vor seiner Tat »radikalisiert« hat, wie es in den Augen von Politik und Medien zu einer Islamistenlaufbahn zu gehören scheint, oder ob ihn einfach nur der gewöhnliche unradika­lisierte Hass auf Ungläubige antrieb, sind zweitrangige Fragen angesichts der Tatsache, dass für den Anschluss an den »Islamischen Staat«, der die Massenmorde euphorisch begrüßte, keine Mitgliedschaft, sondern nur die Entscheidung nötig ist, in Eigenregie in dessen Sinne zu handeln. Auch die Verlautbarungen europäischer Demagogen, die Frankreich angesichts des Ausscheidens Großbritanniens aus der Europäischen Union eben erst auf das Bekenntnis zu einem noch kernigeren Kerneuropa verpflichten wollten und nun wortreich ihre Solidarität bekundeten, hätte man mitsprechen können, noch bevor sie formuliert wurden.
Trotzdem bringen Zeitpunkt und Ort des Anschlags in bislang ungekannter Deutlichkeit zum Ausdruck, was das deutsch-europäische Appeasement wahnhaft verleugnet: den dezidiert antinationalen Charakter des islamischen Terrors. Während Unmenschenverstehern jeder Provenienz angesichts der nicht endenden Serie islamistischer Attentate nichts Besseres einfällt, als vor einem Erstarken des Nationalismus in Europa zu warnen, das ernsthaft für gefähr­licher gehalten wird als der menschheitsbedrohende Islamismus, richteten sich die Morde vom 14. Juli ganz offen gegen die Urform bürgerlicher Nationalstaatlichkeit. Anders als für deutsche Volkschauvinisten der Tag des Mauerfalls, ist der 14. Juli für Frankreich kein Tag der Patrioten, sondern der Tag der Republik. An ihm wird des Kampfes für bürgerliche Freiheitsrechte gedacht, der zwar im Namen der Volkssouveränität geführt wurde, virtuell aber alle Menschen meint. Dass sich nur auf Grundlage nationalstaatlicher Souveränität verwirklichen ließ, was doch stets über die Partikularität des Nationalstaats hinauswies, gehört zu den Widersprüchen des modernen Nationalstaats, dessen Gewaltmonopol der politische Islam in grenzenloser, dehierarchisierter Gewalt aufzuheben sucht.
An dem Ort, an dem der Massenmord von Nizza stattfand, kristallisieren sich historische Erinnerungen, die auf die Geschichte französischer Nationalstaatlichkeit ebenso wie auf das verweisen, worin diese über sich hinausstrebt. Die Promenade des Anglais, auf die der Attentäter den Lastwagen lenkte, um möglichst viele zufällige Passanten zu ermorden, ist eine Strandpromenade, die die Baie des Anges, die »Bucht der Engel«, säumt, an der zu dieser Jahreszeit Abertausende Touristen ihren Urlaub verbringen. Der Name der Promenade stammt aus dem 18. Jahrhundert, als derart viele Briten zur Sommerfrische nach Nizza zu reisen pflegten, dass der Alltag der Stadt mindestens ebenso sehr von Engländern wie von Franzosen geprägt war. Ohnehin war die Stadt in jener Zeit keineswegs selbstverständlicher Bestandteil Frankreichs. Erst 1793 Frankreich eingegliedert und 1796 militärischer Ausgangspunkt für den Feldzug Napoleons gegen Italien, wurde Nizza im Jahr 1800 von österreichischen Truppen besetzt und erst 1804 wieder französisch. Nach dem Sturz Napoleons wurde Nizza 1814 dem Königsreich Sardinien zugeschlagen, erst 1860 erfolgte die endgültige Angliederung an Frankreich; vier Jahre später wurde Nizza an das französische Eisenbahnnetz angeschlossen. Während die territoriale Zugehörigkeit der Stadt fast 100 Jahre lang umkämpft blieb, war sie bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Sammlungspunkt für Aristokraten, Reisende, Händler und Arbeitsmigranten unterschiedlichster Herkunft geworden – eine gesellschaftlich und ethnisch hybride Klientel, die das transnationale Erbe aus dem Zeitalter der Vielvölkerstaaten in die Epoche der Nationalstaaten hinüberzuretten vermochte.
Nachdem der populäre Reiseschriftsteller Tobias Smollett, der aus Glasgow stammte und später in Südeuropa lebte, 1763 ein Buch über seine Reisen nach Nizza veröffentlicht hatte, avancierte die Stadt zum Lieblingsurlaubsziel vieler Briten. In der Folge entstand neben großen Hotels auch eine von dem englischen Geistlichen Lewis Way finanzierte Küstenpromenade, die sich mit ihren endlosen Reihen von Sonnenstühlen und Gartenanlagen an englischen Seebädern orientierte; 1844 erhielt sie den Namen Promenade des Anglais. Der Beliebtheit Nizzas bei Angehörigen der osteuropäischen Aristokratie verdankt hingegen das Hotel Negresco seine Gründung, das infolge der Attentate vom 14. Juli kurzzeitig zu einem provisorischen Hospital umfunktioniert wurde. Es war 1912 an der Promenade des Anglais von dem rumänischen Einwanderer Henri Negresco eröffnet worden, der in Nizza ein Spielkasino betrieb. Seine Gestaltung folgt dem Stil des Fin de Siècle, die Kuppel hat Gustave Eiffel entworfen. In der Zeit zwischen 1890 und 1910, in der sich die Zahl der Urlauber in Nizza pro Jahr mehr als versechsfachte, kamen weitere Hotels im Stil der Belle Époque hinzu.
In jenen Jahren wurde Nizza zur Lieblingsresidenz der europäischen Restaristokratie. Vom Tourismus und der fortschreitenden Industrialisierung lebten aber auch die immer zahlreicheren Einwanderer, insbesondere italienische Arbeitsmigranten, die Sprache und Alltag der Stadt bald so stark prägten wie im Jahrhundert zuvor die Briten. Während des Nationalsozialismus wurde Nizza 1940 innerhalb der unbesetzten Südzone zum Zentrum der Résistance, bis die Deutschen 1942 den Süden einnahmen; auch Samuel Beckett hat sich während seines Engagements im französischen Widerstand zeitweise in den Wäldern und Dörfern oberhalb der Baie des Anges aufgehalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich in Südfrankreich viele Einwanderer aus den ehemaligen nordafrikanischen Kolonien ansiedelten, wurde Nizza, emblematisch für die gesamte Côte d’Azur, zur Projektionsfläche für den Hass auf alles, was es früher einmal versprochen hatte – Luxus, Weltläufigkeit, Kosmopolitismus und Müßiggang, die es in den Augen islamischer Migranten, deren Ressentiment vor allem maghrebinische Juden in Südfrankreich täglich zu spüren bekommen, zum Sinnbild westlicher Verkommenheit und Dekadenz machten. Während die Selbstethnisierung islamischer Nordafrikaner in einschlägigen Stadtteilen Nizzas mittlerweile dazu führt, dass muslimische Blockwarte das Angebot von Cafés und Restaurants in Spontanbesuchen auf seine Koranvereinbarkeit kontrollieren, leben die Nachfolger der Müßiggänger (ein Typus, dessen Vorläufer Alfred Hitchcock in seinem Film »Über den Dächern von Nizza« karikiert hat) heute in einer gesellschaftlichen Blase, in der die kosmopolitische Vorgeschichte der Stadt so wenig präsent ist wie in den islamischen Kleinstaaten der Banlieues.
Die Geschichte der Promenade des Anglais führt auch diese Vorgeschichte vor Augen, die nicht von Sozial- und Ethnoghettos, sondern von einem selbstverständlichen Weltbürgertum erzählt, das – zumindest als Versprechen – jahrhundertelang zum Alltag der Stadt gehörte. Die Geister der Sommerfrische auszutreiben wie den Teufel der Lust aus dem unzüchtigen Leib, der in der Ikonographie der Französischen Revolution nicht zufällig oft als Allegorie der Freiheit figuriert, auch darum ging es dem antirepublikanischen Aktivisten, als er am 14. Juli mit seinem LKW über die Promenade des Anglais raste.