Die Dinosaurierpornographie des Autor Chuck Tingle

Wenn der Dino dich küsst

Der Hugo Award gilt renommiertester Preis für Science-Fiction-Literatur. Chuck Tingle gehörte zu den Nominierten.

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Isaac Asimov, Philip K. Dick, Ursula Le Guin – sie alle wurden für ihr Werk mit dem Hugo Award ausgezeichnet, dem renommiertesten Preis für Science-Fiction-Literatur, der seit 1953 alljährlich verliehen wird. Am Samstag hätte ihn Chuck Tingle bekommen können – für ein Werk mit dem bizarren Titel »Space Raptor Butt Invasion«. Damit wird der Autor von sehr eigenwilliger erotischer Science-Fiction-Literatur, bei dem es sich vermutlich selbst um eine Kunstfigur handelt, in einem Atemzug mit den Pionieren des Genres genannt. Was auch immer das über die Hugo Awards aussagen mag.
Wer würdig ist, den Preis zu erhalten, darüber entscheiden die Mitglieder der World Science Fiction Society. Eine Mitgliedschaft kostet 50 US-Dollar im Jahr und steht allen Interessierten offen. Jedes Mitglied erhält die Möglichkeit, bis zu fünf Werke seiner oder ihrer Wahl in den jeweiligen Kategorien zu nominieren. Diejenigen Werke mit den meisten Nominierungen werden in die finale Wahl aufgenommen. Dass ein demokratisches System dieser Art auch reaktionären Kräften die Möglichkeit bietet, sich am Entscheidungsprozess zu beteiligen, zeigt sich nicht nur an den Erfolgen der AFD oder Donald Trumps, sondern auch bei etwas vermeintlich Unpolitischem wie einem Literaturpreis. Während Science-Fiction oft politische Themen aufgreift, sei es in den feministischen Utopien von Ursula Le Guin oder den düsteren Zukunftsvisionen von William Gibson, sind politische Kämpfe um Science-Fiction eher selten. Eine Gruppe aus dem Umfeld der Gamergate-Bewegung, die unter anderem durch Gewaltaufrufe gegen Videospieleentwicklerinnen Schlagzeilen gemacht hat, versucht seit 2015 die Nominierungen der Hugo Awards zu beeinflussen. Die unter dem Namen Rabid Puppies auftretende Gruppe um den Autor und Blogger Theodore Beale vertritt die Ansicht, Science-Fiction sei überschwemmt von linksliberalen Ansichten und die Hugo Awards seien zu einem Sammelbecken sogenannter social justice warriors verkommen. Beales Gruppierung zufolge gehe es bei der Verleihung nicht mehr um literarische Qualität, sondern darum, linke Propaganda zu verbreiten. Beale, vom Wall Street Journal als »meistgehasster Mann der Science-Fiction« tituliert, vertritt unter anderem die Ansichten, Schwarze seien »Halbwilde« und die Frauenbewegung sei die Geißel der US-amerikanischen Gesellschaft. Beale und seine Anhänger versuchten, die Nominierungen der Hugo Awards zugunsten der eigenen Positionen zu manipulieren. 2015 gelang es der Gruppe, 85 Werke konservativer Science-Fiction, zwei davon von Beale selbst, zu nominieren und zahlreiche Linke, LGBTQs, Frauen oder people of color aus den Wahllisten zu verdrängen.
Aber das Wahlsystem der Hugo Awards bietet einen Ausweg aus derart missliebigen Situationen: die von den Rabid Puppies nominierten Werke wurden von den Wählerinnen und Wählern konsequent für unwürdig erklärt, den Preis zu erhalten. Etablierte Größen der phantastischen Literatur wie George R. R. Martin sahen sich daraufhin genötigt, sich gegen das destruktive Vorgehen der Rabid Puppies auszusprechen.
Durch die zwingend nötige Abschaffung ganzer Kategorien, in denen lediglich die von Beale und Konsorten nominierten Werke zur Wahl standen, sei die Preisverleihung ad absurdum geführt worden. »Die Intention der Rabid Puppies ist es, die Hugos in Grund und Boden zu brennen, alles zu zerstören«, so Martin gegenüber dem Guardian.
Dieses Jahr hingegen haben sich die Rabid Puppies ins eigene Fleisch geschnitten. Zu ihren Nominierten in der Kategorie »Beste Kurzgeschichte« 2016 zählt unter anderem Chuck Tingle. Dass sich die Gruppierung nicht mit Tingles Veröffentlichungen auseinandergesetzt haben kann, ist offensichtlich – ihnen schien für eine Nominierung zu genügen, dass es sich bei Tingle um einen weißen Mann handeln muss.
Über Tingles Identität ist wenig bekannt. Anfragen der Presse, vom Guardian etwa, werden mit Nonsens beantwortet. Tingle inszeniert sich als in Montana lebender Familienvater, »Doktor der holistischen Massage« und Meister des Taekwondo. Er betreibt einen dadaistisch anmutenden Twitter-Account und erlangte Bekanntheit durch bei Amazon selbstverlegte E-Books mit Titeln wie »Gaygent Brontosaurus – The butt is not enough« oder »I’m gay for my living billionaire jet plane«. Das nominierte Werk »Space Raptor Butt Invasion« handelt von einem Astronauten, der eine romantische Beziehung mit einem außerirdischen Dinosaurier eingeht. Der Text glänzt durch grauenhafte Rechtschreibung und eine sehr alberne Sexszene. Inzwischen hat Tingle die Dinosaurier­pornographie zugunsten pointierter Metafiktion (»Turned gay by the existential dread that I may be actually a character in a Chuck Tingle book«) oder von Kommentaren zu popkulturellen und gesellschafts­politischen Phänomenen (»Pokebutt Go«, »Pounded in the butt by my irrational bigoted fear of humans who were born as unicorns using a human restroom«) verlassen. So lässt er seine Protagonisten die eigene Rolle im Werk hinterfragen, karikiert den Literaturbetrieb und erscheint selbst als Figur in seinen meistens um die 5 000 Wörter langen Erzählungen.
Größere Bekanntheit erlangte Tingle durch seinen Kommentar zum Brexit: »Pounded by the Pound – turned gay by the socioeconomic implications of Great Britain leaving the European Union«. »Pounded by the Pound« handelt von einem jungen Mann, der von einer riesigen Pfundmünze aus einer postapokalyptischen Zukunft heimgesucht wird und »mit dem attraktiven, vernunftbegabten Pfund in die Vergangenheit reisen und die Wahl zugunsten europäischer Solidarität beeinflussen muss, wobei er zeigt, dass alles, was man braucht, Liebe ist«. Dass jede seiner Geschichten außerdem explizite schwule Pornographie ­enthält, muss den Rabid Puppies trotz der sehr eindeutigen Titel auch entgangen sein.
Die erfreuten Reaktionen vieler Tingle-Fans auf Twitter, Blogs und in Zeitungen ließen nicht lange auf sich warten. Der Autor selbst kommentierte das Geschehen mit der Story »Slammed in the butt by my Hugo Award Nomination«, in der Tingle sich über die Literaturauffassung der »Puppies« mokiert. Des Weiteren kaperte er mit dem Kommentar, die ­Rabid Puppies hätten wohl vor lauter Hass vergessen, eine Domain unter ihrem Namen zu registrieren, »therabidpuppies.com«, wo Besucher nun von einem halbnackten Channing Tatum begrüßt werden. Außerdem wirbt die Seite für die von den »Puppies« rassistisch attackierte Autorin N. K. Jemisin und offeriert den Link zu einer Crowdfunding-Kampagne für LGBTQ-Anliegen. Um der Schmach die Krone aufzusetzen, ließ Tingle verlauten, dass im Falle seines Sieges die Videospielentwicklerin Zoe Quinn seinen Preis entgegennehmen würde. Quinn sah sich über Jahre mit Mobbing bis hin zu Morddrohungen seitens der Gamergate-Bewegung konfrontiert. Leider konnte die Liebesgeschichte zwischen dem Astronauten und dem Dinosaurier die Jury nicht überzeugen, der Preis ging an die Autorin Naomi Kritzer. Die Strategie der »Puppies« ging nicht auf: Preistragende sind vor allem Frauen und People of Color. Und Tingles neuestes Werk »Pounded in the butt by my Hugo Award loss« ist bereits zu erwerben.