Fußball, Humor, Babelsberg und Hooligans

Ironisch gebrochen – der BFC in Babelsberg

Fußball und Humor gehören nicht zwangsläufig zusammen.

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Es gibt Menschen, die haben das ­Lachen verlernt. Oder sie haben schlicht und ergreifend in ihrem Leben nie wirklich gelacht. In diesem Fall konnten sie natürlich auch nichts verlernen. Allenfalls ist ihnen Ironie und Zynismus bekannt oder übriggeblieben. Selbst wenn es so aussieht, als würden sie lachen, ist es nur Imitation eines beobachteten Verhaltens. Mimikry – Anpassung, um nicht aufzufallen. Sie können sich natürlich auch nicht mehr freuen, nicht über das eigene Glück, schon gar nicht über das Glück ihrer Mitmenschen.
Ich erinnere mich gut an die folgende Situation. Während einer Weltmeisterschaft trug es sich zu, dass eine mir unbekannte Frau auf mich zutrat. Sie gehörte zu einer Gruppe von jungen Frauen, die offenbar die baldige Hochzeit einer ebenfalls ­anwesenden Freundin einleiten wollten. In ihrer Hand führte sie ein Miniaturschminkset mit sich. Drei Farben enthielt dieses kleine Kästchen: Schwarz, Rot und Gelb. In ihrer selbstsicheren Annahme, dass es für jeden Menschen das Schönste sein müsse, mit diesen Farben durch die Stadt zu laufen, wären meine Wangen beinahe unvermittelt bemalt worden. In letzter Sekunde konnte sie von ihrem Tun abgehalten werden.
Sie schaute mich mit einem sehr mitfühlenden Blick an. Ich tat ihr leid. Man merkte es ihr an und sie sagte es genau so: »Du tust mir leid.« Sie und ihre Freundinnen standen für die Lust am Leben. Ich dagegen repräsentierte für sie wohl eher die menschgewordene Depression.
Ähnlich wie mir damals Humorlosigkeit unterstellt wurde, attestierte man dies auch im August 2004 der Babelsberger Nordkurve. In beiden Fällen wollte die eine Seite sich einen »Spaß« erlauben und die Gegenseite nicht so richtig mitspielen. Daraufhin gewannen beide Positionen an Schärfe, und damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Wie viel Humor und Ironie in der Geschichte steckt, wäre vielleicht an anderer Stelle zu untersuchen. Sie endete jedenfalls mit einem größeren Polizeieinsatz und etlichen Verletzungen. Hier wurde nicht nur ironisch gebrochen, sondern absolut handfest. Diverse Näharbeiten im Gesicht und ein Fußbruch stellten sich als sehr authentisch heraus. Was war passiert am 2. Spieltag der NOFV-Oberliga Nord?
Im Heimspiel gegen den DDR-Rekordmeister, den Berliner Fußballclub Dynamo, passierte auf dem grünen Rasen erst gar nichts und dann sehr viel. Beide Teams hatten ihre Chancen, verzichteten an diesem Tag aber darauf, sie zu nutzen. Die Babelsberger waren dem Sieg vor allem durch eine stärkere zweite Halbzeit insgesamt näher. Dennoch endete das Spiel torlos unentschieden und wird unter sportlichem Aspekt nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Von Babelsberger Seite wurde zu passiv agiert und der Punktgewinn für die Gäste aus Berlin kam einem doppelten Punktverlust der Heimmannschaft gleich. Aber der heilige Rasen sollte an diesem Tag später noch seine besondere Rolle spielen.
Bereits vor Terminierung des Spieles war abzusehen, dass es ein besonderes werden würde. Allein wegen der erwarteten Zuschauerzahl, die deutlich höher lag als sonst. Das war den Gästen aus Berlin und ihrem Anhang zu verdanken. Nachdem ei­nige Jahre direkte sportliche Duelle aufgrund unterschiedlicher Ligenzugehörigkeit ausfielen, sollte gleich zu Beginn der neuen Oberligasaison dieser Höhepunkt anstehen. Die Berliner waren gerade aus der Verbandsliga aufgestiegen und somit generell heiß auf das Abenteuer Oberliga. Weiterhin ist bekannt, dass der weinrot-weiße Anhang besonders gern auswärts reist. Mit einem gutgefüllten Gästeblock war also zu rechnen, was sonst allenfalls noch für Spiele gegen TeBe galt. Am Ende fanden sich im Stadion 3 003 zahlende Zuschauer ein, wovon mindestens 1 000 die Ostberliner anfeuerten. Oder jedenfalls nicht wollten, dass Babelsberg gewinnt.
Wie von Seiten langjähriger BFC-Fans zu hören ist, finden sich unter ihnen auch regelmäßig Besucher ein, denen das Wohl der Gastmannschaft im Allgemeinen eher egal ist. Eine Entschuldigung für Übergriffe im Umfeld des Spieles ist dies natürlich nicht. Aber klar: das Spiel hatte für einen Teil der Besucher auch deshalb erhöhte Anziehungskraft, weil es politische Brisanz besaß.
Am 14. August 2004 aber schlenderte bereits vor dem Spiel eine Gruppe von erlebnisorientierten Berlinern am Babelsberger Fanladen vorbei. In Ermangelung von ebenbürtigen Raufkumpanen blieb es bei Einladungen und bösen Blicken. Anders sah die Situation im Stadion aus. Ungefähr 40 Anhänger des BFC hatten es sich auf der Haupttribüne, und nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, im Gästeblock gemütlich gemacht. Sie hatten reguläre Tickets für diesen Bereich erworben und fühlten sich dort pudelwohl. Von dort aus verfolgten sie das Spiel und sollten ihren großen Auftritt zum Abpfiff haben.
Wie schon berichtet, war der Punktgewinn für den Berliner Anhang ein Grund zum Jubeln. In ähnlichen Konstellationen begeben sich Teams nach Spielende zu den eigenen Fans und jubeln diesen zu. Sie feiern ihren Erfolg. Bei diesem Spiel übernahmen diese Aufgabe die besagten ­Zuschauer der Haupttribüne. Sie hatten – ohne von irgendjemandem dabei aufgehalten zu werden – das Spielfeld betreten und begaben sich direkt vor den prall gefüllten Gästeblock. Dort zelebrierten sie ausgiebig und enthusiastisch die Welle mit »ihren« Fans. Wären sie nach diesem »kleinen Scherz« wieder verschwunden, sei es in den Gästeblock oder auch wieder auf die Haupttribüne, die Geschichte hätte hier ihr Ende. Dem war aber nicht so. Sie zogen es vor, ihren Scherz noch weiter auszureizen und das gleiche Spiel mit der Babelsberger Nordkurve zu veranstalten.
Daraufhin passierte, was wohl in jedem anderen Stadion auch passiert wäre. Die ungebetenen Gäste auf dem Rasen wurden mit Bierbechern und hier nicht wiederholbaren Worten bedacht. Die ohnehin schon aufgeladene Stimmung eskalierte nun in erschreckender Geschwindigkeit. Babelsberger Zuschauer wurden vom Zaun gerissen und verprügelt. Panik breitete sich im Fanblock der Nulldreier aus, musste zu diesem Zeitpunkt doch auch davon ausgegangen werden, dass BFCer auch den inneren Bereich der Heimkurve entern würden.
Irgendwann griff die anwesende Polizei ein und verscheuchte die Platzstürmer. Für Zuschauer, die kein Interesse an irgendwelchen körper­lichen Auseinandersetzungen haben, stellte sich das Erlebte als überaus gespenstisch dar. Rund um das Stadion blieb es hektisch und teilweise gewalttätig.
Wer nun davon ausging, dass der einseitige Gewaltausbruch im Nachgang von allen Zuschauern verurteilt worden wäre, sollte überrascht werden. Sie wollten doch nur feiern, sie hätten sich einen Spaß erlaubt, man dürfe bei kräftigen Jungs eben nicht so ungehalten reagieren, Babelsberg hätte auch provoziert, und so weiter und so fort. Überhaupt, es war doch nur ironisch gemeint und Spaß müsse man doch noch aushalten können. Zumindest einige Foren verbreiteten diese Ansichten. Für den übergroßen Anteil der Anwesenden – zumindest der Babelsberger Anhängerschaft – stellte sich die Situation gänzlich anders dar. Eine Machtdemonstration von gewaltsuchenden Hooligans. Ironisch gebrochen – hin oder her.
Rico Noack: »Fußballfibel Bd. 2 – SV Babelsberg 03«. Culturcon Medien, Berlin 2015, 140 Seiten, 9,99 Euro.