Berlin Beatet Bestes

Haben Sie auch Progressives und Überraschendes?

Berlin Beatet Bestes. Folge 358. Half Girl: All Tomorrow’s Monsters (2016).

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Als ich Ende der neunziger Jahre noch in der 60s-Garage-Szene unterwegs war, kam ich regelmäßig in den Laden von Crypt-Records in Hamburg und fragte: »Und? Gibt’s irgendwas neues? Irgendeine progressive Band, die was Überraschendes macht?« Und jedes Mal guckte mich der Verkäufer ratlos an und antwortete schulterzuckend: »Du weißt doch, was wir hier haben.« Das wusste ich tatsächlich ganz gut und war dennoch enttäuscht, dass Attribute wie progressiv und überraschend dort nicht mehr vorgesehen waren. Kurze Zeit später verabschiedete ich mich aus der Szene, die zwischen den White Stripes und Oldies-Kapellen verödete.
Hätte es damals eine Band wie Half Girl gegeben, wäre meine Begeisterung für Garage Rock sicher noch länger erhalten geblieben. Nun verortet sich die Berliner Band gar nicht in dieser Szene, aber die Einflüsse sind da. Gleich der erste Titel des Albums »Mojo« ist eine Halloween-Beat-Nummer, inklusive rudimentärem Maureen-Tucker-Schlagzeug. Weitere Monstersongs folgen. Half Girls Cover-Versionen von Eddie Noacks Country-Ballade »Psycho« (1968) und Skeeter Davis herzzerreißendem »The End Of the World« (1962) werden zu dramatischen, in noisigen Gitarrenlärm gehüllten Balladen. Natürlich ist auch ihr Hit »Lemmy, I’m a Feminist« zu hören.
Am schönsten sind jedoch die ­eigenen Songs der Band. Mein Lieblingslied ist »Im Zeichen des Donald«: »Ich bin im Zeichen des Donalds geboren/Ein schwarzes Pferd hat mich im Lauf verloren/Ich seh’ Monster in der Nacht/Am weißen Tag/Out of the light/Into the dark«. Reimt sich. Viele Songs haben abwechselnd deutsch- und englischsprachige Textpassagen. Mir gefällt Deutsch besser. Half Girls Englisch klingt irgendwie deutscher als ihr Deutsch. Aber egal, »All Tomorrow’s Monsters« hat alles: Hits, eingängige Melodien, Surf-Gitarre und mehrstimmigen Gesang.
Der Albumtitel spielt auf »All Tomorrow’s Parties« von Velvet Underground und Nico an. Ich muss eher an ­Television Personalities denken. So progressiv wie die TVPs in den achtziger Jahren mit den Sechzigern umgingen, tun Half Girl es heute mit ihrem Garage Rock, der gar keiner sein will.

Am Freitag, dem 23. September, feiern Half Girl die Veröffentlichung mit einer Record-Release-Party im »Ausland« in Berlin. Danach geht’s auf Tour. Nicht verpassen!