Eine neue Ausstellung und Diskussion über die Flugzeugentführung von Entebbe

Ehrenrettung des linken Antisemitismus?

Eine neue Ausstellung in Frankfurt am Main befasst sich mit der Flugzeugentführung von Entebbe. 40 Jahre nach dem Ereignis wird erneut in Frage gestellt, dass die damalige Selektion der Geiseln durch die Entführer antisemitisch motiviert war.

»Es war eine schreckliche Szene – der harte deutsche Akzent und dann diese selekzia.« Julie Aouzerate sprach diese Worte kurz nach ihrer Befreiung. Nicht etwa der aus dem Vernichtungslager Auschwitz, sondern der aus den Händen deutscher und palästinensischer Terroristen. Sie war eine der Personen, die sich am 27. Juni 1976 in einem Flugzeug der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris befanden. Nach einer Zwischenlandung in Athen wurde die Maschine von zwei Mitgliedern der »Revolutionären Zellen« (RZ), Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, sowie zwei palästinensischen Terroristen der PFLP entführt und schließlich nach Entebbe in Uganda geflogen. Mit der Aktion sollten insgesamt 53 Gefangene vor allem in Westdeutschland und Israel freigepresst werden. Im Terminal von Entebbe gruppierte Böse die Geiseln in jüdische und nichtjüdische. Während die meisten Nichtjuden freigelassen wurden, mussten die übrigen Geiseln – hauptsächlich israelische, aber auch französische Juden – damit rechnen, von den Entführern umgebracht zu werden oder bei einem Befreiungsversuch ums Leben zu kommen. Viele der Geiseln – unter ihnen Überlebende der Shoah – fühlten sich durch die Art der Auswahl, vorgenommen von einem Deutschen, an die Selektionen an der Rampe von Auschwitz erinnert.
Einige Tage später gelang es israelischen Spezialeinheiten in einer spektakulären Befreiungsaktion, einen Großteil der übriggebliebenen Geiseln zu retten. Alle Terroristen, 20 ugandische Soldaten, die die Entführer unterstützt hatten, und drei der Geiseln kamen dabei ums Leben. Eine vierte Geisel, die 75jährige Israelin Dora Bloch, befand sich während des Befreiungsunternehmens in einem Krankenhaus und wurde am nächsten Tag auf Befehl des ugandischen Machthabers Idi Amin erschossen.
Unter dem Titel »Die Selektion von Entebbe?« erinnert nun eine Ausstellung in der »Bildungsstätte Anne Frank« in Frankfurte am Main an die Vorkommnisse jener Sommertage vor 40 Jahren. Das Fragezeichen sei nicht zufällig im Titel, sagt Markus Häfner. »Der Ausstellungsbesucher soll selbst entscheiden, ob es eine Selektion war oder nicht.« Häfner, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Frankfurt arbeitet, hatte zusammen mit einem Kollegen die Leitung des Projekts übernommen. Kuratiert worden sei die Ausstellung aber selbstständig von acht Studierenden. »Sie haben die ganze inhaltliche Arbeit übernommen«, erzählt Häfner.
Wer die Ausstellungsräume betritt, sieht zunächst eine Wandprojektion mit allen bekannten Namen der Geiseln. Die Ausstellung solle »opferzentriert« sein, darauf weisen die studentischen Kuratoren in ihrer Vorstellung immer wieder hin. Mit Hilfe von Informationstafeln und kurzen Filmsequenzen werden dem Ausstellungsbesucher die Ereignisse nähergebracht. Besonders interessant ist der Teil, in dem es um die Rezeption der Ereignisse in verschiedenen Medien geht.
In der KPD/ML-Zeitung Roter Morgen etwa wurde kein Wort über das Vorgehen der RZ verloren. Stattdessen schimpfte das maoistische Blatt über die »faschistische Aggression« Israels: »Nach dem Muster dieser faschistischen Propaganda der Hitlerfaschisten, mit der sie ihren faschistischen Überfall auf Polen ›rechtfertigten‹, wird jetzt der Überfall der israelischen Zionisten als ›Akt der Notwehr‹ und der ›Selbstverteidigung‹ hingestellt.«
Doch während die Ausstellung den antisemitischen Charakter der Selektion von Entebbe letztlich bestätigt, wurde er während des Podiumsgespräch anlässlich der Ausstellungseröffnung vergangene Woche in Zweifel gezogen. »Es gibt keine wissenschaftliche Literatur zu Entebbe, die methodisch vorgeht und quellenbasiert ist«, behauptet die Historikerin Freia Anders von der Universität Mainz. Sie betont, dass sich auch unter den freigelassenen Geiseln viele Juden befunden hätten. Doch was beweist das?
Das »Selektionsnarrativ« sei von den verschiedenen Medien immer wieder voneinander abgeschrieben und auf diese Weise fortgeschrieben worden, so Anders. Sie sei mittlerweile davon überzeugt, »dass man von einer antisemitischen Selektion nicht sprechen kann«. Das stößt bei vielen der etwa 80 Besucher auf Widerspruch. »Sie versuchen hier offenbar, die Ehre der radikalen Linken zu retten«, ruft ein junger Mann im Publikum. Er wirft Anders vor zu versuchen, auf traditionslinke Art den vermeintlich guten Antizionismus vom bösen Antisemitismus abzutrennen. »Was soll denn daran nicht antisemitisch sein, wenn nicht Juden, sondern Israelis ausgewählt wurden?« fragt er.
Doch für Diskussionen ist an diesem Abend keine Zeit mehr. So bleibt den Veranstaltern nichts anderes übrig, als auf das Begleitprogramm zur Ausstellung zu verweisen. In den kommenden Monaten sind unter anderem der Antisemitismusforscher Klaus Holz und der Terrorismusexperte Wolfgang Kraushaar in der Bildungsstätte zu Gast. Ende Januar spricht Gregor Gysi über das komplizierte Verhältnis der Linkspartei zu Israel.
Der in Israel geborene Direktor der Bildungsstätte, Meron Mendel, sagte während der Vernissage, er sei »mit dem Mythos von Entebbe groß geworden«. Unabhängig von den Vorgängen in der Flughafenhalle sei die Befreiung der Geiseln ein wichtiges und identitätsstiftendes Signal für die israelische Gesellschaft gewesen. Die »Operation Entebbe« habe deutlich gemacht, dass es einen jüdischen Staat gebe, »dessen Verantwortung es ist, Juden überall auf der Welt zu retten – auch Tausende Kilometer von Israel entfernt«.
Die Ausstellung ist noch bis zum 21. Dezember in der »Bildungstätte Anne Frank« in Frankfurt am Main zu sehen.

www.selektion-von-entebbe.de

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