Im Schatten des Giganten

Der Comicstrip ist eine Erfindung des Zeitungswesens –
und Marc Sleen sein ungekrönter König.

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Nero und Co.? Nie gehört. Während Tim & Struppi einen in Brüssel an jeder Ecke anspringen, fehlt von Nero und Co. jede Spur. Obwohl Hergé bereits 1983 starb, werden mit der Marke Tim jedes Jahr Millionen Euro umgesetzt. Dabei hat Hergé zu Lebzeiten nur 24 »Tim & Struppi«-Alben veröffentlicht – ein überschaubares Werk, das allerdings bis heute auf der ganzen Welt nachgedruckt wird. Der Comiczeichner Marc Sleen arbeitete 45 Jahre lang im Schatten dieses Comic-Giganten, bis er 1980 den Stift endgültig niederlegte. Seine berühmteste Figur war Nero, ein tollpatschiger Familienvater, dessen Abenteuer zwischen 1947 und 2002 in unglaublichen 217 Alben veröffentlicht wurden. Außerhalb Belgiens blieb der biertrinkende Vorfahre Homer Simpsons nahezu unbekannt.
Die Kuratoren des riesigen Belgischen Comicmuseums scheinen das nicht ändern zu wollen. In dem liebevoll renovierten ehemaligen Kaufhaus sucht man das Werk Sleens vergeblich – stattdessen wimmelt es von Schülern, denen auf großen Schautafeln erklärt wird, was ein Comicstrip ist und wie er gezeichnet wird. Die verrückte Welt des Papiers, mittlerweile ist sie erklärungsbedürftig geworden. Außer einer Handvoll Originalen hat das Museum eingefleischten Comicfans kaum etwas zu bieten. Ganz im Gegensatz zu dem, was sich vis-à-vis des großen Museums befindet. In der winzigen Marc Sleen gewidmeten Ausstellung sind wir die einzigen Gäste. Die Frau an der Kasse ist zugleich die Museumsführerin. Und sie staunt, dass einer ihrer heutigen Besucher alle zwölf Alben gesammelt hat, die von Nero und Co. in den frühen siebziger Jahren in Deutschland erschienen sind.
An der Hausfassade steht in goldenen Lettern »La presse socialiste cooperative«. Die Rue de Sables war bis in die fünfziger Jahre der Sitz vieler Brüsseler Zeitungen. Auch Sleen ging in einem der Zeitungsbüros täglich ein und aus, um seine Strips zu zeichnen. Bis das Viertel sich in den siebziger Jahren leerte: Zuerst schlossen die Fabriken, dann folgte der Niedergang des Zeitungsviertels. Marc Sleen ließ sich später von einem der verfallenen Verlagsgebäude zu einem Nero-Album inspirieren. Erst 2009 bekam er dann sein eigenes Museum an genau dieser Stelle.
Hergé wurde 1907 geboren und begann seine Zeichnerkarriere in den zwanziger Jahren ebenfalls im Zeitungswesen. Als der 15 Jahre jüngere Sleen 1947 seine ersten Zeitungsstrips veröffentlichte, war Hergé bereits etabliert. Beide arbeiteten aber zunächst unter ähnlichen Bedingungen und im selben Genre, dem Abenteuercomic. Die wöchentlichen und täglichen Zeitungsstrips, die Weeklies und Dailies, verlangten eine Erzählweise, die sich von der in Comicalben und Graphic Novels unterscheidet. Ein Daily kommt meist mit vier bis fünf Bildern aus, in jedem Strip muss erneut ins Geschehen eingeführt werden. Handelt es sich zudem um einen Fortsetzungsstrip, wird eine Episode abgeschlossen, eine weitere begonnen, und am Ende ist meist ein Gag oder Cliffhanger zu finden. Der Nachteil dieser Fortsetzungsgeschichten besteht in der Wiederholung und Platzbeschränkung.
Hergé genoss bereits in seiner frühen Schaffensphase einen Vorteil: Ihm wurden gleich ein oder zwei Seiten zur Verfügung gestellt – zumindest in den konservativen katholischen Jugendmagazinen, in denen er veröffentlichte. Das ließ ihm Raum für ein entspanntes Timing – er konnte Tim auch mal wortlos durch die afrikanische Steppe laufen lassen  – und ermöglichte ihm, aus dem Kindermedium Comic graphische Literatur entstehen zu lassen. Das europäische Comicalbum war geboren.
In den späten vierziger Jahren waren viele Europäer begeistert von den Erzeugnissen der US-amerikanischen Popkultur. Während sich Comichefte und -alben durchsetzten, blieb der Strip, die Urform des Comic, ein weitgehend US-amerikanisches Phänomen. Ihm wandte sich Sleen zu und zeichnete bis zu sechs Strip-Serien parallel, darunter auch einige gag-a-day-Strips. Wie Hergé setzte auch Sleen auf Abenteuer und Humor, wählte aber keinen edlen und mutigen Protagonisten vom Typ Tim, sondern den einfältigen, impulsiven Nero. Wann immer Tim zu bieder und brav wird und comic relief gefragt ist, kommen Haddock oder Schulze und Schultze ins Spiel. Nero hingegen ist selbst ein Antiheld, ein exzentrischer Pechvogel, dem ein ganzes Arsenal von ähnlich vierschrötigen Gestalten zur Seite steht. Sein hochbegabter Sohn Adhemar etwa, die Pfeife rauchende Madame Pheip oder der Pirat Abraham Tuizentfloot. Nero reist um die ganze Welt – so wie Tim, nur in rasendem Tempo. Er stürzt von einem Unglück ins nächste, als ahnte sein Schöpfer nicht, wohin es den Helden treiben würde.
Sleens Spott über Diktatoren, Brüsseler Bürokraten und Hippies spiegelt sich in seinen Comics ebenso wider wie Belgiens Kolonialgeschichte, die sich in Form von rassistischen Darstellungen wie ein roter Faden durch die Nero-Geschichten ziehen. Das Stereotyp des primitiven afrikanischen Buschmannes durchbricht Sleen aber immer wieder. Während Nero in einer Folge von feindlichen Stammeskrieger angegriffen wird, stößt er in der nächsten auf eine Gruppe separatistischer Kommunisten, denen der Dschungel Zuflucht vor Repression und Diktatur bietet. Welche populären Medien beschäftigen sich heute noch mit Afrika, ohne sich in Problemen zu wälzen?
Marc Sleen setzte sich als schillernde Persönlichkeit in Szene, als eine Art Grzimek und Loriot in Personalunion. Die Rückseite eines Nero-Albums zeigt ihn im Safarihemd mit einem Geparden. Die Museumsführerin erzählt, dass Sleen sich bereits in den siebziger Jahren für den World Wildlife Fund engagierte. Schließlich wurde er populär und berichtete im belgischen Fernsehen in einer Reihe über seine Reisen nach Afrika. Berühmt wurde eine Szene, in der sein Gepard ihm das Hemd zerriss.
Karikaturen gab es lange, bevor es die Presse gab. Der Comicstrip ist die einzige Kunstform, die vom Zeitungswesen hervorgebracht wurde, und er entwickelte sich in einer Zeit, als die tägliche Lektüre und die Verbundenheit mit einem bestimmten Blatt noch verbreitet waren. Mit den Zeitungen verschwinden auch der Comicstrip und die Anforderung, pointiert zu erzählen und sich kurz zu fassen. So wie der Jazz sich des Tanzes entledigte, der ihn hervorgebracht hatte, und die bildende Kunst auf handwerkliches Geschick verzichtete, das sie ursprünglich ermöglicht hatte, verabschiedete sich der Comic zuletzt vom Humor, der ihm den Namen gab. Das Erzähltempo der Dailies mag in Zeiten von Facebook und Twitter langsam anmuten. Tatsächlich hat sich das Medium Comic aber noch weiter verlangsamt, denn bis zur Veröffentlichung einer 300 Seiten umfassenden Graphic Novel dauert es mitunter Jahre. Marc Sleen, der König der europäischen Abenteuerstrips, ist heute 93 Jahre alt. 45 Jahre lang zeichnete er Zeitungsstrips, so schnell und verrückt wie kaum ein anderer. Mit ihm wird eine Form sterben, die das Genre begründete.