Die Ausstellung »The Power of the Avant-garde« in Brüssel

Starkes Tönen mit dumpfem Nachhall

In der Ausstellung »The Power of the Avant-garde« treffen in Brüssel historische Werke
und Arbeiten zeitgenössischer Künstler aufeinander.

Anzeige

Hitler wäre schlecht geworden, wenn er diese Ausstellung im »Bozar« gesehen hätte, dem »Centre for Fine Arts« in Brüssel. 120 Werke sind hier unter dem Titel »The Power of the Avant-garde. Now and then« versammelt – mit den Arbeiten der historischen Avantgarden geht’s los. Unwillkürlich stellt man sich die bunte Künstlerschar vor, die diese Werke zu verantworten hatte. Die Hipster des frühen 20. Jahrhunderts: Italiener, Russen, Deutsche, Belgier, plötzlich stehen sie sich sehr nah. Was sie eint, ist der Wunsch, an einer neuen Strömung teilzuhaben – ein Verlangen, das der mal mehr, mal weniger gelungenen grellbunten Abstraktion der Bilder noch 100 Jahre später anzusehen ist. Nur die wenigsten dieser Künstler haben zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts viel Geld verdient; aber dieses Gefühl, Teil einer revolutionären, heißen Bewegung, eben die Vorhut dessen zu sein, was sich andere noch gar nicht vorstellen konnten, hat Künstler wie Piet Mondriaan, Fernand Léger, Luigi Russolo und die Mitglieder der Gruppen »Der Blaue Reiter« und »Die Brücke« beflügelt.
Der Stolz und die Überheblichkeit, die damit einhergehen, über das Spezialwissen eines eingeschworenen Zirkels zu verfügen, sich abzugrenzen und dauerhaft mit kommerziellem Misserfolg konfrontiert zu werden – dies war durchaus vergleichbar mit dem, was sich in zahlreichen Subkulturen später noch abspielen sollte. Als Hitler noch seelenruhig schlechte, naturalistische Aquarelle pinselte, sah er sich umringt von diesen Künstlern, auf deren Selbstbewusstsein er ebenso neidisch war, wie er sich über die Geringschätzung seiner Arbeiten ärgerte.
Am beeindruckendsten ist das kleinste Bild der Ausstellung, eine schwarzweiße Bleistiftzeichnung von Tour Donas. Ihr 1917 entstandenes Werk »Kubistischer Kopf« ist eine ­stilsichere und handwerklich makellose Arbeit, die von herr­licher Ruhe zeugt und auf einem A4-Blatt Platz findet. Hinter dem mysteriösen, geschlechts­losen Pseudonym verbarg sich die belgische Künstlerin Marthe Donas, die sich in Paris der Künstlergruppe Section d’Or anschloss und 1918 das Atelier Piet Mondriaans übernahm. Sie hatte mit ihrer Kunst bereits früh Erfolg, verkaufte ihre Werke nach Amerika und stellte in der ganzen Welt aus. 1967 starb sie im Alter von 81 Jahren im belgischen Audregnies.
Um den Nachhall der Avantgarde zu illustrieren, sind im hinteren Teil von »The Power of the Avant-garde« Arbeiten zeitgenössischer Künstler zu sehen, die sich auf die Werke und zeitlichen Umstände ihrer Vorgänger beziehen. Für die historische Avantgarde zählten vor allem Idee und Geste, viele Bilder wurden in nur wenigen Stunden gemalt. Die modernen Exponate – aufgeblasene Schnappschüsse und Photoshop-Collagen – wirken hingegen wie das Ergebnis weniger Minuten. Die gigantisch angewachsene zeitgenössische Kunstproduktion und die Gleichgültigkeit, mit der ihr überwiegend begegnet wird, ist auch darauf zurückzuführen, dass jedes Kind mittlerweile über die digitalen Möglichkeiten verfügt, mit der Kunstwerke produziert werden. Die Künstler des frühen 20. Jahrhunderts versuchten dem rückschrittlichen Kunstbegriff des 19. Jahrhunderts noch mit handwerklichen Mitteln der Malerei und Bildhauerei beizukommen. Die Mischung aus Ablehnung und Bewunderung, die ihnen damals entgegengebracht wurde, ziehen heute allenthalben Street-Art-Künstler auf sich. Vielleicht wird es langsam Zeit, dass der rückschrittliche Kunstbegriff des 20. Jahrhunderts abgelöst wird.
Die Ausstellung »The Power of the Avant-garde. Now and then« ist noch bis zum 22. Januar 2017 im »Bozar« in Brüssel zu sehen.