Tödliche Gewalt im deutschen Fanmilieu

Tod eines Fußballfans

Mit Hannes S. starb nach langer Zeit wieder ein Fußballfan wegen gewalttätig ausgetragener Vereinsrivalitäten.

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Es sei »eine Träumerei, dass wir irgendwann eine völlig gewaltfreie Fankultur erreichen«, lautet die gleichermaßen realistische wie umstrittene Einschätzung von Steffen Kluge zum Thema »Gewalt und Fußball« auf einer Veranstaltung, unter anderem mit dem Oberbürgermeister der Stadt, in Halle. Er ist Leiter des Fanprojekts Halle und hat daher einen guten Einblick in diese Welt. Dass Kluges Meinung und die seiner Kollegen von den Stadtoberen gefragt war, liegt an Hannes S.
Hannes S. ist tot. Der Fan des 1. FC Magdeburg starb Anfang Oktober an den schweren Verletzungen, die er sich beim Sturz aus einem Zug zugezogen hatte. Auch vier Wochen nach dem Vorfall gibt es mehr Spekulationen als gesicherte Informationen darüber, was zu seinem Tod führte. Fest steht, dass der 25jährige am 1. Oktober zusammen mit drei Freunden um 23 Uhr 55 den Regionalzug in Haldensleben bestieg. Dort trafen die Männer unvermittelt auf 80 Anhänger des großen Rivalen, des Halleschen FC, die gerade von einem Auswärtsspiel bei Fortuna Köln kamen. Die Fans aus Halle waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Stunden unterwegs, auch weil sie eine ungewöhnliche Reiseroute über Wolfsburg gewählt hatten, mutmaßlich weil sie keine Begleitung durch die Polizei wünschten. Die Hallenser Gruppe war gewaltbereit und aufgeputscht, nach Angaben der polizeilichen Sonderermittlungsgruppe »Hannes« bestand sie größtenteils aus Personen der Kategorie B und C, also aus Ultras und Hooligans, die gewalttätigen Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg gehen oder sie sogar suchen. Die Anhänger des HFC waren bereits vorher aufgefallen, in Gifhorn war ein Mann während der Bahnfahrt aus ihrer Gruppe heraus attackiert und geschlagen worden. Einen Bezug zum Fußball gab es bei diesem Angriff nicht.
Was genau nach dem Aufeinandertreffen der Gruppe um Hannes S. mit den HFC-Fans passierte, ist nicht bekannt, auch weil die Aufzeichnungen aus dem Zug nicht verwertbar sind. Fest steht, dass es zu einer Auseinandersetzung kam, an deren Ende Hannes S. mit schwersten Verletzungen auf den Gleisen lag. Nach Angaben der Polizei soll er eine Notverriegelung selbst gelöst haben und aus dem fahrenden Zug gesprungen sein. Inwieweit er dazu gedrängt wurde und welche Rolle Todesangst und Alkoholisierung bei seiner Entscheidung spielten, aus dem fahrenden Zug zu springen, ist nicht bekannt. Hannes S. wurde erst eine Stunde später mit schwersten Verletzungen 300 Meter vom Bahnhof Haldensleben entfernt gefunden. Ob die drei anderen Magdeburger, die am nächsten Bahnhof von den Hallensern aus dem Zug gedrängt wurden, das Fehlen ihres Freundes nicht bemerkten, ist ebenfalls unklar.
Im Magdeburger Walter-Friedrich-Krankenhaus wurde Hannes S. ins künstliche Koma versetzt. In den folgenden Tagen machten Magdeburger Fans immer wieder unter dem Motto »Kämpfe, Hannes!« auf den Fall aufmerksam, sie veranstalteten unter anderem Kundgebungen vor dem Krankenhaus. Auch andere schlossen sich an, Anhänger des BSG Chemie Leipzig präsentierten während eines Auswärtsspiels in Eilenburg ebenfalls ein dem Schwerverletzten gewidmetes Spruchband. Doch Hannes S. starb im Krankenhaus. Hunderte Fans versammelten sich daraufhin sowohl am Magdeburger Stadion als auch am Bahnhof Haldensleben. Die Auswirkungen auf die Fanszene des 1. FC Magdeburg kann derzeit noch niemand beurteilen. Es gab Beileidsbekundungen aus fast allen Teilen der Republik, einen großen Gedenkmarsch auf den Spuren der Strecke, die der verstorbene Fußballanhänger für gewöhnlich zum Stadion zurücklegte, eine Gedenkminute. Weiterhin wurde ein Kreuz aus roten Bengalos im Heimspiel gegen Chemnitz entzündet – obwohl Magdeburg unter besonderer Beobachtung des DFB steht. Reaktionen der Hilflosigkeit und der Ohnmacht – auf ihrer Homepage schrieben die Magdeburger Ultras, dass »an Fußball und alles, was das Fanleben ausmacht, momentan absolut nicht zu denken« sei.
Die in diesem Kontext wichtigsten Zeichen kamen von den beiden verfeindeten Ultragruppen aus Magdeburg und Halle, der »Saalefront« und der »Blue Generation«. Beide forderten die Anhänger und Anhängerinnen der jeweiligen Vereine dazu auf, nicht unüberlegt zu reagieren und besonnen zu bleiben. Allerdings liest sich die kurze Erklärung aus Sicht der Ultras der »Saalefront« etwas anders, waren doch zumindest einige von ihnen bei der Auseinandersetzung anwesend, die mit dem Sprung von Hannes S. aus dem Zug endete. So stellt sich tatsächlich die Frage, ob sie den Vorfall hätten verhindern können. Andere Reaktionen sind dagegen eher aktionistisch. Die Oberbürgermeister aus Halle und Magdeburg telefonierten miteinander und plädierten »für ein Ende von Gewalt und Hass«. Die Präsidenten der beiden betroffenen Vereine vereinbarten einen »Antigewaltgipfel« im November. Nicht weniger und nicht mehr, als was erwartbar war. Hannes S. ist nicht das erste Opfer im deutschen Fanmilieu, vor ihm starben bereits Adrian Maleika und Mike Polley, Anhänger von Werder Bremen beziehungsweise des BFC Dynamo. Beide Todesfälle liegen jedoch schon mehr als 25 Jahre zurück. Der Eventfußball in großen Arenen und die repressive Ausrichtung der Polizei haben den Profifußball im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren zwar ruhiger und friedlicher werden lassen. Erbitterte Fanrivalitäten bestehen allerdings immer noch. Wegen einer solchen Gegnerschaft zu sterben, dürfte den meisten Beteiligten bis vor wenigen Wochen allerdings noch vollkommen unvorstellbar erschienen sein. Fanprojektleiter Kluge hat recht: Eine völlig gewaltfreie Fanszene wird es niemals geben. Und es dürfte auch nicht lange dauern, bis erste Krawallfreunde wieder »Tod und Hass dem Verein XY« plärren. Wie der Tod von Hannes S. gezeigt hat: Manche meinen es damit ernst.