Eine Graphic Novel über die israelische Schauspielerin Channa Maron

Channa Marons Unabhängigkeitserklärung

Channa Maron war Israels »Königin der Bühne«. Ihre Karriere begann sie als Pünktchen aus Erich Kästners »Pünktchen und Anton« am Deutschen Theater in Berlin. 1933 floh sie mit ihrer Familie und lebte fortan in Palästina. 1970 wurde sie Opfer eines palästinensischen Terroranschlags in München und verlor deshalb einen Fuß durch Amputation. Dennoch setzte sie ihre Schauspielkarriere fort und engagierte sich für den Friedensprozess. Barabar Yelin und David Polonsky haben wichtige Stationen ihrer Biographie in einer Graphic Novel festgehalten.

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Als Channa Maron im Sommer 2014 im Alter von 93 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb, trauerte ganz Israel um die größte Theaterschauspielerin des Landes, die noch mit weit über 80 Jahren Hauptrollen in dem von ihr mitbegründeten Cameri-Theater in Tel Aviv gespielt hatte. In Israel kannte fast jeder die Israel-Preisträgerin von 1974, die Friedensaktivistin, Freundin von Moshe Dayan und Yitzhak Rabin und First Lady des israelischen Theaters. Und während sie im Guiness-Buch der Rekorde als »dienstälteste Schauspielerin der Welt« verzeichnet war, ist sie in Deutschland, wo die Karriere der Tochter einer polnisch-ungarisch-deutsch-jüdischen Familie auf den Bühnen Berlins begann, nahezu unbekannt geblieben. Einzig in Wolfgang Kraushaars Studie »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Linksterrorismus findet sie Beachtung, allerdings nicht primär als bedeutende Schauspielerin, sondern als prominentestes Opfer der ersten »Konfrontation von arabischen Guerillas und Israelis auf westdeutschem Boden«, wie der Spiegel 1970 schrieb. Gemeint war der Anschlag auf dem Flughafen München-Riem im Februar 1970. Er galt den Transitpassagieren der israelischen Fluggesellschaft El-Al, bei dem durch zwei Handgranaten ein Passagier getötet und elf zum Teil schwer verletzt wurden. Die damals 46jährige Maron verlor bei dem Anschlag ihren linken Fuß, und allein aufgrund dieses tragischen Ereignisses erschienen nach ihrem Tod fast 50 Jahre später auch Nachrufe in deutschen Medien.
Doch Channa Maron war mehr als nur ein Opfer des palästinensischen Terrorismus, wie Barbara Yelin in ihrer Graphic Novel »Vor allem eins: Dir selbst sei treu« zeigt. Der Comic basiert auf einer Ausstellung über das Leben der als Hanna Meierzak im November 1923 in Berlin geborenen Schauspielerin. Das Goethe-Institut in Israel hatte die Münchner Zeichnerin Yelin mit dem Ausstellungsprojekt betraut und sie gebeten, das bewegte Leben der Schauspielerin zu zeichnen. Man wolle »auf die Kraft der gezeichneten Bilder setzen, die sehr viel geeigneter erschienen, einem breiteren Publikum eine Ahnung davon zu vermitteln, was die Person Channa Maron ausmachte«, schreibt der Leiter des Goethe-Instituts Wolf Iro im Vorwort des nun im Verlag Reprodukt erschienen Buchs. Die zehn von Yelin gestalteten Episoden aus Channa Marons Leben werden im hinteren Teil des Buchs durch Fotografien und ein Verzeichnis ihrer Theater- und Filmproduktionen ergänzt. Außerdem präsentiert der israelische Illustrator David Polonsky (»Waltz with Bashir«) seine Sicht auf die Schauspielerin und Friedensaktivistin in wunderbaren Bildern. Texte der Philosophin Ofra Rechter sowie der deutschen Filmemacherin Anne Linsel führen in die Biographie Marons ein.
Auch wenn es schwierig erscheint, über diese fragmentarischen Episoden ein Bild des gesamten Lebens zu erhalten, ist der Erzählansatz gelungen, da sich das Leben Channa Marons vor allem durch Brüche und weitreichende Einschnitte auszeichnete. Yelin hat auch künstlerische Weggefährten Marons und ihre Kinder interviewt, um sich mit der Biographie vertraut zu machen.
Am Anfang steht das Wort Marons selbst: »Ach, es ist schwierig, wenn man sich an seine Kindheit erinnert. Hannele … Wie war diese Kleine? Manchmal lustig, manchmal traurig. Wie das Theater … .« Seit Hanna Meierzak vier Jahre alt war, stand sie dank ihrer ehrgeizigen Mutter auf Theaterbühnen und vor der Kamera. In Fritz Langs Film »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« war sie ebenso zu sehen – als das kleine Mädchen zu Beginn des Films, das mit dem Abzählreim »Warte, warte nur ein Weilchen …« die bedrohliche Stimmung des Films vorgibt – wie in der Theaterpremiere von Erich Kästners »Pünktchen und Anton«, wo sie die weibliche Hauptrolle spielte. Doch schon das erste Panel deutet an, dass die Familie des Kinderstars bedroht ist.
Berlin 1931. Gehetzt wirken Mutter und Tochter, die Hand in Hand durch Berlins Straßen Richtung Theater laufen, während die anderen Menschen im Hintergrund nur schemenhaft erkennbar sind. Es ist diese anonyme Masse, die die jüdische Familie kurz darauf aus der Gesellschaft verstoßen wird.
Das Judentum hatte für die Familie nie eine große Rolle gespielt. »Was Juden waren, wusste ich damals gar nicht ganz genau«, erinnert sich Maron später. Hanneles Mutter weigerte sich daher zunächst, Deutschland zu verlassen, als der Vater vorschlug, nach Palästina auszuwandern. Dennoch gingen Mutter und Tochter Ende 1933 mit Hilfe des französischen Botschafters zunächst nach Paris. Über die beiden Jahre in Frankreich ist nicht viel bekannt, wie Dor Wertheimer, Historiker und Archivar des Nachlasses Marons sagt. Das Paris, das Yelin zeichnet, wirkt wenig einladend. Während Mutter und Tochter hungern und betteln müssen, gibt es nur wenige Momente, in denen Licht in ihre Lebenswelt fällt und etwas Ruhe einkehrt. Als Mutter und Tochter buchstäblich vom Regen verschluckt zu werden drohen, erreicht sie die Nachricht des Vaters, dass er in Palästina als Elektriker Arbeit gefunden hat.
Das fremde Land nimmt Hannele freundlich auf, erstmals lässt auch Yelin die Sonne scheinen und ein lebendiges Grün begleitet die geschäftigen Menschen in Tel Aviv, die dabei sind, ihr Land aufzubauen: Warme Farben, dynamische, offene Panelstrukturen bestimmen diese Episode in Yelins Comic-Biographie. Die zwölfjährige Channa lernt schnell Hebräisch, holt ihre verlorene Kindheit nach, besucht bald die Schauspielschule und wird 1942 von der politischen Weltlage wieder eingeholt. Hannele meldet sich gemeinsam mit ihrem späteren ersten Ehemann Yossi Yadin in der jüdischen Brigade der britischen Armee. Nach zwei Jahren Büroarbeit beginnt sie 1944 in der Musik- und Schauspielgruppe ihre alte Tätigkeit wieder aufzunehmen und spielt in den nächsten Monaten über 250 Vorstellungen vor knapp 200 000 Zuschauern in Europa. »Alle Wege führen nach Rom, aber seit kurzem hab’ ich so großes Heimweh nach dem Klang von Kindern, nach den Glocken der Herde, nach dem Duft des Obstgartens, alle Wege führen nach Eretz Israel, wir werden uns dort treffen, in Eretz Israel«, hieß es in ihrem beliebtesten Song, den sie irgendwann auch für befreite jüdische KZ-Häftlinge sang. »Mein Gott, Yossi! Erst jetzt begreife ich ein Stück weit, was eigentlich geschehen ist«, bekennt Channa erschüttert über die Barbarei, der sie entkommen ist.
Zurück in Israel gründet Channa mit Freunden in Tel Aviv das Cameri-Theater, das zur Zeit des Unabhängigkeitskriegs das erste in modernem Hebräisch verfasste Stück, »Er ging in die Felder« von Mosche Schamir, aufführte: auch dies eine Unabhängigkeitserklärung. Das Theater, zu dessen festem Ensemble Maron bis 1980 gehörte, avancierte nicht nur zu einem der bedeutendsten Häuser des Landes, sondern arbeitete auch mit politischem und sozialem Anspruch: Im Rahmen des Projekts Peace Foundation besuchen jüdische und arabische Israelis gemeinsam Theaterstücke, während ein anderes Projekt versucht, Studenten, Gymnasiasten und Förderschüler zusammenzubringen. Das Theater bietet Simultanübersetzungen ins Arabische, Russische und Englische und hat für seinen Beitrag zur israelischen Gesellschaft 2005 den Israel-Preis, die bedeutendste Auszeichnung des Landes, erhalten.
Während der Jahre am Theater wurde aus dem Kinderstar Hannele Meierzak die renommierte Schauspielerin Channa Maron – Maron ist Hebräisch für Wolke –, sie heiratete den Architekten Yaakov Rechter, mit dem sie drei Kinder bekam; zu ihrem damaligen Freundeskreis gehörten der Lyriker Nathan Altermann, der spätere Außenminister Igal Alon und Verteidigungsminister Moshe Dayan. Jeden Freitag traf sich die große Familie Rechter-Maron, um über die neuesten politischen und kulturellen Entwicklungen zu diskutieren.
Am 10. Februar 1970 wollte Maron lediglich auf der Durchreise zu einem Vorsprechen in London einige Stunden in der Transithalle des Flughafens München-Riem zubringen, als sie mit weiteren Fluggästen Opfer eines palästinensischen Anschlags wurde. Die drei Terroristen griffen mit Handgranaten die Passagiere an, nachdem die Flugzeugentführung wegen der Gegenwehr des Piloten, eines ehemaligen Irgun-Kämpfers, misslungen war. Maron wurde schwer verletzt, ihren linken Fuß konnten die Ärzte nicht retten. Drei Monate musste sie nach der Amputation in München verbringen. Von Yelin wird die Tragödie in einem einzigen, die ganze Seite einnehmenden, blau verschwommenen Panel eingefangen, über dem die Stimme Amnon Rechters liegt, des Sohnes der Schauspielerin, der versucht, das traumatische Erlebnis seiner Mutter zu rekonstruieren. Ihr Mann Yaakov Rechter verbrachte die meiste Zeit an ihrem Krankenbett, da sie Angst hatte, allein zu sein. Auch Erich Kästner besuchte sein ehemaliges Pünktchen, säckeweise erreichten sie Briefe am Bett eines Krankenhauses in Deutschland, dem Land, das sie nie mehr hatte betreten wollen. Vor ihrer Rückkehr nach Israel im Mai berichtete sie in einem Interview von ihrem Unverständnis für in Deutschland lebende Juden: »Auch von der Jüdischen Gemeinde Münchens kam man mich besuchen. Manche waren sympathisch, manche nicht ganz so. Was ich nicht verstehen kann, ist, wie Juden noch in München leben können. Ich kann es noch verstehen, dass israelische Studenten, die Stipendien bekommen haben, sich hier ausbilden und dann in ihre Heimat zurückkehren, doch ein Heim in Deutschland gründen? Das kann ich ganz und gar nicht begreifen!« Zwei Jahre später musste sie für eine Nachuntersuchung noch einmal nach München, und während die deutschen Ärzte ihr eine neue Prothese anpassten, verschafften sich nur wenige Kilometer entfernt arabische Terroristen Zugang zum olympischen Dorf und töteten schließlich elf israelische Sportler. Als viele Jahre später der israelische Friedensaktivist Uri Avnery versuchte, Maron mit Issam al-Sartawi, dem Auftraggeber des Anschlags am Münchner Flughafen, zusammenzubringen, der mittlerweile sein »größter Freund« geworden war, wie Avneri sagte, wollte Maron von der geplanten Versöhnung nichts wissen. Zwar hatte ihr Trauma sie dazu gebracht, politisch Stellung für eine Versöhnung zu beziehen und sich für eine Zweistaatenlösung einzusetzen, doch die von Avneri eingeforderte Form von Versöhnung ging auch ihr zu weit. »Mit allem Respekt für die Palästinenser, mein Volk ist mir wichtiger«, bekannte sie in einem Interview mit der Taz.
Trotz ihrer Behinderung kehrte Maron zurück auf die Bühne – »I’m a stander, not a sitter«, sagte sie einmal –, beeindruckte Arthur Miller mit ihrer Rolle in seinem Stück »Alle meine Söhne«, sprach auf Friedensdemonstrationen, stand am 8. Mai 1995 in Wuppertal auf der Bühne und war als Ehrengast bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Yassir Arafat und Yitzhak Rabin in Washington zugegen. Politisches Engagement und das Theater gehörten für sie eng zusammen, und bis zuletzt war sie in beiden Bereichen tätig, soweit ihre Gesundheit es zuließ. Noch im Jahr 2000 hatte sie mit jungen Schauspielern und Musikern ein eigenes Ensemble gegründet. Angesichts eines solchen Lebens wirkt auch das Pathos am Ende des Buchs nicht störend: In Barbara Yelins letztem Panel fliegen nach Channa Marons Tod am 30. Mai 2014 weiße Tauben gen Himmel.
Barbara Yelin/David Polonsky: Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Die Schauspielerin Channa Maron. Verlag Reprodukt, Berlin 2016, 80 Seiten, 24 Euro