Zum 50. Todestags von Siegfried Kracauer

Das stumme Plädoyer der Toten

Siegfried Kracauers Überlegungen zum Antisemitismus. Zum 50. Todestag des Feuilletonisten und Filmtheoretikers am 26. November.
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Als am 27. Februar 1933 der Reichstag brannte, flohen Lily und Siegfried Kracauer im Morgengrauen nach Paris – ohne Zögern, Geld oder weitere Pläne. Die Frankfurter Zeitung beendete bald darauf unter einem Vorwand die Anstellung des jüdischen Redakteurs. Bitterarm und in ständiger Angst, von den Ereignissen in Deutschland eingeholt zu werden, scheiterten zunächst alle Bemühungen, in die USA weiterzureisen. Im exilierten Umkreis des Instituts für Sozialforschung stießen Kracauers Pariser Arbeiten auf Ablehnung. Seine Studie zur »totalitären Propaganda« wurde von Theodor W. Adorno persönlich abgelehnt. Erst 1941 konnten er und seine Frau in die USA einreisen, New York wurde zur neuen Heimat.
Von Kracauers publizistischem, antifaschistischem Engagement in der Pariser Zeit »wußte niemand unter den deutschen Emigranten«, wie Karola Bloch sich 1976 erinnerte. Der mittellose Schriftsteller hatte bereits über erste Erklärungsversuche für den Antisemitismus nachgedacht, als Adorno ihm Mitte April 1933 aus Frankfurt riet, »nach Deutschland zurückzukommen«, da er »glaube, die Verhältnisse werden sich konsolidieren«. Noch 1938 schrieb Adorno an Kracauer, es werde keinen Krieg in Europa geben: Das wäre ein Triumph des »Empirismus über die Theorie«. 1939 musste Adorno – brieflich an die Eltern – dann genau diesen Schluss ziehen: »Die Welt der Erscheinung hat in einer echt dämonischen Weise über das Wesen oder Unwesen der gegenwärtigen historischen Phase Macht gewonnen.« Das war die Ahnung einer Dialektik der Aufklärung: Emphatische »Theorie« und historische Erfahrung waren auseinandergeschlagen worden.
Kracauer unterhielt trotz aller Kritik an der »getrübten« kapitalistischen Ratio ein im ganz undialektischen Sinne positives Verhältnis zur Aufklärung, hatte aber die Neigung zur Theorie schon früh aufgegeben. Als Journalist und Essayist verlor er sich in Meditationen über Kleinigkeiten: phänomenologische Montagen von Eindrücken, Zitaten und Fundstücken gegen den heillosen kapitalistischen Ordnungszwang. Dieser Konkretismus lässt sich mit guten Gründen kritisieren, aber mit ihm hängt Kracauers tagespolitische und soziologische Sensibilität zusammen. Längst vor 1933 erkannte er im Alltag kommendes Unheil. »Ich weiß nur«, schrieb er 1930, »daß sich manchmal, wenn ich die mir gewohnten Straßen kreuze, die Angst meiner bemächtigt, es müsse sich unverzüglich ein Auflauf bilden und etwas Schlimmes geschehen«.
Kracauer deutete den Nationalsozia­lismus zunächst im Anschluss an seine 1929 erschienene Studie »Die Angestellten« als Bewegung der Mittelschicht, die von den proletariatsverliebten Linken nicht zureichend adressiert worden sei. Zugleich warnte er im Laufe des Jahres 1933 in verschiedenen Aufsätzen davor, die Nazipropaganda zu verharmlosen oder »den Antisemitismus als eine Begleiterscheinung« abzutun. In der Herbstausgabe der Cahiers juifs publizierte er unter dem Pseudonym »Observer« sechs Thesen zum Judenhass unter dem Titel »Inventaire«. Darin diskutierte er vorrangig die übrigen Beiträge im gleichen Heft, stellt aber auch eigene, tastende Überlegungen an, die ihre eigene Zerbrechlichkeit ausstellen: »Was ist mit uns gewesen (…), daß ein solches Schicksal uns heimsuchen darf, und was wird fortan mit uns sein?« Der Text richtet sich an Juden und sieht sie zu »Ortsbestimmungen mitten auf der Flucht« verpflichtet. Dieser »Rechenschaftsbericht« fällt in der zweiten These apologetisch aus: Juden seien als Protagonisten aus der deutschen Geschichte »nicht wegzudenken« und oft deutsche Patrioten gewesen: »Daß der Liebesbund für den einen Partner nicht selten tragisch endete, steht auf einem anderen Blatt.« Auch mit dieser ambivalenten Vorgeschichte sei nun jedoch der »gewaltsame Bruch« des nationalsozialistischen Antisemitismus nicht rational erklärbar: die Juden, obwohl genötigt, ihre Lage zu reflektieren, zu »gelähmt«, um sie zu erkennen und »das Unbegreifliche vielleicht doch begreiflich zu machen«. Das habe zu mancherlei Selbstbezichtigung geführt. Aus der jüdischen Geschichte oder »Daseinsweise« lasse sich der Antisemitismus jedoch nicht erklären.
Wenn im Verhalten der Juden also kein Grund für den Hass auf sie zu finden ist, dann vielleicht bei den Deutschen? So überlegt Kracauer weiter, dabei immer die weiteren Beiträge der Herbstausgabe diskutierend: Werde der tatsächliche geschichtliche Beitrag der Juden ihnen im Antisemitismus zum Vorwurf gemacht? Als Kompensation eines geringen nationalen Selbstbewusstseins? Schließlich sieht Kracauer im völkischen Getöse eine Ablenkung von der verpassten »zweiten Revolution«, die 1918/19 scheiterte. »Und doch sind alle diese Deutungen zusammen der Gewalt des Vernichtungswillens nicht gewachsen, der das heutige Deutschland – und möglicherweise nicht erst das heutige – den Juden gegenüber beseelt.«
An dieser Stelle weicht Kracauer daher selbst auf die höchstmögliche Abstraktionsebene aus: die »metaphysische Situation«. Deutsche und Juden lebten beide »in einer unerträglichen Spannung« zwischen Immanenz und unendlicher Idee. Die Deutschen zogen dieser Idee jedoch ängstlich ihr Gegenteil vor, das »bloß natürliche, rassische So-Sein«. Im Judentum hassten die Deutschen »ihr von ihnen preisgegebenes besseres Selbst«. Diese fragwürdige Völkermetaphysik zeigt bei Kracauer jedoch, wie ernst der Nationalsozialismus zu nehmen ist: Er richtet sich demnach tatsächlich gegen die Rettung der Menschheit, die Imago vom »zersetzenden jüdischen Geist« usurpiert »jenen jüdischen Wesenszug«, der »auf Erlösung ausgerichtet« ist. Es sei der »Zug zur Sprengung rein naturbefangenen Seins«, der Befreiung von allen vorgegebenen Schranken. Die Juden als unzeitgemäße Verkörperung dieser Idee seien daher zum heimatlosen Wandern durch die in »Klassen und Völker« eingesperrte Menschheit verdammt. »Die wirkliche Heimat des ewigen Juden kann nur die ganze Welt sein«, zitiert Kracauer dazu einen Aufsatz aus derselben Ausgabe der Cahier Juifs. »Von einer durchgreifenden Selbstbesinnung Deutschlands«, so Kracauer am Schluss seiner Aphorismen, hänge also »fortan die Erlösung der Juden und damit der Menschheit im entscheidendem Sinne« ab. So wie die Besinnung ausblieb, versickerten seine erlösungsphilosophischen Spekulationen.
In Kracauers späteren ideologiekritischen Analysen wird zunächst nicht die messianische, wohl aber die völkerpsychologische Herangehensweise beibehalten: »Von Caligari zu Hitler« (1947) verspricht eine Feindanalyse des deutschen Unbewussten, wie es sich schamlos im Weimarer Kino preisgegeben habe. Kracauer ist damit ein Vertreter der These vom Zivilisationsbruch und des deutschen Sonderwegs, keineswegs der »Dialektik der Aufklärung«. In den Filmen einer Nation ließen sich, so Kracauers These, die untergründigen mentalen Dispositionen der Produzenten und Fans erkennen. »Oberflächen«, Alltagskultur, die von den eitlen Theoretikern missachteten Strukturen des »Überbaus« sind der Ort, an dem sich die dahinterstehende Gesellschaft am besten greifen lässt. Sie tritt in den unabsichtlich selbstverräterischen Parolen des Zerstreuungsapparats offen zutage. Im Freizeit- und Jugendkult der Zeitgenossen erblickte Kracauer seiner Angestelltenstudie zufolge die ideologischste aller Ablenkungen. In der Berliner Vergnügungskneipe »Haus Vaterland« und anhand ihrer bornierten Insassen beschrieb er symbolisch ein »Asyl für Obdachlose«, eine Zufluchtsstätte für Individuen, die keine mehr waren: »Leben, das nur in eingeschränktem Sinne Leben heißen darf«. An dieser Schwelle postbürgerlicher Verwahrlosung der Lebenswelt liegt für Kracauer der Übergang zum Faschismus. Die »Masse« formt sich blind zum »Ornament«, zum käferhaft glänzenden Abbild der kapitalistischen Ökonomie wie zu ihrem regressiven Gegenbild im organizistischen Denken der Völkischen.
Robert Wienes Film »Das Cabinet des Dr. Caligari« (1920) dient in Kracauers einschlägigem Buch als Untersuchungsgegenstand: Caligari präsentiert sich tagsüber als Schausteller, Wahrsager und Hypnotiseur und lässt nachts Menschen ermorden. Sein Gegner wird der junge Francis, der einen Freund an Caligaris Monster Cesare verloren hat. In dieser Story vermag Kracauer noch eine Rebellion gegen die wahnsinnige Generation auszumachen, die in den Ersten Weltkrieg marschierte. Doch im Gegensatz zur ersten Drehbuchfassung erzählt der Film die erfolgreichen Bemühungen, Caligari zu stellen, als Illusion: Francis ist Insasse einer Irrenanstalt, die Rebellion aussichtsloser Fiebertraum. Die opferlustige Autorität hatte immer schon gewonnen. Dies ist nur eine von Kracauers Allegorien für die psychologische Disposition der Deutschen, die er chronologisch an der ganzen Weimarer Filmgeschichte aufzuzeigen versucht.
»Von Caligari zu Hitler« wurde in Deutschland zunächst brüskiert abgetan, dann in euphemistischer Kürzung publiziert, später enthusiastisch begrüßt, um schließlich als polemische Reductio ad Hitlerum zu den Akten gelegt zu werden. Zwar verspricht eine jüngst erschienene Biographie des Freiburger Historikers Jörg Später, den politischen Aspekt von Kracauers Werk ins Recht zu setzen (Jungle World 45/16), bislang aber wurde Kracauer vor allem als legendärer Kulturkritiker der Weimarer Republik gepriesen oder als Pionier der Medientheorie. Gerade die in dieser Theorie beschworene Filmwelt und die scheinbar Hoffnung erweckenden Einsprengsel des Kriegsintermezzos wollte er aber in seiner Geschichte des deutschen Films zerstören.
Dem muss sich der zeitgenössische Kulturbetrieb verweigern. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland legte 2015 als Regisseur des Films »Von Caligari zu Hitler« seine ganz eigene Hommage keineswegs an Kracauer, sondern den Film der Weimarer Ära vor. Er versucht darin nicht, eine psychologische Desillusionierung herzustellen, sondern zeichnet eine leer-bunte Vielfalt, ständig fällt zudem das Wort »modern«. Während Suchsland vor allem die romantisch-mythischen Welten des Regisseurs Friedrich Murnau mit kritischen Fragen bedenkt, wird das Werk Fritz Langs positiv vereindeutigt, beinahe verklärt. Das Weimarer Kino war krisenhaft und lebensfroh, die Abgründe waren gruselig, aber anscheinend nicht näher auf den Begriff zu bringen. Gegen Ende des Films sieht man Ausschnitte aus Langs Film »Das Testament des Doktor Mabuse« (1932), dessen einmal mehr diabolische Hauptfigur mit krausen Notizen aus der Gefängniszelle zu Wahn und Verbrechen anstiftet. Kracauer sah in diesem rasch verbotenen Film später ein »Bollwerk gegen das drohende Desaster«, das jedoch das Unheil mystifziere und ohnmächtig seinem Bann verfalle – das heißt, demjenigen Hitlers. Die kulturellen Chancen, die Suchsland zeigen möchte, wären mit Kracauer als verpasste zu erkennen.
Dessen Idee der Erlösung zieht sich nach 1945 auf die Gestalt des Extraterritorialen und Heimatlosen zurück. In den Arbeiten zu dem unvollendeten letzten Buch »History: The Last Things Before the Last« – es geht eher um historische Epistemologie als Geschichtsphilosophie – besinnt Kracauer sich erneut auf den »ewigen Juden« Ahasver, der im antisemitischen Mythos zum ewigen Umherwandern verdammt ist. »Wie unaussprechlich schrecklich er aussehen muss!« so Kracauer. »Zusammengesetzt aus vielen Gesichtern, deren jedes einen der Zeiträume spiegelt, die er durchzog und die alle ewig neue Muster bilden.« Ahasver kann keine Erlösung, nicht einmal Einsicht erreichen. Er war nur da. Film und Geschichtsschreibung, zu denen Kracauers Spätwerk Zuflucht nimmt, sind archivarische Gegenstände, die Vergangenes spiegeln. Anstelle der Rettung steht hier nurmehr Erinnerung: Aufmerksamkeit für »das stumme Plädoyer der Toten«.