Raucherecke

Keine Torte für Henkel

Raucherecke vom Berliner Presseball

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Gérard Biard, Chefredakteur der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo, hält die Eröffnungsrede zum 116. Berliner Presseball. Den gibt es immerhin schon seit 1872. Neben der Tombola für »Reporter ohne Grenzen« ist die Rede der politische Höhepunkt des Abends. Die Organisatoren riskieren also wenig. Eine Redakteurin von Cumhuriyet – da hätte Erdoğan getobt. Eine Tombola für »Sea-Watch« wäre auch kontroverser als für eine NGO, die Deutschland Jahr für Jahr eine vorbildliche Pressefreiheit attestiert. Beim Publikum ist schon von Biards Rede nichts hängengeblieben. »Hat sich gezogen wie Kaugummi«, sagt Undine zum Reporterteam der Jungle World, das sich gerade ein Hummersüppchen am Buffet gönnt. Undine hat sich das teuerste Ticket für satte 500 Euro geleistet – und ist etwas enttäuscht. »Glamour wie früher« hatte sie sich gewünscht. Nun hofft sie auf den – dreimal so teuren – Wiener Opernball. Beim coq au vin vom Stubenküken fällt der Blick der beiden Jungle-Reporter zufällig auf das Kleingedruckte auf ihren Pressekarten: Inhabern ist das Naschen vom Buffet strengstens untersagt, es droht der sofortige Rauswurf. Kleiner Trost: Getränke sind erlaubt. Dann wird an der Bar eben nur noch der teuerste Whiskey getrunken. Zur Musik des SWR-Big-Beat-Orchesters tanzen Damen in monströsen Tüll­explosionen, alternde Westberliner Playboys in weißen Schals und ein paar knutschende Jungs im Smoking. Die LGBTI-Szene sei, so hieß es in der Presse, auf dem diesjährigen Ball besonders willkommen. Hat die Szene offenbar kaum gemerkt, sieht man von den beiden aufgedonnerten Tunten am Roulette-Tisch ab, der gar kein richtiger ist: Man spielt um Popcorn, wie Yavuz, ein Tischler aus Berlin, vergrämt feststellt. Das Handwerk ist also auch vertreten. Dem ebenfalls anwesenden ehemaligen Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) begegnet Team Jungle glücklicherweise nicht, bestünde da doch die Möglichkeit, ihn – »Für die Rigaer!« – mit Torten vom ohnehin schon verboten Buffet zu bewerfen und so richtig für Schlagzeilen zu sorgen. Aber dafür gleich zweimal lebenslanges Hausverbot für den Berliner Presseball riskieren?