Gespräch mit Leo Igwe über Atheismus in Afrika

»Religion richtet so viel Schaden an«

Der in Mbaise im Süden Nigerias geborene Leo Igwe, 46, sollte zum katholischen Priester ausgebildet werden. Er studierte lieber Philosophie und gründete 1996 als Atheist die Organisation »Nigerian Humanist Movement«. Für seinen Einsatz gegen religiösen Fundamentalismus und Hexenjagden wurde er mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Derzeit schließt er in Bayreuth seine Promotion über Hexenjagden in Ghana ab.

Interview Von Felix Riedel
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Wie wurden Sie Atheist?

Als ich aufwuchs, waren es die Anklagen wegen Hexerei, die mich dazu brachten, Religion zu hinterfragen. Es kam mir nicht logisch vor. Und je mehr ich nachfragte und nachdachte, sah ich, dass es keine Grundlage für die Anklagen gab. Religion richtet so viel Schaden an, und das ärgerte und frustrierte mich. Daher gründete ich die Organisation »Nigerian Humanist Movement«, die inzwischen 500 Mitglieder hat. Wir haben Bündnispartner in Ghana, Malawi, Simbabwe und Südafrika.

Ist die Arbeit in Nigeria gefährlich für Sie?

Ja. Ein Beispiel: Islamische Studenten demonstrierten um die Jahrtausendwende auch im Süden Nigerias für die Sharia. Ich machte von ihrer Kundgebung in Ibadan ein Foto. Da packten mich sechs von ihnen, warfen mich wie einen Koffer in einen Bus und brachten mich zu einer Moschee. Sie fragten mich, für wen ich arbeite. Ich sagte: für niemanden. Sie sagten, sie werden mich töten, wenn ich es ihnen nicht sage. Es war mein Glück, dass es die Universitätsmoschee war. Jemand hatte mich gesehen und einen Security-Mann gerufen. Sie schickten ihn weg, er kam mit einem Jeep und seinen Kollegen zurück und befreite mich. Das würde im Norden nie passieren. Dort haben sie das Gewaltmonopol. In Kano wurde eine Frau auf dem Marktplatz hingerichtet wegen Blasphemie. Ein ähnlicher Mord hat im Bundesstaat Niger State stattgefunden, in Abuja wurde ebenfalls eine Christin getötet, weil sie ihr Morgengebet verrichtete.

Haben die Islamisten Sie gefoltert?

Nein. Gefoltert wurde ich später. In Akwa Ibom haben wir Kinder gerettet, die ausgesetzt oder gequält wurden, weil ihre eigenen Verwandten sie für Hexen hielten. Der Sender BBC hat darüber eine Doku gedreht. Die Regionalregierung sah das leider als negative Publicity. Eines Abends kam die Polizei und brachte mich, meinen Kameramann und meinen Fahrer zum Gefängnis. Der Vorwurf: Kindesentführung. Diskutieren brachte nichts, die ­Polizeioffiziere in Nigeria haben immer recht. Mein Kopf schwoll an von ihren Schlägen, meine Hände waren auf den Rücken gebunden. Sie steckten mich in eine Zelle, 50 Kriminelle in einem Raum von etwa 50 Quadratmetern, nachts hatte man sein Gesicht am Gesäß eines anderen. Man uriniert und kotet in einen Eimer, der steht neben dem Schlafplatz, man schläft in der Scheiße. Viele haben Wunden, manche Schusswunden, die nicht versorgt wurden. Ich werde das alles nie verarbeiten können. Wir bekamen kein Essen, außer wenn Verwandte mal etwas brachten. Die Polizisten können die Leute nicht totschießen, also erzeugen sie Bedingungen, in denen Leute sterben. Das ist ein Teil der Art und Weise, wie Verbrechen bekämpft wird. Das Ausmaß hat mich geschockt.

Wie kamen Sie dort wieder raus?

Ich brauchte einige Zeit, um wieder klarzukommen. Dann versuchte ich, einige Leute in der Zelle freundlich anzusprechen. Die sagten mir, wir müssten Telefonnummern rausschmuggeln, um Freunde zu informieren. Zum Glück haben wir die Familie des Fahrers erreicht. Leute aus der ganzen Welt hatten angerufen, um mich zu unterstützen. Und dann hörte ich nach zwei Nächten die Stimme unseres Anwalts. Das Gefühl an diesem Morgen, das werde ich nie vergessen. Ich wusste, ich würde rauskommen, zumindest in eine andere Zelle. Die Polizei ließ mich gehen, sie sagten, es sei eine Verwechslung gewesen.

Aber Sie vermuten, dass die Regierung dahintersteckte.

Ja, die Hand der Regierung war da. Die Polizisten riefen jemanden an, als sie mich verhaftet hatten. Sie bekamen die Nachricht, dass die Untersuchung weitergehen sollte – was hieß, dass ich in der Zelle bleiben sollte. Ich kann es nicht sicher sagen, aber der Verdacht lag nahe.
Ich hatte den Eindruck, dass man ernsthaft etwas gegen Hexenjagden tun wollte, aber dann die eigenen Erfolge übertrieb. Der Gouverneur sagte, er habe die Situation »sofort unter Kontrolle« gehabt.
(lacht) Ja, die haben Speichellecker um sich, die ihnen das tatsächlich einreden. Übel war, dass danach die Schmutz­kampagne gegen uns losgetreten wurde in der Presse: Dass wir nur Geld aus den Kindern schlagen würden, Autos kauften. Natürlich hatten wir ein Auto, das verringert die Kosten, eine NGO braucht ein Auto. Dann kam die Titelstory bei Newswatch. Gary Foxcroft, unser britischer Partner, wurde beschuldigt, 200 000 Euro aus dem Projekt abgezweigt zu haben. Da hatte eine extrem populäre Predigerin, Helen Ukpabio, ihre Finger im Spiel. Sie hat Hexereianklagen gegen Kinder angefacht und wir haben sie kritisiert. Also gab es einen Pressekrieg gegen Gary und mich, weil diese Leute sich gekränkt fühlten.

Ist das ein generelles Problem nigerianischer Medien?

Magazine sind käufliche Lobby-Magazine. Die tragen sich nicht selbst, weil alle online lesen. Ich möchte nicht sagen, dass es keine guten Journalisten gäbe. Aber die sind in der Minderheit.

Wäre es nicht auch eine Möglichkeit für säkulare NGOs, humanistische Ideen mit subventionierten Magazinen zu verbreiten? Oder könnte das umschlagen in die Diskreditierung von lokalen Aktivisten?

»Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert – die Intervention in Afghanistan, Mohammed-Karikaturen, die Tötung Ussama bin Ladens –, dann finden Pogrome gegen Christen in Nordnigeria statt.«

Das gibt es ja ohnehin. In Nordnigeria werden alle Christen als Agenten des Auslands wahrgenommen. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert – die Intervention in Afghanistan, Mohammed-Karikaturen, die Tötung Ussama bin Ladens –, dann finden Pogrome gegen Christen in Nordnigeria statt. Dabei werden Moscheen ja auch von Saudi-Arabien aus finanziert und Kirchen aus den USA. Hilfe von außen würde uns definitiv dabei unterstützen, hier ein Gegengewicht zu entwickeln und bestimmte Probleme besser an­zusprechen. Unsere Arbeit ist in weiten Teilen Stellvertreterarbeit. Sie braucht Ressourcen und Leute, die sicher sind und sich um einen Internet­anschluss keine Sorgen zu machen brauchen. Wir waren 2006 die einzigen, die für LBGT-Rechte demonstrierten. Eine Menge Menschen haben mich beschuldigt, ausländische Interessen zu vertreten. Das ärgert mich. Selbst, wenn es so wäre, warum wird das delegitimiert? Heißt das, dass sie so weitermachen wollen wie bisher?

Auch an akademischen Instituten in Europa gibt man sich sehr reserviert gegenüber dem sogenannten Import westlicher Philosophie nach Afrika. Manche sagen, das sei Imperialismus. Haben Sie solche Widerstände bemerkt?

Es gibt definitiv Widerstände im akademischen Diskurs in Europa. Manchmal bemerke ich diese Reaktion, wenn jemand sagt: »Ich bin Afrikaner, ich glaube an Hexerei.« Da habe ich oft ein glückliches Lächeln auf den Gesichtern der Akademiker gesehen, weil das in ihre Schublade passt: Magie, Mystizismus, Steine anbeten, mit Kauris sprechen. Und nun kommen Atheisten aus Afrika, manchmal radikale Antitheisten in den Worten Christopher Hitchens, und die zeigen intellektuelle Neugier, stellen ihre sogenannten klas­sischen Denker in Frage. Das Bild von Afrikanern, das bei vielen kursiert, entspricht nicht dem, was hier passiert. Das Afrika heute ist eben nicht mehr das Afrika Evans-Pritchards (Edward Evan Evans-Pritchard, britischer Sozialanthropologe, Anm. d. Red.), da gibt es so viel Dynamik. Das Internet hat Afrika mehr als alles andere verändert. Zum Beispiel verfolgte jeder in Nigeria die Präsidentschaftswahlen in den USA, mehr als die Amerikaner selbst. Deshalb lache ich über Leute, die sagen, Afrika sei so religiös. Das ist oberflächlich. Ich will das nicht herunterspielen, aber Religion hat viele Aspekte: Den Mangel an empirischem Wissen, Ökonomie, Bildung, Macht. An vielen Universitäten in Nigeria kommt man nur als Christ durch, im Norden wird man als Händler Muslim werden müssen. Viele haben keine andere Wahl. Diese Nuancen werden selten wahrgenommen.

Haben in Ihrer Biographie Naturwissenschaften eine Rolle dabei gespielt, Zweifel an der Religion zu wecken?

Ich habe ein bisschen über Biologie und Chemie gelesen, aber es war eher die Philosophie als empirische Wissenschaft, die mich kritisch denken lehrte. Natürlich braucht man wissenschaftliche Methoden, um zu argumentieren. Im Zuge meiner philosophischen Aufklärung habe ich die Naturwissenschaften erst neu entdeckt.
Gibt es in Afrika eine Möglichkeit für eine Wiederholung des Darwin-Schocks?
Es gibt diese Wahrnehmung, dass Wissenschaft die Dienstmagd des Atheismus ist. Wenn man Dingen auf den Grund gehen will, Belege haben will. Manche denken, dass man durch Wissenschaft den Glauben verliert. Christen und Muslime sind sich da gleich.
Ich habe in Nigeria einen Darwin-Tag organisiert und Referenten eingeladen, die ohne religiöse Beeinflussung referierten. Und die Frage der Studenten war immer dieselbe: Wie kann ich meinen Glauben behalten, wenn ich mich mit Evolution befasse? Die Schöpfung ist die Säule der Religionen und die Evolutionstheorie fordert da heraus. Christen und Muslime hier würden sehr weit gehen, um das zu bekämpfen.

Wäre eine Lösung da nicht ein besseres Angebot an virtuellen Museen, die für die afrikanischen Bedingungen ausgelegt sind, also kurze Texte, kleine Bilder, wenig Download-Volumen?

Ja, das wäre wirklich sehr gut. Was ­Nigerianer machen, ist online zu gehen, ihre Informationen dort zu holen und sich dann Gedanken zu machen.