Flüchtlinge in Ventimiglia an der italienisch-französischen Grenze

Nächster Halt Ungewissheit

In Ventimiglia an der französisch-italienischen Grenze warten viele Flüchtlinge und Migranten auf eine Möglichkeit, nach Frankreich oder in ein anderes EU-Land weiterzureisen. Die französische Polizei greift sie regelmäßig auf, wenn sie die Grenze passieren, und schiebt sie zurück nach Italien. Flüchtlingshelfer werden kriminalisiert.

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Jimmie* sitzt erschöpft auf einem Platz in Ventimiglia. Er hat den ganzen Tag nichts gegessen. In der Nacht hat er über die Autobahn die italienisch-französische Grenze überquert. Der Seitenstreifen dieser Strecke ist an vielen Stellen sehr schmal und sie führt über tiefe Felsenschluchten. In Frankreich angekommen, nahm er einen Bus nach Nizza. Noch am selben Morgen wurde er am Hauptbahnhof festgenommen und an den Grenzübergang Ponte San Luigi vor der Stadt Menton gebracht. Die ita­lienischen Soldaten am Zoll forderten ihn auf, zu Fuß nach Ventimiglia zurückzugehen. Bis dorthin, der ersten Stadt hinter der Grenze, in der es ein Minimum an Infrastruktur für Migranten gibt, sind es neun Kilometer. »Das war das vierte Mal, dass ich es versucht habe. Dreimal wurde ich am Hauptbahnhof in Nizza festgenommen, einmal habe ich versucht, mit dem Zug zu fahren und wurde am Bahnhof Menton-Garavan von der französischen Polizei aus dem Zug geholt. Es ist immer sehr anstrengend, die Grenze zu überqueren. Bevor wir es wieder versuchen, müssen wir uns drei oder vier Tage hier ausruhen«, sagt Jimmie auf dem Weg zu einem abgelegenen Parkplatz.
Nach Einbruch der Dämmerung verteilen auf diesem Parkplatz Mitglieder einer französischen Gruppe Lebensmittel. Sie tun dies heimlich, weil es nicht erlaubt ist. Im Januar hat der Bürgermeister von Ventimiglia eine Verordnung umgesetzt, die das Verteilen von Nahrungsmitteln auf der Straße verbietet. Offiziell hat das hygienische Gründe. Vor Ort ist jedoch allen klar, dass es eine Maßnahme ist, um die Migranten aus der 24 000 Einwohner zählenden Stadt zu vertreiben. An der Einfahrt des Parkplatzes schieben daher ein paar Eritreer Wache. Sie warnen die anderen, wenn die Polizei vorbeikommt. Als Jimmie sich sein Paket abholt, fährt tatsächlich eine Streife der Carabinieri vorbei. Sie beobachten die Szene, halten jedoch nicht an.
Jimmie ist schon als Flüchtling geboren. Sein Vater war Polizist in Liberia und ist nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges 1989 in die Côte d’Ivoire geflohen, wo Jimmie 1997 geboren wurde. 2010 kehrte sein Vater nach Liberia zurück und wurde dort getötet. In der Côte d’Ivoire spielte Jimmie Fußball mit Aussicht auf eine Profikarriere. Er kickte in der zweithöchsten Spielklasse seiner Altersgruppe und gewann 2013 einen Nachwuchsförderpreis. In der Folge des Bürgerkrieges zwischen 2010 und 2011 habe die Diskriminierung von Liberianern im Land zugenommen, erzählt Jimmie. Denn Laurent Gbagbo, dessen Partei den Bürgerkrieg verloren hat, setzte mutmaßlich liberianische Milizen ein. So verließ Jimmie die Côte d’Ivoire, er arbeitete in Algerien illegal auf dem Bau und suchte ein besseres Leben in Libyen. Dort wurde er als illegaler Migrant ins Gefängnis gesteckt und misshandelt. Schließlich wurde er von einem Farmer angestellt, für den er von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends arbeitete. Die Nächte verbrachte er weiterhin im Gefängnis.
Unter abenteuerlichen Umständen und dank sehr hilfsbereiter Menschen kam Jimmie auf ein Schiff nach Europa. Die Passagiere trieben einen halben Tag ziellos auf See. Als sie von einem Schiff der Rettungsmission Sophia entdeckt wurden, rannten alle panisch an Deck. Eine junge Frau und ein Kind wurden von der Masse überrannt und starben. Jimmie verbrachte sechs Monate in einem Camp in der Nähe von Rom. »Da war ich nicht frei«, sagt er. Es war eng und es gab kein warmes Wasser. Jimmie wollte lieber Geld verdienen, ums es seiner Familie zu schicken. Er wollte nach Deutschland. In der Schweiz war er zwei Wochen in einem Camp, dann wurde er nach Italien zurückgeschoben. Jetzt versucht er es eben über Frankreich.

Hilfe nicht erwünscht

Derzeit halten sich in Ventimiglia etwa 400 Migranten und Flüchtlinge auf. Davon lebt ein Drittel in einem Camp des Roten Kreuzes, das im Sommer vergangenen Jahres eröffnet wurde. Es liegt vier Kilometer außerhalb der Stadtgrenze auf dem Gelände eines Güterbahnhofs. Es ist weiträumig abgesperrt und vor Blicken geschützt. Weder Journalisten noch Vertreter von NGOs dürfen dort eintreten. Martine Landry, die für Amnesty International einen Bericht über die Menschenrechtslage von Geflüchteten an der französisch-italienischen Grenze herausgegeben hat, erklärt, dass die italienischen Behörden das Camp mittelfristig schließen wollen. Seit mehreren Wochen werden keine Neuankömmlinge mehr hereingelassen, obwohl Platz wäre. Mitte Februar gab es einen Brand wegen einer defekten Klimaanlage, bei dem mehrere Wohneinheiten zerstört wurden. Etliche Bewohner des Camps kommen auch zur Essensverteilung auf dem dunklen Parkplatz. Das wirft die Frage auf, ob für die Bewohner des Camps ausreichend gesorgt wird. Einige berichten, dass es kein warmes Wasser gebe.
Minderjährige und Frauen können in Ventimiglia in der Kirche Sant’ Antonio übernachten. Nur einige hundert Meter von der Kirche entfernt ist ein Bahnübergang. Abends kann man dort gelegentlich beobachten, wie Menschen im Gleisbett versuchen, durch den Eisenbahntunnel nach Frankreich zu kommen. Zwischen 100 und 150 Menschen sind obdachlos, darunter sind auch viele Minderjährige. Sie schlafen entweder am Ufer des Flusses Roya oder wie Jimmie in dieser Nacht in der Bahnhofshalle. Im vergangenen Jahr betrieben Migranten und deren Unterstützer am Flussufer noch ein selbstverwaltetes Camp. Das italienische Militär und die Polizei lösten es jedoch im Mai 2016 gewaltsam auf – ähnlich wie in Idomeni oder Calais. Grünflächen am Ufer wurden gerodet, damit dort keine Zelte mehr aufgestellt werden können, das Wasser an den öffentlich zugänglichen Wasserstellen wurde abgedreht. Ungefähr 60 Personen wurden wegen ihres Engagements aus der Provinz Imperia ausgewiesen. Diejenigen, die bis dahin in Ventimiglia Familie und Arbeit hatten, stellte das vor große Schwierigkeiten.
»Wir haben damals mit den Bewohnern des Camps eine große Demonstration organisiert. Heute ist die Atmosphäre hier so repressiv und vergiftet, dass das unmöglich wäre«, berichtet eine lokale Unterstützerin, die anonym bleiben will. »Der Bahnhof von Ventimiglia ist eine große Theaterbühne«, sagt sie. »Manchmal verteilt das Rote Kreuz dort Decken. Das wird von der Polizei streng beobachtet, damit keine Lebensmittel verteilt werden. Nur Wasserflaschen dürfen sie manchmal verteilen.« Rund um die Uhr steht ein Zivilpolizist im Eingangsbereich des Bahnhofs. Auf den Bahnsteigen arbeiten zudem französische Polizisten, die versuchen, Migranten ohne Einreiseerlaubnis für Frankreich aus dem Zug zu vertreiben. Zudem nehmen sie die Personen in Empfang, die ihre Kollegen auf der französischen Seite am Bahnhof Menton-Garavan zurückgeschickt haben.

Ventimiglia

Kein Ort zum Verweilen

Der Zugang zu den Bahnhofstoiletten ist mit einem großen Vorhängeschloss gesperrt, offiziell wegen Renovierungsarbeiten. Hinter dem verschlossenen Gittertor ist von Bauarbeiten aber keine Spur zu sehen. Auf dem Vorplatz des Bahnhofs treiben sich abends Schlepper herum. Oft sind es Schwarze, die man von den Geflüchteten gut unterscheiden kann, weil sie teurere Kleidung tragen. Während die Geflüchteten geduckt durch die Stadt laufen und man ihnen ihre chronische Erschöpfung ansieht, bewegen sich die Schlepper selbstbewusst und breitbeinig.
»Es gibt hier so viele Schlepper. Wir wissen nicht, wie zur Hölle es möglich ist, dass wir immer gefasst werden und sie nie«, sagt Francesca Peirotti aus Nizza. Sie gehört zu den circa zehn namentlich bekannten in der Flüchtlingshilfe aktiven Personen, denen der Prozess gemacht wird, weil sie Migranten beim Übertritt über die französisch-italienische Grenze geholfen haben sollen. »Es ist komisch, dass man nie etwas hört über erfolgreich zerschlagene Schlepperbanden. Ich kenne Berichte von Menschen, die zwischen 150 und 200 Euro bezahlt haben, um in einem Transporter mit 14 Personen im Laderaum über die Grenze zu fahren. Keine Ahnung, wie das bei den Grenzkontrollen heutzutage möglich ist. Und die lassen die Leute dann in Nizza raus und wünschen ihnen viel Glück. Ich habe auch Berichte von Frauen, die Schmuggler bezahlt haben und dann in die Prostitution getrieben wurden. Es gibt Repression gegen Leute, die nachhaltig helfen wollen und zur gleichen Zeit wird, denke ich, nicht genug gegen Schlepperbanden getan.«
Der letzte Zug kommt in Ventimiglia um kurz vor Mitternacht an. Danach wird es etwas ruhiger am Bahnhof. Zwei Tafeln, auf denen Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge geschrieben stehen, nutzen die jungen Männer als spanische Wände, um ihre Schlafplätze etwas abzuschirmen. Nachts wird es noch sehr kalt. Viele liegen daher eng beieinander. Die ganze Nacht bleibt das Licht in der Bahnhofshalle sehr hell. Um 5.26 Uhr kommen Soldaten und Polizisten, um die Schlafenden zu wecken. »Buon giorno«, sagen sie, verbunden mit der Aufforderung, die Halle zu verlassen. »Unter den Polizisten, die hier regelmäßig Dienst haben, gibt es ein richtiges Arschloch. Der tritt die Leute hier«, sagt ein Flüchtlingshelfer, der dieses Morgenritual regelmäßig beobachtet.
Zwischen sechs und acht Uhr morgens gehen die Gesetzeshüter oft auch zum Flussufer, um die Schlafenden zu wecken. Dabei sind die Migranten dort für die weißen Bewohner der Stadt noch nicht einmal sichtbar. Tagsüber sieht man immer wieder, wie die Polizei einzelne Personen aus Gruppen von Migranten zieht und verhaftet. Am Grenzübergang Ponte San Luigi, an dem die französische Polizei Migranten nach Italien zurückschiebt, sollen die italienischen Behörden regelmäßig Busse mit ihnen füllen, die dann zu Camps im Süden des Landes fahren. Darauf angesprochen streiten die italienischen Soldaten am Grenzübergang dies ab. Lokale Flüchtlingshelfer, die diese Praxis ausführlich dokumentiert haben, berichten jedoch davon, dass ungefähr ein Bus pro Tag gen Süden fährt. Auf der anderen Seite bestätigen zwei französische Grenzer, dass ihr Staat an dieser Stelle Rückschiebungen durchführt.

Zug um Zug

Im Zug nach Frankreich ist ein Mann, der sich nur sehr mühsam mit Krücken fortbewegen kann. Die Polizisten hindern ihn an der Weiterreise und nötigen ihn, seinen Schuh auszuziehen und die Hose hochzukrempeln, um ihnen seine Beinverletzung zu zeigen. Danach wird er abtransportiert.
Menton-Garavan ist der erste Halt in Frankreich für Züge, die von Ventimiglia nach Nizza oder Marseille fahren. Hier hat die französische Polizei rund um die Uhr zwischen sechs und 20 Polizisten stationiert. Die Polizei patrouilliert in jedem einzelnen Zug. Entweder setzen die Polizisten aufgegriffene Migranten in den nächsten Zug, der zurück nach Ventimiglia fährt, und geben ihren Kollegen am dortigen Bahnhof Bescheid oder sie transportieren sie ab. Auf die Nachfrage, wohin sie die Menschen bringen, wollen die Polizisten aber keine Auskunft geben. Wahrscheinlich werden die Aufgegriffenen direkt an den wenige hundert Meter entfernten Grenzübergang Ponte San Luigi transportiert. Von dort müssen sie dann wohl entweder nach Ventimiglia zurücklaufen, wie auch Jimmie ­berichtete, oder die italienische Polizei setzt sie in einen Bus gen Süden.
Der Umgang der französischen Polizei mit den ankommenden Migranten verstößt oft gegen das Gesetz. Auch wenn Frankreich gemäß der Dublin-Regeln in vielen Fällen nicht dazu verpflichtet wäre, ein Asylverfahren einzuleiten, müsste zumindest geprüft werden, ob ein Anspruch auf Einreise besteht. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Person Angehörige in Frankreich oder anderen EU-Ländern hat. Auch Minderjährige dürfen nicht zurückgeschoben werden. »Die Möglichkeit, in Frankreich Asyl zu beantragen, besteht de facto nur, wenn Dritte, also Bürger der Europäischen Union, gegenüber den Behörden vermittelnd eingreifen und vor den Behörden die Rechte von Migranten verteidigen«, sagt Francesca Peirotti.
Tagsüber steht den Migranten in Ventimiglia kaum öffentlicher Raum zur Verfügung. In fast allen Cafés sind Schwarze nicht erwünscht. Der einzige Zufluchtsort ist die »Hobbit Bar«. Die Gäste der Wirtin Delia sind vor den ständigen Polizeikontrollen geschützt, sie dürfen während der Öffnungszeiten im Lokal schlafen, sich waschen und ihre Handyakkus aufladen. Delia hat dadurch geringe Einnahmen und sehr hohe Nebenkosten. Sie hat gesund­heitliche Probleme und ist fast vollkommen erblindet. Wegen ihrer Toleranz gegenüber Migranten hat sie ihre alte Stammkundschaft verloren, Delia ist bankrott und muss möglicherweise in einigen Monaten schließen. Unterstützung erhält sie von den verbliebenen Flüchtlingshelfern in der Stadt, sie kämpfen für das Bestehen des Cafés.
Wer hier einem 16jährigen Migranten eine Fanta spendiert, bekommt unglaubliche Lebensgeschichten zu hören. Die älteren sind deutlich misstrauischer gegenüber Journalisten. »Ich will nicht, dass ein deutscher Journalist mit meiner Lebensgeschichte Geld verdient und sich dadurch profiliert, dass er den Deutschen das Leid afrikanischer Flüchtlinge näherbringt. Davon habe ich nichts«, wehrt einer von ihnen ab. »Außerdem ist meine persönliche Geschichte nicht wichtig. Tausende von uns sterben auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer. Das ist das, worüber geschrieben werden muss.«
Auch an der Riviera gibt es für die Migranten keine Möglichkeit, die französisch-italienische Grenze legal zu überqueren. Der Weg über die grüne Grenze ist lebensgefährlich wegen der tiefen Schluchten und die Waldwege werden von der Polizei bewacht. Erst Mitte Februar ist ein junger Mann ­gestorben, der versuchte, auf dem Dach eines Zuges über die Grenze zu kommen. Der Starkstrom tötete ihn in Ventimiglia, seine Leiche wurde bis Cannes mitgeschleppt.
Jimmie versucht es in ein paar Tagen wieder, wenn er ausgeruhter ist. Er hat jetzt die Adresse einer Beratungsstelle in Nizza. Beim fünften, beim sechsten oder beim siebten Mal kommt er vielleicht über Nizza hinaus. Er sucht nach einem Land, in dem er für seine Familie Geld verdienen und Fußball spielen kann. Welches Land das sein könnte, weiß er nicht.


* Name von der Redaktion geändert.