Ein Gespräch mit Suzn Fahmi vom Jinda Center in Dohuk über die Lage yezidischer Frauen im Nordirak

»Die Frauen müssen wieder ins Leben finden«

Suzn Fahmi arbeitet im Nordirak im Jinda Center, einem Zentrum für yezidische Frauen und Mädchen, die der ­Gefangenschaft des »Islamischen Staats« entkommen sind. Dieser verübt einen Genozid an der religiösen Minderheit der Yeziden und hat allein im August 2014 über 7 000 yezidische Frauen getötet und mehr als 5 000 Frauen und Kinder verschleppt.

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Jinda ist ein kurdisches Wort. Was bedeutet es?
Jinda bedeutet »ins Leben zurückkehren«, der Name ist also nicht zufällig. Die Frauen, die in der Gefangenschaft des »Islamischen Staats« (IS) waren und entkommen konnten, brauchen genau das. Sie sind verschleppt, geschlagen und vergewaltigt worden. Der »Islamische Staat« hat sogar schwangere Frauen zu Sexsklavinnen gemacht. Die Frauen, die dem IS entkommen konnten, müssen jetzt wieder ins Leben finden. Dazu gehört es, ganz normale Dinge zu tun: reden, lachen, gärtnern, handarbeiten. Das klingt banal, aber die Frauen in den Flüchtlingscamps in Dohuk wünschen sich das. Sie wollen raus aus den Camps, um ein Stück Normalität zu gewinnen. So entstand auch die Idee, das Jinda Center zu gründen.

Wer hatte die Idee dazu?
Die Idee kam von den yezidischen Frauen in den Flüchtlingscamps und das Projekt entstand mit Hilfe der deutschen Frauenrechtsorganisation Wadi. Wadi hat mobile Gesundheitsteams, die in die Flüchtlings­camps gehen und unter anderem psychotherapeutische Hilfe vermitteln. Wenn sich eine Frau diese Hilfe wünscht, bringt das Gesundheitsteam die Frau raus aus dem Camp und nach Dohuk zu einem Psychotherapeuten. Das hilft gerade den yezidischen Frauen, die in der Gefangenschaft des IS Schreckliches erlebt haben. Irgendwann ist aber klar geworden, dass diese Frauen noch ganz andere Bedürfnisse haben. Also haben sich 20 Yezidinnen, die die IS-Gefangenschaft überlebt haben, zusammengetan und gesagt: Wir wollen außerhalb des Camps einen Ort haben, um uns auszutauschen. Wadi und Unicef haben die Frauen dabei unterstützt und der italienische Staat hat das Projekt finanziert, so dass das Jinda Center entstehen konnte.

Wie konnten die Frauen dem »Islamischen Staat« entkommen?
Die mobilen Teams von Wadi haben Kontakt zu Schmugglern und die Schmuggler stehen in Kontakt mit dem IS. Die Familien der Frauen müssen Geld sammeln, um die Frauen in Gefangenschaft freizukaufen. Das kostet zwischen 10 000 und 20 000 US-Dollar und dieses Geld zu organisieren, ist für die Familien das größte Hindernis. Es ist nicht so schwer, die Frauen vom IS zurückzukaufen, wenn das Geld da ist. Aber es zu bekommen, ist für die allermeisten ein riesiges Problem. Es ist absurd: Die Frauen erzählen uns, dass sie unter den IS-Kämpfern als Sexsklavinnen für eine Zigarette oder eine Flasche Bier verkauft worden sind, aber wenn die Familien sie freikaufen wollen, müssen sie 20 000 US-Dollar bezahlen.

Wie geht es den Frauen, wenn sie aus der Gefangenschaft kommen?
Natürlich geht es ihnen schlecht. Zu den grausamen Erlebnissen in der Gefangenschaft kommen neue, schreckliche Erkenntnisse. Wenn die Frauen aus der Gefangenschaft kommen, finden sie heraus, dass viele ihrer Familienmitglieder tot oder in andere Länder geflohen sind. Das verändert ihre Rolle: Die Frauen müssen plötzlich nicht nur Mütter, sondern auch Väter für ihre Kinder sein. Sie müssen Geld verdienen.

Wie kommen die Frauen mit dieser neuen Rolle klar?
Die Frauen sind sehr stark, es ist aber eine komplett neue Situation für sie. Frauen haben in der irakischen Gesellschaft ja auch vor dem IS unfrei gelebt. Als Kind hat man mir immer gesagt: Das darfst du nicht, weil du ein Mädchen bist. Ich habe mich dagegen immer instinktiv gewehrt, deshalb war ich ein sehr ungehorsames Kind. Im Irak ist es so, dass es immer die Familie ist, die Entscheidungen trifft, und nie eine einzelne Person – schon gar nicht eine einzelne Frau! Die Frauen sind es also gewohnt, dass ihre Familien über sie bestimmen. Jetzt sind ihre Familien weg und und sie müssen plötzlich alleine entscheiden. Das haben sie nie gelernt. Vorher durften sie vielleicht nicht arbeiten, jetzt müssen sie es tun, weil es gar nicht anders geht. Es wäre natürlich besser, wenn diese Veränderung nicht aus einer Notlage entstanden wäre, aber es ist trotzdem ein guter Prozess.

Wie hilft das Jinda Center den Frauen dabei, sich in die neue Rolle zu finden?
Wir holen die Frauen für zwei Stunden aus den Camps heraus. Allein dieser Ortswechsel ist extrem wichtig für sie. Außerdem versuchen wir, sie beruflich und emotional zu unterstützen. Im Jinda Center können sie nähen oder handwerklich arbeiten. Wir haben ein Gewächshaus, in dem sie gärtnern können. Die Sachen, die sie dort selbst fertigen, verkaufen sie in den Camps, um ihre Familien zu ernähren. Noch wichtiger ist das Jinda Center für die Frauen aber, weil sie sich dort austauschen und das verarbeiten können, was ihnen passiert ist. Sie müssen sich nicht nur um ihre Kinder, sondern auch um sich selbst kümmern: Ihnen ist vom IS Gewalt angetan worden. Viele von ihnen fühlen sich nicht mehr schön, seit sie vergewaltigt worden sind. Im Jinda Center können sie sich schminken und ihre Haare machen und lernen, sich in ihrem Körper wieder wohlzufühlen.

Wie sprechen Sie mit den Frauen über das, was ihnen in der Gefangenschaft passiert ist?
Wir versuchen sie zu ermutigen, ihre Geschichten öffentlich zu machen. Diese Frauen sind durch die Hölle gegangen, aber sie sind trotzdem stark. Die meisten der Frauen haben ihre Geschichte aufgeschrieben, weil sie wissen, dass die Welt nur so davon erfährt, was sie erlebt haben. Wir sprechen mit ihnen auch über Frauenrechte, weil wir sie für die Zukunft stärken wollen.

Sie selbst sind Muslima. Der IS hat die yezidischen Frauen im Namen des Islam gefangengenommen. Wie reagieren die Frauen auf Sie?
Das Misstrauen, das der IS zwischen den Menschen schürt, ist der Grund, warum ich mit yezidischen Frauen arbeiten wollte. Ich habe gesehen, dass Menschen wegen des IS plötzlich Angst vor Muslimen haben und ihnen nicht mehr vertrauen. Aus der Schulzeit habe ich noch viele yezidische Freundinnen und ich wollte verhindern, dass der IS einen Keil zwischen die Religionen treibt. Es ist schön zu sehen, dass der IS das nicht geschafft hat. Die yezidischen Frauen haben mich sehr warmherzig empfangen. Eine Frau hat mir erzählt, dass es nicht Gott gewesen sein kann, der die Anhänger des IS erschaffen hat, und dass solche Menschen keine Muslime seien. Das war ein sehr bewegender Moment für mich. Ich bemerke auch, dass es den Frauen gut tut, ab und zu mit jemandem zu reden, der nicht aus ihrer Gemeinschaft stammt. Sie haben deshalb eine ganz andere Beziehung zu mir und erzählen mir Geheimnisse, die sie sich untereinander nicht erzählen würden.

Was brauchen Sie vor Ort am meisten?
Gerade brauchen wir vor allem Geld. Die italienische Regierung hat die Finanzierung im Dezember 2015 beendet. Im Moment finanziert uns nur noch Wadi, aber das reicht für unsere Arbeit nicht aus. Jinda hilft den Frauen, in ihr Leben zurückzufinden, und ich wünsche mir, das weiter tun zu können.