Die Aktualität von Marx’ »Kapital«

Ricardos Hüte leben

150 Jahre »Das Kapital« sind kein Grund zum Feiern, weil der Gegenstand des Buches ebendiese 150 Jahre unbeeindruckt überlebt hat. Das stört »die Wissenschaftler vom Wert«, die professionell Kritik auf Volkswirtschaft herunterbringen, allerdings wenig.
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Im September vor 150 Jahren erschien der erste Band von »Das Kapital. Zur Kritik der politischen Ökonomie« von Karl Marx – und seit mindestens 50 Jahren schwätzt und debattiert der westliche (insbesondere deutsche) akademische Marxismus dieses Werk zu Tode, mit dem spätestens 1989 fadenscheinig gewordenen Argument, den »orthodoxen« bzw. »traditionellen« wahlweise »Arbeiterbewegungsmarxismus« (Kurz) oder »Weltanschauungsmarxismus« (Heinrich) endlich überwinden zu müssen. (1) 

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Da untersucht man jahrzehntelang die Marx’sche Methode, fragt sich frucht- und ergebnislos, ob ­diese historisch, logisch, strukturalistisch, dialektisch oder von allem etwas sei, unterscheidet hinsichtlich der Reihenfolge der Kategorien zwischen Forschung und Darstellung, diskutiert, ob der jeweilige Gang nun vom Konkreten zum Abstrakten oder in umgekehrte Richtung aufzusteigen habe – bloß um wichtigtuerisch zu verleugnen, dass die Essentials der Marx’schen Wertkritik ohne jedes methodische Vorverständnis begriffen werden könnten.

Zuerst die gute Nachricht: Es ist Marx gelungen; die letzten nötigen und wesentlichen Elemente dieses Gelingens finden sich im ersten Band von »Das Kapital«. Die schlechte Nachricht: Marx selbst hat dieses Gelingen nicht recht bemerkt.

Zu solcher Wichtigtuerei passt dann auch die Manie dieser »Wissenschaftler vom Wert«, anlässlich jeder Krise mit bürgerlichen Vulgär­ökonomen endlos darüber zu streiten, ob und inwiefern Marx eben doch recht hatte, als er dem Kapitalismus einen krisenhaften Verlauf bescheinigte, ob und inwiefern die politische Linke von der jeweils akuten Krise womöglich (ausgerechnet:) profitieren könnte. Allein damit ist aber schon jene radikale und epochale Einsicht der sogenannten Marx’schen Frühschriften (2) verraten, nach der das Kapitalverhältnis eine kategorisch vor und unabhängig von jeder Krise kommunistisch aufzuhebende historisch-spezifische Form der Herrschaft ist.
Ursprünglich war es jedenfalls eine entscheidende Ahnung jener groß­artigen Frühschriften, die Marx nicht mehr losgelassen hat und nach intensiver, ideologiekritischer Ausarbeitung verlangte: dass nämlich die kapitalistische Vergesellschaftung aus den Formen ihrer Reproduktion heraus mit einer gewissen Notwendigkeit falsche und verkehrte Vorstellungen über ebendiese Reproduk­tion erzeugt, und zwar gleichermaßen – wenn auch mit unterschiedlichen Konsequenzen – in den Herrschenden wie in den Beherrschten.

Das Marx’sche Vorhaben bei der Arbeit zu »Das Kapital«, die theoretischen Schwierigkeiten der bürger­lichen Ökonomen bei der Bestimmung ihrer Basiskategorien gewissermaßen immanent zu lösen, hatte so den Zweck, der Tücke der Sache, den verrückten und verkehrten Formen der bürgerlichen Realität, auf die Schliche zu kommen, um nicht zuletzt auch die vernünftige Kapita­lismuskritik selbst vor ihrer Verrückung oder gar Verstrickung ins Geschehen zu bewahren. Hierzu musste Marx die in den Frühschriften formulierte Kritik der politischen Ökonomie noch übertreffen und sich im Unterschied zu diesen dann auch wirklich von Smith und Ricardo emanzipieren.

Die Klage über »ungerechte Löhne« lässt sich nur deshalb als selbst noch ideologisch befangene kritisieren, weil sie negiert, dass schon die Lohnform als solche himmelschreiendes gesellschaftliches Unrecht ist.

Keine falsche Ehrfurcht
So sei das diesjährige Jubiläum zum Anlass genommen, allen, denen das Interesse von marxistischen »Erbsenzählern« (Joachim Bruhn) noch nicht vollends vergällt wurde, zwei eigentlich triviale Nachrichten – eine gute und eine schlechte – zu überbringen. Zuerst die gute: Es ist Marx gelungen; die letzten nötigen und wesentlichen Elemente dieses Gelingens finden sich im ersten Band von »Das Kapital«. Die schlechte Nachricht: Marx selbst hat dieses Gelingen nicht recht bemerkt. Deshalb hat er auch noch nach 1867 in diesen Dingen weitergeforscht und so den strebsamen Akademikern jenes »notorisch unfertige Lebenswerk« hinterlassen, das sie allzu gerne als »Baustelle« präsentieren, deren »Statik und Architektonik im Laufe der Zeit ständig aktualisiert wird und werden muss«, damit ihnen auch ja die Beschäftigung niemals ausgehe. (3) Mit diesem steten Fortschreiben von »Das Kapital« macht Marx darüber hinaus auch Rückschritte und hat in folglich keinen einzigen Text hinterlassen, in dem sich eine Zusammenschau der wesentlichsten Erkenntnisse auf ihrem jeweils höchsten Niveau fände. Stattdessen muss man sich diese aus Bergen ­beschriebenen Papiers erst mühsam zusammensuchen.

Im Ergebnis ist das entsprechende Material dann aber durchaus überschaubar; insgesamt wird man auf höchstens 200 Seiten der Marx-Engels-Werke (MEW) kommen, abzüglich von Redundanzen wären es wahrscheinlich kaum mehr als 100. Beim Namen genannt: Von den 1857/58 verfassten – erst 1939 bis 1941 veröffentlichten – »Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie« (MEW 42) sind etwa 20 Seiten in Hinblick auf die Quintessenz der Marx’schen Wertkritik relevant, auf das 1859 erschienene Buch »Zur Kritik der politischen Ökonomie« entfallen gut 20 zusammenhängende Seiten (MEW 13, 15–37), »Das Kapital I« (MEW 23) steuert das Unterkapitel über den »Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis« (85–99), den ganzen zweiten Abschnitt über die »Verwandlung von Geld in Kapital« (161–191), einige Seiten über den »Akkumula­tionsprozess des Kapitals« aus dem 22. sowie 23. Kapitel und insbeson­dere das 24. Kapitel über die »sogenannte ursprüngliche Akkumulation« (741–771) bei: nicht mehr, aber auch nicht weniger …

Für den Einstieg in die Kritik der politischen Ökonomie ist man jedenfalls gut beraten, zunächst jede falsche Ehrfurcht vor Volkswirtschaft sowie Mathematik abzulegen.

Für den Einstieg in die Kritik der politischen Ökonomie ist man jedenfalls gut beraten, zunächst jede falsche Ehrfurcht vor Volkswirtschaft sowie Mathematik abzulegen und dem zu folgen, was man mit Marx als seine vier »Springunkt(e)« (MEW 23, 56) gegen die bisherige Wirtschaftstheorie hervorheben müsste: erstens die Bestimmung der »abstrakten Arbeit«, zweitens die ­Lösung des »Geldrätsels« (MEW 23, 62), drittens die Enthüllung des »­Geheimnisses der Plusmacherei« (MEW 3, 189) und viertens der Fetischbegriff, der die Entfremdungsthematik der Frühschriften aufgreift und nicht etwa wissenschaftlich einhegt, sondern radikalisiert.

Die ersten beiden Springpunkte gehören gewissermaßen zu einer allgemein-vorläufigen »Werttheorie«, die ihren Begriff des Werts am nicht- bzw. vorkapitalistischen Waren- oder Äquivalententausch, am Austauschprozess entwickelt. Der dritte impliziert eine historisch-spezifische »Mehrwerttheorie«, die sich allein auf die kapitalistische Produktion bezieht, in der auch der Fetisch (als vierter Punkt) erst vollends seinem Begriff entspricht, wiewohl dessen Vorformen auch in Epochen »einfacher Warenproduktion« zurückreichen mögen. Zwischen »Werttheorie« (Springpunkte 1 und 2) und »Mehrwerttheorie« (3 und 4) ist nun allerdings mit und zugleich gegen Marx ein eklatanter Widerspruch zu konstatieren: Marx weist einerseits am Grund der ökonomischen Basiskategorien des Kapitalismus deren – wie noch zu zeigen sein wird – nichtrationalisierbare beziehungsweise vernunftwidrige beziehungswiese immanent alogische Irrationalität oder gar zynische Wahnhaftigkeit nach, scheint aber andererseits gewillt, auf diesen Kategorien eine (wie kritisch auch immer gemeinte) Volkswirtschaftslehre zu errichten, wozu er den von ihm selbst festgestellten Bruch übergehen oder den Wahn gar rationalisieren muss, damit also immer wieder hinter seine eigenen Erkenntnisse zurückfällt.

Werttheorie und Äquivalententausch
Die erste Leistung »bürgerlicher Ökonomie« bestand im Grunde darin, hinter den empirisch allein als Kauf (Ware für Geld) und Verkauf (Geld für Ware) erscheinenden Akten den Waren- oder Äquivalententausch der Form: x Ware A = y Ware B überhaupt einmal als erklärungsbedürftig auszumachen. »Denn es trägt«, wie bereits Aristoteles sagt, »nichts aus, ob man fünf Betten für ein Haus gibt oder den Geldwert der fünf Betten.« (4) Die zweite Leistung könnte man als die Fähigkeit bezeichnen, sich zu wundern. Es ist dies die Frage nach dem Gleichheitszeichen (das eigentlich ein Entsprechungszeichen sein müsste) als dem, was Ungleiches in unterschiedlichen Proportionen einander entsprechen lässt. Marx verdeutlicht dies in der Gegenüberstellung von möglichst weit Auseinanderliegendem, etwa soundso viele Paläste gegen soundso viele Stiefelwichsbüchsen (vgl. MEW 13, 16).

Schon Aristoteles kam zu einer entscheidenden Schlussfolgerung: »In Wahrheit können freilich Dinge, die so sehr voneinander verschieden sind, nicht kommensurabel sein«, weil aber der Tausch ja eine nicht zu leugnende gesellschaftliche Praxis ist, muss »es also ein Eines geben, welches das gemeinsame Maß vorstellt«, also als »quantitativ und qualitativ« bestimmtes »Maß alle Dinge kommensurabel macht und dadurch eine Gleichheit unter ihnen herstellt. Denn ohne Austausch wäre keine Gemeinschaft und ohne Gleichheit kein Austausch und ohne Kommensurabilität keine Gleichheit.« Das wäre die dritte Leistung.
Sodann erkennt Aristoteles viertens, dass Geld erst »sozusagen zu einer Mitte wird«, dass also eine Berechnung nach dem »Einen« (logisch und/oder historisch) vor sich ging, »bevor das Geld aufkam«, un d dass dem Geld eine Geldware – als »Sache, die selbst zu den nützlichen Dingen zählte« – voranging, »z. B. Eisen, Silber und dergleichen. Zuerst bestimmte man sie einfach nach Größe und Gewicht, schließlich aber drückte man ihr ein Zeichen auf, um sich das Messen und Wägen zu sparen, indem die Prägung als Zeichen ihrer Quantität galt.«

Die zentrale Frage aber, was genau denn nun dieses »Eine« sei, das sich erst in der Geldware und dann in der geprägten Münze materialisiert, konnte Aristoteles nicht zufriedenstellend klären. Neben der vereinzelt aufblitzenden Ahnung, Arbeit und auch Staat beziehungsweise ­Gesetz (Nomos) hätten irgendwie mit dem Gesamtprozess des Tausches zu tun, steht nämlich die explizite Feststellung, so etwas Diffuses wie »das Bedürfnis« bewerkstellige die objektive – also intersubjektiv verbindliche – »Berechnung« der »frag­lichen Werte«.

Demgegenüber haben sich Smith und Ricardo viel entschiedener auf die Arbeit als Bestimmungsgrund des »Einen« beziehungsweise des Werts als Tauschregulativ festgelegt, allerdings ohne die nötigen Differenzierungen im Arbeitsbegriff selbst vorzunehmen. Hier hat Marx interveniert, der sich rühmen kann, in Unterscheidung eindeutig zu definieren und dann konsequent auseinanderzuhalten, was seine Vorgänger unbewusst voraussetzen und mal zu verwechseln, mal zu vermengen pflegen: Waren sind für Marx als zu tauschende sinnliche Gebrauchs­gegenstände (oder Gebrauchswerte) zwar erst einmal Arbeitsprodukte, das heißt Resultate individueller und »konkreter Arbeit« (zum Beispiel Weber- oder Schneiderarbeit). Von dieser Arbeit zu trennen wäre aber das, was deren Austauschbarkeit herstellt – also als qualitatives Moment des »Einen« oder als »Substanz des Tauschwerts« (MEW 13, 17): abstrakte Arbeit, allgemein menschliche Arbeit, Arbeit schlechthin, Verausgabung menschlicher Arbeitskraft überhaupt; und als quantitatives Moment oder »Maß des Wertes« (ebd.): die zur Herstellung der Waren nötige Arbeitszeit in ihrem gesellschaftlichen Durchschnitt.

Gespenstische Gegenständlichkeit

Das, was Marx die »zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit« (MEW 23, 56) nennt – und in der entsprechenden Kapitelüberschrift auch als »Doppelcharakter« bezeichnet –, scheint ihn jedoch zu analogen Formulierungen verleitet zu haben, die mitunter Marx selbst, vor allem aber den Marxismus in die Irre führten. Danach »erzeugt« oder »produziert« nicht nur die konkrete nützliche Arbeit Gebrauchs­gegenstände oder Gebrauchswerte, in denen sie sich vergegenständlicht. Ebenso wird die abstrakt allgemeine Arbeit zu einem (eben nicht nur grammatikalischen) Handlungssubjekt, das (Tausch-)Wert (oder die Substanz desselben) »bildet«, »pro­duziert« oder »setzt«. Nach dieser Seite hin scheint dann auch der (Tausch-)Wert quasi als eigene Substanz – wiewohl »kein Atom Naturstoff in Wertgegenständlichkeit eingeht« (MEW 23, 62) –, als »festge­ronnene Arbeitszeit«, als »Gallerte«, »Kristall« oder »Kristallisation« von Marx insofern recht dingfest gemacht zu werden, als er in der Tat gelegentlich nahelegt, die gesellschaftliche Arbeitszeit würde wirklich in den Waren »existieren«, abstrakt menschliche Arbeit sich in ihnen vergegenständlichen.
 Dagegen wären Marx’sche Formulierungen aufzunehmen, die in Hinblick auf den Wert von einer eben nur »gespenstigen Gegenständlichkeit« (MEW 23, 62) sprechen und unmissverständlich aussagen: »Die allgemeine Arbeitszeit selbst ist eine Abstraktion, die als solche für die Waren nicht existiert.« (MEW 13, 31) Als tatsächliche Subjekte oder Ur­heber dieser »reellen Abstraktion« (MEW 13, 18) nämlich deuteten die Grundrisse noch vergleichsweise eindeutig und sinnigerweise die Tauschenden selbst an: »Arbeitszeit. Ich setze jede der Waren = einem Dritten; d. h. sich selbst ungleich. Dies Dritte, von beiden verschieden, da es ein Verhältnis ausdrückt, existiert zunächst im Kopfe, in der Vorstellung.« (MEW 42, 78) Die Relation, das Verhältnis, also nichts Dinghaftes, das der (Tausch-)Wert darstellt, ist ein gesellschaftliches, zwischenmenschliches: Die Tauschenden »setzen« via Mengenverhältnis entsprechender (damit Ware gewordener) Arbeitsprodukte ihre jeweiligen konkreten Arbeiten in Abstraktion auf gesellschaftliche Arbeit und Durchschnittszeit einander gleich.
Warenform – Wert – Denkform, all das wären damit Ausdrücke für ein- und dasselbe. Als von Tauschenden Gedachte mag die Wertbestimmung damit subjektiv, ideell, immateriell anmuten, als in und von überindi­vidueller gesellschaftlicher Tauschpraxis erst Vermittelte und diese fortan Vermittelnde wirkt diese Gedankenform jedoch zugleich real, objektiv und materiell, gehört sie dem gesellschaftlichen Sein (auch außerhalb des Kopfes) an und ist nicht bloß Bewusstseinskategorie.

In diesem präzisierten Sinn wäre der »Kritik der politischen Ökonomie« mit den »Feuerbachthesen« auf die Sprünge zu helfen. In begrifflicher Anlehnung an Simmel, Sohn-Rethel, Adorno oder Reichelt, die damit jedoch teils anderes meinen, könnte man vom Wert als einer Realabstraktion sprechen. Diese jedenfalls wäre das »Eine«, das sich zunächst in der von allen anderen Waren abgesonderten Geldware und schließlich im Geld als dessen sinnlich wahrnehmbarer Repräsentanten »materialisiert«. Dabei ruft spätestens die Münze als sinnlich-übersinnliches Ding einen (historisch mehr oder weniger staatlichen) Souverän auf den Plan, der nicht nur die fälschungssichere Münzprägung besorgt, die Fälscher verfolgt und die Menge des zirkulierenden Geldes reguliert. Er schafft Handels- und Tauschrecht, macht also Käufer und Verkäufer zu zumindest in dieser Funktion einander gleichen Rechtssubjekten und garantiert die Geltung des Geldwertes mit all seiner administrativen Macht. Das wird umso bedeutender, je mehr Nominal- und Sachwert des Geldes auseinandertreten, je weniger materiellen Wert und physisches Gewicht der stoff­liche Träger des Geldes gegenüber seinem Nominalwert aufweist, also: je abstraktere Gestalt die Konkretion der Realabstraktion in der historischen Entwicklung von Gold und Münze über Papierscheine zum elektronischen Datum in jüngerer Zeit annehmen wird.

Mit der hoheitlich besorgten Versinnlichung im Geld musste die ­Realabstraktion nicht mehr von den Tauschenden als bewusste Denkleistung vollbracht werden, sondern begann, wenn man so will, sich hinter ihrem Rücken abzuspielen. Damit konnte der Abstraktionsvorgang als solcher nicht nur in Vergessenheit geraten. Es kommt auch zu naheliegenden Wahrnehmungsverkehrungen bei den Tauschenden. Das Geld – wiewohl durch den Tausch historisch und logisch vermittelt – erscheint als das den Tausch erst ­logisch Vermittelnde. Die reale Versachlichung gesellschaftlicher Verhältnisse in Dingen wie Geld und Waren reproduziert die »gesellschaft­liche Beziehung der Personen« (und ihrer Arbeiten) im Bewusstsein als »gesellschaftliches Verhältnis der Sachen« (MEW 13, 21); darum auch spricht Marx von »prosaisch reelle(r) Mystifikation« (MEW 13, 35). Dass der (Tausch-)Wert also ein »unter dinglicher Hülle verstecktes Verhältnis« ist, erklärt dann auch die Verwunderung »moderner Ökonomen«, »wenn bald als gesellschaftliches Verhältnis erscheint, was sie eben plump als Ding festzuhalten meinten, und dann wieder als Ding sie neckt, was sie kaum als gesellschaftliches Verhältnis fixiert hatten« (MEW 13, 22).

Ging es bei der Verkehrung bis hierhin darum, dass die Realität ein verkehrtes Bewusstsein ihrer selbst nahelegt, so wird erst der Kapitalismus einer Realverkehrung (auch von Subjekt und Objekt) zu Durchbruch und Vollendung verhelfen, die wahrscheinlich von Anfang an in Warentausch und Geld angelegt war, aber nur so und historisch jetzt erst den Begriff des Fetischs rechtfertigt: Die von den Menschen zwecks rationaler Naturbeherrschung ins Werk gesetzten Dinge verselbständigen sich und werden zu Mächten einer zweiten Natur, von deren Quasi-­Gesetzen die Menschen sich – als regredierten sie zu Götzendienern – beherrschen lassen. Anders ausgedrückt: In vorkapitalistischen Zeiten waren die in Dingen verhüllten Verhältnisse nicht die gesellschaftlich entscheidenden, Herrschaft des Menschen über den Menschen sowie Ausbeutung hatten in antiker Sklaverei und mittelalterlichem Feudalismus ihren bevorzugten Ort mitnichten in Warenproduktion und Warentausch. Wert und Geld werden erst mit dem produktiven Kapital zum synthetisierenden Prinzip der Gesellschaft und verändern dabei diese wie sich selbst. Herrschaft versachlicht und verschleiert sich dadurch.
 

»Das Geheimnis der Plusmacherei«

Mit der hoheitlich besorgten Versinnlichung im Geld musste die ­Realabstraktion nicht mehr von den Tauschenden als bewusste Denkleistung vollbracht werden, sondern begann, wenn man so will, sich hinter ihrem Rücken abzuspielen.


Das Spezifische des Kapitalismus, also das von Marx gelüftete »Geheimnis« seiner »Plusmacherei«, erzählt man sich unter Marxisten in etwa so: Der Arbeitslohn suggeriert Kapitalisten, Lohnarbeitern und Vulgärökonomen, er sei ein Äquivalent für die Zeit, in der der Arbeiter arbeitet. Daraus folgt entweder, dass die Quelle des Mehrwerts jenseits der Arbeit aufzusuchen sei (beispielsweise soll der Profit den Maschinen oder einem willkürlichen Preisaufschlag entspringen), oder, dass die Arbeit – soll der Mehrwert weiterhin auf sie zurückgeführt werden – vom Kapital unter ihrem Wert eingekauft werde. Letzteres veranlasste frühe Sozialisten zur Annahme, die kapitalistische Ausbeutung beruhe auf »ungerechten Löhnen«, zumal ja bereits Adam Smith herausfand, dass der Lohn bloß die Arbeitszeit abdeckt, in der der Arbeiter das Äquivalent seiner eigenen Reproduktionskosten produziert, während seine restliche Arbeitszeit unbezahlte Mehrarbeit ist, deren Früchte sich das Kapital aneignet.

Demgegenüber bestehe Marx’ Innovation im Nachweis, dass beim Vertragsverhältnis zwischen Kapital und Arbeit alles mit rechten Dingen zu­gehe, also die Ausbeutung sich im Einklang mit dem bürgerlichen Recht und den Gesetzen des herkömmlichen Äquivalententauschs ereigne. Der Kapitalist kaufe nämlich nicht – wie es Marx selbst noch in seinen Frühschriften vertrat – »den Arbeiter« oder »die Arbeit« oder »die Arbeitszeit«. Was der Kapitalist kauft und der Arbeiter verkauft, das sei die »Arbeitskraft«, genauer: das Arbeitskraftvermögen, weil und insofern die darauf erfolgende Arbeitskraftverausgabung schon in den ­Gebrauch der vom Kapitalisten rechtmäßig erworbenen Ware fällt. Wie bei jeder anderen Ware auch bestehe der Wert des Arbeitskraftvermögens in der zu seiner Herstellung nötigen Durchschnittszeit (übersetzt in die Lebensmittel, die der Arbeiter zur Reproduktion seiner selbst und damit des Arbeitskraftvermögens benötigt) – und der Kapitalist entrichtet diesen auch in Form des Lohns. Damit profitiere er lediglich von der Eigentümlichkeit der besonderen Ware Arbeitskraftvermögen, deren Gebrauchswert nämlich darin bestehe, mehr produzieren zu können, als zur ihrer Reproduktion notwendig ist. Dass der Kapitalist sich dieses Mehr aneignet, ist nach Marx kein Unrecht gegen den Verkäufer der Ware Arbeitskraft, da er mit Zahlung des adäquaten Tauschwerts ja wie ­jeder Käufer Anrecht darauf hat, das Erworbene dann auch zu konsu­mieren.

Befreit von Produktionsmitteln ist der so entstandene Lohnarbeiter im Unterschied zum herkömmlichen Sklaven zwar frei, seine Arbeitskraft an den Meistbietenden zu verkaufen, nicht aber, nicht zu verkaufen; er ist also um des Überlebens willen gezwungen, seine Haut in Konkurrenz gegen alle anderen zu Markte zu tragen.

Marx – und mit ihm das Gros der Marxisten – glaubt nun die Schwierigkeiten der bürgerlichen Ökonomie mit ihren Basiskategorien überwunden und dabei selbst eine widerspruchsfreie und in sich konsistente Werttheorie aufgestellt zu haben, die zugleich noch die Aporien der bisherigen volkswirtschaftlichen Theorien erklären kann. Von hier aus schritt Marx zur Darstellung des Gesamtreproduktionsprozesses des Kapitals voran mit dem Ziel, letztlich sämtliche Kategorien der klassischen Ökonomie »wissenschaftlich« aus dem neu gewonnenen Wertbegriff abzuleiten – wenn auch unter ­einer freilich zentralen begrifflichen Verschiebung, unter deren Maß­gabe dann Robert Kurz, stellvertretend für viele andere, die ungeheure Relevanz von Band II und insbesondere Band III von »Das Kapital« behauptete. Der Bewegung von Wert und Mehrwert sei nämlich nicht im Sinne des methodologischen Individualismus von Band I nachzuspüren – etwa nach dem Muster, dieser einzelne Kapitalist realisiere mit jener besonderen Warensorte bei einer Exploitationsrate von soundsoviel Prozent und entsprechendem Absatz soundsoviel Gewinn –, vielmehr wäre vom Standpunkt der Totalität für einen Produktionszyklus vom – ja wesenhaft nichtdinglichen – gesellschaftlichen Gesamtwert (bzw. Gesamtmehrwert) auszugehen, an dessen »Masse« die einzelnen Sektoren und besonderen Kapitale quasi erst im Nachhinein anteilig partizipieren.

Und an dieser Stelle der Kritik der politischen Ökonomie steigt dann für gewöhnlich aus, wer in sich weder einen Experten für Volkswirtschaft und Mathematik sieht noch einer werden möchte – mit der ­Konsequenz, dass man das theoretische Feld auch schon des ersten Bandes von »Das Kapital« von vornherein bereitwillig den »Wissenschaftlern vom Wert« überlässt. Man erinnere sich etwa an die Devotion Alfred Schmidts – und damit eines der geistreichsten Philosophen unter Adornos Schülern – im Rahmen des Frankfurter Colloquiums von 1967 anlässlich von »100 Jahren ›Kapital‹«, als er einen Diskussionsbeitrag mit den Worten beendete: »Ich muss freilich diesen Bemerkungen hinzufügen, dass ich kein Fachökonom bin, sondern von einer philosophischen Marx-Exegese ausgehe, und ich bitte, mir das zugute zu halten«, und folgende Antwort erhielt: »Dass Sie kein Ökonom sind, soll Ihnen verziehen sein, aber … «

Marx-Forschung heißt, eine als Theorie missverstandene Kritik kohärent machen zu wollen, die man aber nicht kohärent machen kann, weil das Inkohärente Ausdruck der Inkohärenz der Wirklichkeit ist, auf deren praktische Veränderung die Kritik zielt, worin erst sie sich bewahrheiten könnte.

Nähme man dagegen einige der Bestimmungen und Deutungen der Ware Arbeitskraft durch Marx, die freilich bekannt sind und daher gemeinhin als trivial gelten, einmal wirklich ernst, ergäben sich aus diesen, was Marx durchaus geahnt hat, allerdings Unstimmigkeiten, Widersprüche und Inkonsistenzen zwischen Wert- und Mehrwerttheorie – und damit im Begriff der Basiskategorie Wert selber –, welche sich durch die Totalitätsperspektive von Band II und III auch nicht plötzlich in Wohlgefallen auflösen. Anders ausgedrückt: Die Klage über »ungerechte Löhne« lässt sich nur deshalb als selbst noch ideologisch befangene kritisieren, weil sie negiert, dass schon die Lohnform als solche himmelschreiendes gesellschaftliches Unrecht ist. Wer es dagegen mit den »rechten Dingen« im Tauschvorgang zwischen Kapital und Arbeit übertreibt und gar meint, diesen mathematisieren zu können, hat sich bereits – nun selbst ideologisch bis ins Mark – die Perspektive von Staat und Kapital zu eigen gemacht.

Ware aus Fleisch und Blut
Selten nämlich ist eine derart hinkende – darin: zynische und herrschaftsaffirmative – Analogie so bereitwillig geschluckt worden wie die, nach der sich die besondere Ware Arbeitskraftvermögen nicht wesentlich von allen anderen Waren unterscheide. Reduziert man das Eigentümliche der Ware Arbeitskraftvermögen allein auf ihren Gebrauchswert, erscheint ihr (Tausch-)Wert als so allgemein und abstrakt über die zu ihrer Herstellung nötige gesellschaftliche Durchschnittszeit (also eine letztlich rationale und mathematisierbare Größe) bestimmbar wie bei allen anderen Waren auch.

Dabei ist diese Gleichsetzung gelinde gesagt eigentümlich: Sie vollzieht kategorial den historischen Skandal nach, verausgabte Arbeitskraft als Maßstab nicht mehr nur auf irgendein hergestelltes (materielles) Ding (umgeformten Naturstoff) anzuwenden, sondern auf das Vermögen, Arbeitskraft zu veraus­gaben, selber, auf Leib und Leben des Arbeitenden.

Dieser Widersinn verweist aufs Zentrum des Wertgeschehens, denn ohne dass sich Mehrwert realisierte, realisiert sich im Kapitalismus schließlich kein anderer Wertbestandteil irgendeiner beliebigen Ware. Angeblich vollziehe sich bei Verkauf und Kauf der Ware Arbeitskraftvermögen nichts, was den Gesetzen des herkömmlichen Äquivalenten­tauschs und dem klassischen Tausch­recht, welches Käufer und Verkäufer zu einander gleichen Rechtssubjekten macht, widersprechen würde. Akzeptiert man das, müssten der Verkäufer und seine veräußerte Ware aber absolut voneinander trennbar sein, was zum einen auf die realitätswidrige Teilung des Arbeiterleibes in Verkäufer hie und Arbeitskraftvermögen da hinausläuft, derart, dass der Arbeiter nach Aushändigung seines Arbeitskraftvermögens für Geld beliebigen Interessen nachgehen könnte, während der Kapitalist das Arbeitskraftvermögen mitnimmt und der Interaktion mit seinen Maschinen zuführt. Zum anderen müsste man die Herstellungskosten des Arbeitskraftvermögens dann auch wirklich – in Analogie etwa zum Weizen – für sich allein bestimmen können, das heißt ohne irgendwelche Umwege. Weil das aber nicht geht und man der Realität Tribut zollt, nimmt man eben doch einen Umweg, nämlich den über die Reproduktionskosten des Arbeiters. Das heißt aber wiederum, im eklatanten Widerspruch zu den Gesetzen des Äquivalententauschs, auf einmal die Reproduktionskosten des Verkäufers zur Disposition zu stellen, heißt, Lebensäußerungen wie Essen, Trinken, Schlafen, Lesen, Sexualität etc. zu Produktionsvorgängen einer Ware zu erklären, sprich, Verkäufer und Ware eben doch identisch zu setzen und damit die unterstellte Rechtssubjektivität des Verkäufers zu beschädigen, der eben nicht mehr souveräner Herr über eine veräußerbare, von seiner Leiblichkeit getrennt existierenden Ware ist.

Alles in allem ist »Wert« spätestens mit der Durchsetzung des Kapitalverhältnisses und zwar »in der Sache«: Zynismus, Gewalt, aporetischer Irrsinn, Wahn, Vergeudung von Lebenszeit, Unglück und Indikator dafür, dass die Menschheit sowie der einzelne Mensch ihre Bestimmung verfehlen.

Dieser paradoxe Zirkelschluss beweist, dass Marx mit seiner Wert­theorie falsch liegt und mit seiner Wertkritik richtig, die beweist, dass die bürgerliche Realität der Warenproduktion wesenhaft aporetisch ist, dass diese – auch juristisch implizit – zugleich die Identität und die Nichtidentität von Arbeiter (Verkäufer) und Arbeitskraftvermögen (Ware) unterstellen muss, um sich praktisch zu vollziehen.

Bisweilen beklagt man ganz allgemein die (metaphorische) Gewalt, die dem Besonderen, Unverwechselbaren, Qualitativen, anderen der eben verschiedenen Dinge angetan werde, wenn man diese über die Abstraktion »Arbeit schlechthin« so ihrer Austauschbarkeit zuführt, wie man die sie hervorbringenden konkreten Arbeiten unter diesen Nenner subsumiert. Und das, obwohl die Dinge in dieser Hinsicht ja tatsächlich gleich sind und zumindest Momenten ihrer qualitativen Differenz in quantitativen Proportionen Rechnung getragen wird. Der dagegen viel einschneidendere Vorgang, der erst eine wirkliche Gleichmacherei beziehungsweise repressive Vergleichung darstellt, nämlich ein natürlich-menschliches Vermögen wie ein gemachtes Ding zu behandeln, um es so erniedrigt den anderen bloßen Dingen gleichzustellen, geht dabei viel zu häufig unter.

Nicht so beim frühen Marx, der beispielsweise in »Das Elend der Philosophie« festhält: »Gewiss, die Sprache Ricardos ist so zynisch wie nur etwas. Die Fabrikationskosten von Hüten und die Unterhaltskosten des Menschen in ein und dieselbe Reihe stellen, heißt die Menschen in Hüte verwandeln. Aber man schreie nicht zu sehr über den Zynismus. Der Zynismus liegt in der Sache und nicht in den Worten, welche die Sache bezeichnen.« (MEW 4, 82 f.) Es geht hier also nicht mehr allein um die Verdinglichung von Verhältnissen, sondern darum, dass der Lohnarbeiter sich zum Gegenstand, zur Sache verdingt, wenn der eigene Leib, also »Fleisch« und »Blut« – wie Marx in »Lohnarbeit und Kapital« festhält – zum »Behälter« einer Ware degradiert werden (MEW 9, 399).
Und noch der späte Marx verwendet im ersten Band von »Das Kapital« ein ganzes Kapitel, nämlich das über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, auf den Nachweis, wie viel brachiale Gewalt seitens einer »Haupt- und Staatsaktion« (MEW 23, 770) nötig war, um diese Ware Arbeitskraftvermögen als solche überhaupt erst hervorzubringen. Zur kolonialistischen Ausbeutung, die zur exorbitanten Anhäufung von Geldkapital führte und dem allmählichen Fallen rechtlicher Schranken, welche die Verwandlung von Geld in produktives Kapital bis dahin verhinderten, trat die brutale Enteignung, Verjagung, Verfolgung und die erst manufaktur-, dann industriekompatible Disziplinierung. Das machte aus dem vormals meist Subsistenzwirtschaft treibenden Landvolk Menschen, die nichts mehr besitzen als ihr Arbeitskraftvermögen – die entscheidende logische wie historische Voraussetzung der Entstehung produktiven Kapitals.

Der immer wieder – auch von Marx selbst – zum »Überbau« der ökonomischen »Basis« verniedlichte Souverän hat über seine Funktion als Geltungsgarant des Geldwerts hinaus damit jedoch nicht nur mittels Verrechtlichung dieser Enteignungen in der Vergangenheit historische und logische Voraussetzungen geschaffen, auch und gerade in der Gegenwart stellt er als ideeler Gesamtkapitalist die sich verstetigende Reproduktion der entsprechenden Herrschaftsverhältnisse rechts-, sozial- und nationalstaatlich alltäglich sicher.

Die Reproduktion des Lohnarbeiters – die Marx zufolge äußerlich von der formellen zur reellen Subsum­tion unters Kapital fortschritt (MEW 23, 533) und, wie zu ergänzen wäre, mittlerweile verinnerlicht im Seelischen als unaufhörliche Gewalt gegen sich selbst statthat – ist also »Formwechsel« der Knechtung (MEW 23, 789), moderne Variante der »Sklaverei« (MEW 9, 398), die sich als Äquivalententausch inszeniert. Befreit von Produktionsmitteln ist der so entstandene Lohnarbeiter im Unterschied zum herkömmlichen Sklaven zwar frei, seine Arbeitskraft an den Meistbietenden zu verkaufen, nicht aber, nicht zu verkaufen; er ist also um des Überlebens willen gezwungen, seine Haut in Konkurrenz gegen alle anderen zu Markte zu tragen.
Obendrein ist das Kapital gezwungen, mit jedem Produktionszyklus Profit zu machen, um als Kapital in Konkurrenz zu überleben (»Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter«). So verselbständigt sich der in vorangegangenen Herrschaftsepochen noch individuelle »Bereicherungstrieb« (MEW 23, 168 bzw. 618) zum allgemeinen Prinzip der Gesellschaft, das sich sogar die neuen Herren als »ökonomische Charaktermasken« (MEW 23, 591), »Fanatiker der Verwertung des Werts« (MEW 23, 618) unterwirft. Diese dezidiert kapitalismusspezifische »Triebhaftigkeit des Werts« (Uli Krug) meinte Marx, als er das Kapital als »automatisches Subjekt« (MEW 23, 169) kennzeichnete, das für nichts als eine vernunftwidrige, weil den Menschen mehr Triebversagung, als vom Stand der Produktivkraftentwicklung her nötig wäre, aufzwingende »Produktion um der Produktion willen« (MEW 23, 167 ff.) steht.

Alles in allem ist »Wert« spätestens mit der Durchsetzung des Kapitalverhältnisses und zwar »in der Sache«: Zynismus, Gewalt, aporetischer Irrsinn, Wahn, Vergeudung von Lebenszeit, Unglück und Indikator dafür, dass die Menschheit sowie der einzelne Mensch ihre Bestimmung verfehlen. In Anlehnung an Joachim Bruhn könnte man »Wert« als »Namen« bezeichnen »für die Abwesenheit der mit sich als freie Assoziation versöhnten Gattung«. Marxismus wäre dann der unmögliche und unsägliche Versuch, dafür einen positiven Zahlenwert in vorgeblich neutrale, wissenschaftliche, unschuldige Formeln einzutragen, womit er am Wahn und der Gewalt der verkehrten Gesellschaft partizipiert – jenes Geschäft bürgerlicher Ökonomen also, das vom Kritiker der politischen Ökonomie nicht richtiger und besser zu betreiben wäre, sondern als solches denunziert gehört.

Nichts zu feiern
Hatte Marx also offensichtlich eingestehen müssen, dass zumindest in die Bestimmung des Werts der Ware Arbeitskraft »ein historisches und moralisches Element« (MEW 23, 185) eingeht – wer legt denn wie die angemessene Höhe der »Reproduktionskosten« von Menschen fest? –, hat sich die überwiegende Mehrheit der sich der Tradition weit überlegen dünkenden Werttheoretiker bis heute nicht die Frage gestellt, was dies Subjektiv-Willkürliche in der Wertbestimmung der für die kapitalistische Warenproduktion wichtigsten – weil konstitutiven – Ware eigentlich über die Objektivität des Werts aller anderen Waren und des Geldes aussagt. Stattdessen scheint das größte Streben darin zu bestehen, den »Wert« von all dem reinzuhalten und die Marx’sche – wenn auch polemisch-kritische – »Beschreibung« der Sache als deren bloß normativ-moralische »Beurteilung«, als Zutat, äußerlich Hinzutretendes zu eskamotieren.

150 Jahre »Kapital« – und die Verhältnisse könnten kaum betrüblicher sein

So können Werttheoretiker das Kapitel über die »sogenannte ursprüngliche Akkumulation« natürlich auswendig rezitieren, sehen darin aber lediglich die Behandlung historischer Voraussetzungen, welche die sich von da an entfaltende »innere Logik« ihres Wertes nicht im Geringsten tangieren, weil der Wert einfach nichts immanent Alogisches zu sein habe. Marx-Forschung heißt daher, eine als Theorie missverstandene Kritik kohärent machen zu wollen, die man aber nicht kohärent machen kann, weil das Inkohärente Ausdruck der Inkohärenz der Wirklichkeit ist, auf deren praktische Veränderung die Kritik zielt, worin erst sie sich bewahrheiten könnte. Weil es damit von vorherein und kategorisch nichts nützen kann, dem Original im Sinne immanenter Widerspruchsfreiheit immer wieder neue begriffliche Hilfskonstruktionen und darstellungs­logisch auseinanderzuhaltende Analyseebenen, Abstraktionslevel, Hinsichten und Perspektiven hinzuzufügen, artet das ganze Projekt stetig zu erneuernder Marx-Lektüren notwendig so ufer-, sinn- und endlos aus. Darum auch das krasse Missverhältnis zwischen 100 relevanten MEW-Seiten und Zehntausenden marxistischer Sekundärliteratur.

150 Jahre »Kapital« – und die Verhältnisse könnten kaum betrüblicher sein: Während die von Anfang an bei allem humanisierenden Potential auch zur Barbarei treibende und in diese bereits umgeschlagene Wertvergesellschaftung davon unbeeindruckt nach wie vor ihr Unwesen entfaltet, setzen die wenigen noch verbliebenen Rezipienten der »Kritik der politischen Ökonomie« weniger auf die Denunziation der Unwahrheit des Kapitalverhältnisses als vielmehr auf dessen Rationalisierung. Zu feiern gibt es anlässlich dieses ­Jubiläums also nichts.

Anmerkungen:
(1) Als erstes Dokument des hier anvisierten westlichen Neomarxismus könnte der von Walter Euchner und Alfred Schmidt herausgegebene Band »Kritik der politischen Ökonomie heute. 100 Jahre ›Kapital‹. Referate und Diskussionen vom Frankfurter Colloquium 1967« (Frankfurt/M., 1972) gelten. Neben Alfred Schmidt referierten und oder diskutierten unter anderen Roman Rosdolsky, Nicos Poulantzas, Oskar Negt, Ernest Mandel und Elmar Altvater mit ein paar DDR-Ökonomen.
(2) Als Frühschriften gelten teils zu Lebzeiten veröffentlichte, teils auch leider unveröffentlicht gebliebene Texte wie »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« (1843/44), »Zur ­Judenfrage« (1844), »Ökonomisch-philosophische Manuskripte« (1844), »Thesen über Feuerbach« (1845), »Die deutsche Ideologie« (1845/46), »Das Elend der Philosophie« (1847), »Manifest der Kommunistischen Partei« (1848) und »Lohnarbeit und Ka­pital« (1849).
(3) Die Zitate entstammen folgendem willkürlich ausgewählten »Studentenfutter« (Bruhn). Für »Lebenswerk« siehe: Bonefeld/Heinrich (Hg.): »Ka­pital und Kritik. Nach der ›neuen‹ Marx Lektüre«, Hamburg 2011, S. 153. Für »Baustelle« siehe: Hoff/Petrioli/Stützle/Wolf (Hrsg.): »Das Kapital neu lesen – Beiträge zur radikalen Philosophie«, Münster 2006, S. 360.
(4) Vgl. für dieses und die folgenden Zitate Aristoteles: »Philosophische Schriften in sechs Bänden«, Hamburg 1995: Band 3 (Nikomachische Ethik), S. 112–114 und Band 4 (Politik), S. 18–23.

Die Marx-Engels-Werke (Berlin 1956 ff.) werden als MEW mit Bandnummer und Seitenzahl zitiert.