Passt grad nicht
Absage. Neue Erkenntnisse sollen die Bundesregierung dazu bewogen haben, das geplante Konzert zum Gedenken an den Völkermord an den Armenieren in Istanbul kurzfristig abzusagen. Im November wollten die Dresdner Sinfoniker im Generalkonsulat ihr Stück »Aghet« über die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich aufführen. Zu dem Konzert hatten sie sogar den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan eingeladen. Inzwischen hat das Auswärtige Amt die Veranstaltung im Kaisersaal des Generalkonsulats abgesagt. In den vergangenen Tagen und Wochen sei die Erkenntnis gereift, dass der Moment für ein solche Aufführung an diesem Ort »einfach nicht der geeignete ist«, hatte ein Sprecher des deutschen Außenministeriums in Berlin erklärt und ist dafür scharf angegangen worden. Linke und Grüne kritisieren dies als »Kotau« vor dem türkischen Präsidenten. Die Regierung in Ankara weigert sich, die systematischen Massaker an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen, und die Bundesregierung zeigt dafür ein gewisses Verständnis. Passt grad nicht. her
Das Horrorwittchen
Kunst-Streit. Mehrere Städte und Regionen Deutschlands reklamieren für sich, Schauplatz des Märchens »Schneewittchen« zu sein. Neben Kassel ist das Mittelhessen. Aber auch Lohr am Main vermutet, der Ursprungsort des Märchens zu sein. 1985 hatte ein Lohrer Apotheker und Pharmaziehistoriker ein bisschen Heimatforschung betrieben und behauptet, dass eine Lohrer Bürgerin das Vorbild für die Figur des mit einem vergifteten Apfel getöteten Schneewittchens sei. Die Tourimuswerbung der Stadt griff die Legende dankbar auf, Lohr wurde »Schneewittchen«-Stadt und bekam ein entsprechendes Hinweisschild am Ortseingang.
Außerdem wollte die Stadt ein Schneewittchen-Skulptur und beauftragte damit den Künstler Peter Wittstadt, woraufhin ein mehrjähriger Streit zwischen beiden Parteien über die Umsetzung des Kunstwerks entbrannte. In einem Kunstwettbewerb hatte der Entwurf 2013 zunächst den Zuschlag erhalten, doch dann erschien der Stadt das Kunstwerk mit rund 110 000 Euro als zu teuer, zumal sich bald abzeichnete, dass die Summe nicht mal ausreichen würde. Zudem zeigten sich die Bürger bei der Vorstellung des Gipsentwurfes maßlos enttäuscht, weil Schneewittchen so ganz anders aussah, als im Märchen der Brüder Grimm beschrieben, und vor allem aus wild rudernden Armen und steifen Zöpfen bestand. Die Stadt hatte ausdrücklich einen nicht »naturalistischen Entwurf« gewünscht und ihn auch bekommen.
Der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Unterfranken (BBK) beschied den Bürgern, ihr Urteil sei »offenkundig von Vorurteilen, Unkenntnis und Diskriminierung geprägt« und fand, hier werde »der kulturellen Belanglosigkeit, Beliebigkeit und irrationalen Geschmacksfragen Vorschub geleistet«.
Deutlich mehr Anklang bei den Lohrer Kunstbanausen fand dann ein Graffity-Künstler, der die Posse in seinem mittlerweile unter dem Titel »Das Horrorwittchen« bekannt gewordenen Sprühbild parodierte. Sein Zwerge jagendes, mit einem Messer bewaffnetes Schneewittchen, das er an einer Friedhofsmauer hinterließ, verkauft sich inzwischen auf T-Shirts und Unterhosen. Bisher konnten aus dem Erlös bereits über 12 000 an das Jugendzentrum Lohr gespendet werden.
Bei der feierlichen Enthüllung des kauzigen Bronze-Schneewittchens in der vergangenen Woche gab es in Löhr dann auch nur fröhliche Gesichter. her