Ein Treffen des völkischen Ludendorff-Bunds in Niedersachsen stieß auf Proteste

Vermummt zu Kaffee und Kuchen

Kürzlich trafen sich Mitglieder des »Bundes für Gotterkenntnis« zu ihrer jährlichen Tagung im niedersächsischen Dorfmark. Die Zusammenkunft der völkischen Sekte zog nicht nur rechtsextreme Besucher, sondern auch antifaschistische Gegendemonstranten an.

Traditionen sind nichts Schönes: Schon seit mehr als 40 Jahren trifft sich der »Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e. V.« (BfG) zu seiner Ostertagung im niedersächsischen Ort Dorfmark. Die »Ludendorffer« sind nicht einfach nur eine »Weltanschauungsgemeinschaft«, wie sie selbst behaupten, sondern eine völkisch-antisemitische Sekte. Die niedersächsische Landesregierung schätzte die Zahl der Mitglieder im Jahr 2014 auf etwa 250. Lange Zeit konnten sich die Ludendorffer unbehelligt und ohne Widerspruch aus der örtlichen Bevölkerung in Dorfmark treffen, schließlich sorgten sie über Ostern für belegte Zimmer und Umsatz in der Gastronomie.

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In diesem Jahr bot sich ein anderes Bild: Absperrgitter und einige Polizeibeamte waren vor dem Lokal »Zur Post« zu sehen, in unmittelbarer Nähe Gegendemonstranten mit Spruchbändern vor einem Tisch mit Informationsmaterial. Seit ungefähr zehn Jahren regt sich Protest gegen den BfG, angestoßen von antifaschistischen Gruppen, Gewerkschaften und Parteijugendverbänden. Mittlerweile finden an Karfreitag und Ostersamstag Kundgebungen gegen das völkische Treffen statt, an denen in der Vergangenheit stets etwa 100 Demonstranten teilnahmen. 2008 verabschiedete der Rat der Stadt Bad Fallingbostel eine Resolution gegen den völkischen Verein und rief dazu auf, »extremistischen Gruppierungen keine Tagungsräume und Unterkünfte« zur Verfügung zu stellen. 2015 verloren die Ludendorffer mit dem »Deutschen Haus« einen ihrer beiden langjährigen Tagungsorte, nun finden die Veranstaltungen der Sekte im Lokal »Zur Post« statt. Dort stört man sich offenbar noch immer nicht am rassistischen und antisemitischen Gedankengut der Stammgäste. Wiederholt traten auch Größen des Rechtsextremismus auf. Neben der mehrfach verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck besuchte beispielsweise der inzwischen verstorbene Hans-Joachim Herrmann das Treffen des Vereins. Er war als Bomberpilot der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg eingesetzt worden und hatte nach dem Zweiten Weltkrieg als Rechtsanwalt bekannte Holocaustleugner wie David Irving vertreten.

In diesem Jahr verstärkten die Teilnehmer eines internationalen Workshops der Gedenkstätte Bergen-Belsen die Gegenkundgebung. Die Jugendlichen aus Israel, Südafrika, Osteuropa und Deutschland hatten eigene Reden verfasst, in denen sie sich gegen die Ludendorffer und für »eine Welt ohne Diskriminierung« aussprachen. Am Ostersonntag beteiligten sich ungefähr 100 Menschen an der »1. Antifaschistischen Osterdemonstration«, die szene­gerecht um 13.12 Uhr beginnen sollte. Man wolle den Ludendorffern und jenen, die sie beherbergen, erstmals auch am Ostersonntag »keine Ruhe« mehr gönnen und »den öffentlichen Raum« nehmen, begründeten die Antifaschisten ihr Erscheinen. Die Demon­stration zog in Begleitung der Polizei durch den Ort, die Dorfbewohner wurden mit Redebeiträgen über die rechtsextreme Betätigung des BfG informiert.
Darüber hinaus wollten die Antifaschisten auch dem in Dorfmark wohnen­den Paar Norman K. und Melanie G. eine Kundgebung widmen, um die Anwohner über die politischen Umtriebe der beiden aufzuklären. G. betätigte sich 2015 in der Gruppe »Heidekreis – Gemeinsam sind wir stark«, die »gegen das Flüchtlingschaos und die unkontrollierte Zuwanderung« protestierte. Bereits Ende 2016 hatten Antifaschisten auf der Website linksunten.indymedia.org und mit Flugblättern im Ort auf die beiden aufmerksam gemacht, nun sollten sie während der antifaschistischen Demonstration erneut der Nachbarschaft vorgestellt werden. Das war jedoch nicht nötig, denn auf dem Grundstück des Paars tummelten sich überraschenderweise etwa 20 Nazis unter anderem aus dem Umfeld des rechtsextremen »Freundeskreises Thüringen/Niedersachsen« (FKTN). Sie spielten in erhöhter Lautstärke Rechtsrock ab, zeigten entsprechende Transparente und entzündeten pyrotechnische Gegenstände. Einer der größtenteils vermummten Nazis trug außerdem sichtbar eine Steinschleuder.

Zu den Anwesenden gehörte auch das FKTN-Mitglied Jens Wilke. Er war 2016 bei den Kommunalwahlen für die NPD angetreten und musste kürzlich eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen, Ende Februar hatten Beamte wegen des Verdachts der »Gründung einer bewaffneten Gruppe« seine und weitere Räumlichkeiten von Anhängern des FKTN durchsucht.
Mitglieder des »Freundeskreises« schilderten ihr Auftreten in Dorfmark auf Facebook so: Die »Andersdenkenden« G. und K. hätten zu »Kaffee und Kuchen geladen«, die »Kinderteller« der Antifa hätten sich »ins Hemd« gemacht. Zwar feiert sich der FKTN im Netz, doch »besser als die Neonazis« hätten die anwesenden Antifaschisten nach eigener Aussage die Aufklärung der Anwohner nicht erledigen können. Die Nachbarn des Paars seien entsetzt gewesen, berichtet die »Autonome Antifa Soltau-Fallingbostel«. Der eigene Ruf scheint Wilke und seinen Gesinnungsgenossen nicht wichtig zu sein. Denn ähnlich wirksame Öffentlichkeitsarbeit hatte der FKTN bereits am 1. April betrieben, als seine Mitglieder nach einer Kundgebung in Göttingen im nahegelegenen Friedland Jagd auf Journalisten gemacht und – kein Aprilscherz – umgehend Videos des Geschehens im Internet veröffentlicht hatten.

Die ansonsten wenig bekannten Ludendorffer waren zuletzt wegen des Falls des Politikers Gerwald Claus-Brunner in die Schlagzeilen geraten. Claus-Brunner, der 2011 für die Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen war, hatte im September 2016 einen Bekannten und wenig später sich selbst getötet. Seinem jüngeren Bruder zufolge hatte Claus-Brunner stark unter der Erziehung der Eltern gelitten, die Anhänger der völkischen Sekte waren.

Diese bezieht sich auf die Lehren Mathilde Ludendorffs, der Ehefrau des Generals Erich Ludendorff, der sich sowohl am Kapp-Putsch als auch am Hitler-Putsch beteiligte. Mathilde Ludendorff zufolge besteht die Menschheit aus »Licht-« und »Schachtrassen«, die wegen ihrer jeweils »arteigenen« Gott­erkenntnis »reinzuhalten« seien – andernfalls drohe der »Volkstod«. Zudem glaubte Ludendorff, Juden hätten »den Deutschen eine Art von Irrsinn« eingepflanzt. 1961 war der BfG als »verfassungsfeindliche Organisation« verboten worden, das Urteil wurde jedoch 1976 wegen Verfahrensfehlern aufgehoben.