Größenwahn und Spargel

Größer, tiefer, mächtiger!

Bitte nicht füttern Von Ivo Bozic
Anzeige

Megalomanie, auch Größenwahn genannt, ist nach psychologischer Definition eine wahnhafte Störung. Keine große Sache. Ein Problem ist nur, wenn Größenwahn erfolgreich wird, wie derzeit allenthalben. Die Erkrankten erhalten nicht etwa Neuroleptika, sondern man wählt sie zu Regierungschefs oder Staatsoberhäuptern. Ist Größenwahn erfolgreich, ist er jedoch gar kein Wahn mehr. Die »Größe« oder Macht wird real. Selbst dann, wenn alle, die dem Größenwahnsinnigen folgen, ebenfalls nur einem Wahn verfallen sind. Die Macht hat er trotzdem.

Größe ist natürlich relativ. Was meinen Sie, welches ist das größte Lebewesen der Welt? Tipp: Es ist neun Quadratkilometer groß, also so groß wie 1 200 Fußballfelder. Nein, so fett wird nicht einmal der Blauwal. Noch ein Tipp: Es ist 2 400 Jahre alt und lebte also schon, als Platon seine Akademie gründete. Und: Es lebt immer noch! Und zwar in Oregon, USA. Haben Sie es? Es ist ein Honigpilz, ein Hallimasch. Sie meinen, den hätten Sie schon mal gesehen, wenn es den wirklich gäbe? So einen großen Pilz kann man doch nicht übersehen! Und da fände man doch bei Google ein paar lustige Bilder. Wenn nicht: fake news. Falsch. Pilze leben unterirdisch als Geflecht. Nur ihre winzigen Fruchtkörper gucken oben raus. Pilze sind sozusagen die Eisberge unter den Organismen. In London bauen Milliardäre jetzt Eisberghäuser. Weil oben kein Platz zum Ausbau ihrer Immobilie ist, graben sie sich immer tiefer in den Boden. Für Bowlingbahn, Pool und die Bediensteten braucht es nicht unbedingt Tageslicht.

Womit wir – endlich – beim Spargel wären, auch so ein Geschöpf der Nacht, der Unterwelt. Da es von oben keine Sonne bekommt, wärmt man ihm von unten schön den Hintern. Elektrisch, mit Fußbodenheizung. Oben fett Plastikfolie drüber. Riesige Flächen Landschaft werden zu Plastikfeldern, eine andere Lebensform als Spargel hat dort keine Chance. Kein Tierchen, kein Pflänzchen, nix. Nur Spargel und Plastik. Eine Fläche so groß wie 30 000 Fußballfelder, weit mehr, als es überhaupt Fußballvereine gibt in Deutschland. Das macht 174 000 laufende Kilometer Plastikfolie, damit kommt man locker drei Mal um den Äquator, damit wäre man schon fast auf halbem Weg zum Mond. Aber wenn Sie dann ein Pfund dieser megalomanisch als »Edelgemüse« titulierten armseligen, blassen Erdstängel bei Edeka an der Kasse bezahlt haben, bekommen Sie kein Tütchen, nee, nee, denn: Plastik! Böse! 50 Cent! Tütchen böse, Spargel gut. Der ist ja regional! Vielleicht sogar bio. Er ist übrigens deshalb bio, weil der Spargelanbau dermaßen lebensfeindlich ist, dass nicht einmal Schädlinge dort leben wollen und man also auf Pestizide verzichten kann. So wird aus einem Spargelwahn eine echte Spargelmacht. Auf Wahn gebaut, wahnsinnig von vorn bis hinten, aber: real. Wohl bekomm’s!