Der Horrorfilm »Get Out«

Irgendetwas stimmt hier nicht

Jordan Peeles Regiedebüt »Get Out« verbindet den klassischen ­Slasherfilm mit Antirassismus.

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Anlässlich des 50. Geburtstags der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) veranstaltete die Zeitschrift Revolver ein Symposium im Berliner Kino Arsenal. Anwesend war auch die US-amerikanische Experimentalfilmemacherin Nina Menkes, die voller Bewunderung über Jordan Peeles satirischen Horrorfilm »Get Out« sprach. Peeles Debütfilm, der in den USA inzwischen mehr als 170 Millionen US-Dollar eingespielt hat (bei einem Budget von gerade mal 4,5 Millionen), sei ein Film über black rage – und ein seltenes Beispiel für wirksame Rassismuskritik im Mainstream-Kino.

Chris wird auf Tiger Woods angesprochen, eine ältere Frau betatscht seine Muskeln und befragt Rose über den angeblich besseren Sex und auch Roses Bruder ist voll des Lobes: »Schwarz ist das neue Weiß«, heißt es.

Liest man die deutsche Presseankündigung von »Get Out« – der Film wird hierzulande von Universal ­Pictures Germany verliehen –, glaubt man, es mit einem völlig anderen Thema zu tun zu haben. Die Synopsis lässt einen eher genretypischen, ­zwischen Comedy und Horror oszillierenden Schwiegersohnplot erwarten: »Ein Landhaus im Grünen, ein Wochenende bei den Schwiegereltern in spe, der Empfang ist herzlich – vielleicht eine Spur ›zu herzlich‹. Schnell muss Chris feststellen, dass mit der Familie seiner Freundin Rose etwas nicht stimmt. Bizarre Zwischenfälle verwandeln den vermeintlich entspannten Antrittsbesuch unversehens in einen ausgewachsenen Alptraum für den Familienneuling.« Dass Chris schwarz ist, seine Freundin Rose weiß, wird in dem Text mit keinem Wort erwähnt – ebenso wenig wie die Tatsache, dass es sich bei dem Regisseur Peele, der als Schauspieler und Autor bei Comedyserien wie »Mad TV« und »Key and Peele« mitwirkt, um einen Afroamerikaner handelt. Stattdessen wird »Get Out« – wie M. Night Shyamalans »Split« und »The Visit« von Blumhouse Productions produziert – als reines Horrorkino beworben. Eine geradezu groteske Neutralisierung, schließlich handelt es sich bei »Get Out« um einen Film, bei dem sich Rassismus hinter der Fassade liberaler Weltoffenheit und vermeintlicher Farbenblindheit versteckt.

»Get Out« ist ein Film über racial fear – und Peele gibt ihm einen erzählerischen Rahmen, in dem sich auch die Wut, die Menkes in ihrem Vortrag beschrieb, frei entfalten darf. Es beginnt mit einem jungen schwarzen Mann, der unsicher durch eine nächtliche, vorwiegend von Weißen bewohnte Vorstadt läuft. Plötzlich hält ein Wagen neben ihm. Auch wenn Peele die bedrohliche Szene ganz im Register des Horrorfilms auflöst – der Mann wird attackiert und in einen Kofferraum gesteckt –, spielt der Zwischenfall auf eine reale Gefahr an. Die Szene kann durchaus als Kommentar zum Fall Trayvon Martin und der anschließenden Diskussion über Rassismus in den USA gesehen werden. Sie findet ein sehr bösartiges Ende mit dem Song »Run Rabbit Run« von Flanagan and Allen: »Bang! Bang! Bang! Bang!/Goes the farmer’s gun/Run, rabbit, run, rabbit, run«.
Die eigentliche Geschichte des Films kommt zunächst in kuscheliger Wohlfühlatmosphäre daher. Der New Yorker Fotograf Chris Washington (Daniel Kaluuya) und seine Freundin Rose Armitage (Allison Williams, Hannahs Kontrollfreak-Freundin aus der Serie »Girls«) sind ein wirklich süßes Paar. Er hat ein lichtdurchflutetes Apartment und einen drolligen Hund, sie bringt ihm frisch gebrühten Kaffee und Muffins vorbei. An diesem Morgen aber ist Chris ein wenig nervös, denn es soll aufs Land gehen, zu den Eltern von Rose. »Wissen deine Eltern, dass ich schwarz bin? Nicht dass mich dein Vater noch mit einer Schrotflinte erschießt«, meint Chris halb scherzhaft. Rose zerstreut die Ängste ihres Freundes, die Eltern hätten keinerlei rassistische Tendenzen: »Mein Vater hätte zum dritten Mal Obama gewählt, wenn er gekonnt hätte!«

Doch schon auf der Fahrt zum stattlichen Landhaus muss Chris eine – erneut typische – Szene alltäglicher Diskriminierung erfahren. Als dem Paar ein Reh vor das Auto rennt und die beiden die Polizei rufen, wird Chris wie selbstverständlich aufgefordert, seine Papiere zu zeigen – dabei saß er gar nicht am Steuer. Rose legt sich daraufhin mit dem weißen Officer an und Chris ist mächtig stolz auf seine mutige Freundin.

Roses Eltern (gespielt von Catherine Keener und Bradley Whitford) scheinen keine Notiz davon zu nehmen, dass es sich bei Chris um einen Afroamerikaner handelt. Auch wenn ihre aufgesetzte Freundlichkeit etwas ­unheimlich wirkt. Wirklich creepy sind aber vor allem die beiden schwarzen Hausangestellten. Dass mit diesem Beschäftigungsverhätnis ein Klischee bedient wird, ist Roses Vater durchaus bewusst, er hat aber eine einleuchtende Rechtfertigung dafür. Das zwanghaft lächelnde Hausmädchen Georgina wirkt wie einem besonders rassistischen Werbeclip ­entsprungen und der Gärtner Walter sprintet nachts auf bizarre Weise durch den Wald. Aber auch Missy, Roses Mutter, scheint nicht alle Tassen im Schrank zu haben. Sie setzt Chris gegen dessen Willen unter Hypnose, angeblich um ihm zu helfen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Auf einer Party zu Ehren des verstorbenen Großvaters bricht sich die Diskriminierung in Form impertinenter Komplimente und Übergriffigkeiten Bahn: Chris wird auf Tiger Woods angesprochen, eine ältere Frau betatscht seine Muskeln und befragt Rose über den angeblich besseren Sex und auch Roses Bruder (Caleb Landry Jones) ist voll des Lobes: »Schwarz ist das neue Weiß«, heißt es plötzlich.

Bevor sich »Get Out« zum Slasherfilm wendet – als Waffen dienen ­unter anderem Symbole der gehobenen US-amerikanischen Mittelschicht wie Hirschgeweihe und Boule-­Kugeln –, mobilisiert Peele die Potentiale des Body Horror. Wie sich herausstellt, haben es die Armitages auf eine besondere Form der Sklaverei abgesehen: Statt klassische Ausbeutung geht es um die Übernahme des schwarzen Körpers durch ein besonderes Transplantationsverfahren. Denn der schwarze Köper ist toll, ist cool, ist begehrenswert – »Deine Existenz wird die eines Passagiers sein, eines Zuschauers«, erfährt Chris über sein zukünftiges (Sub-)Dasein.

Peele greift auf gängige Muster des Zombie-, Vampir-, Geister- und Slasherfilms zurück, neben »Rosemary’s Baby« und »Night of the Living Dead« finden sich auch Anleihen an »The Stepford Wives« und Stanley Kramers »Guess Who’s Coming to Dinner«. Auch die Inszenierung des Films ist weder originell noch sonderlich raffiniert. Radikal ist indes die ätzende Direktheit, mit der Peele den gegenwärtigen Rassismus anspricht und in Szene setzt. »Get Out« sei ein Horrorfilm über die Angst, in der heutigen Zeit ein schwarzer Mann zu sein, so der Regisseur. Entgegen den vorherrschenden Klischees geht die white supremacy in »Get Out« jedoch nicht von dumpfbackigen Rednecks und Anhängern der Alt-Right aus, sondern von gebildeten weißen Mittelklasse-Liberalen.

Es liegt nahe, »Get Out« im Kontext eines vermeintlich neuen afroame­rikanischen Kinos zu sehen, das mit Filmen wie »Fences«, »Birth of a ­Nation«, Raoul Pecks »I Am Not Your Negro« und vor allem Barry Jenkins’ »Moonlight« eine zuvor nie dagewesene Wertschätzung erlangt hat. Dass gerade auch das weiße liberale Pub­likum diese Filme euphorisch feiert, ist nicht ohne Ambivalenz. Peeles Thema der Aneignung des schwarzen Körpers, der so schön, stark, schnell und potent ist, bringt nicht zuletzt Skepsis bezüglich einer allzu herzlichen Umarmung zum Ausdruck.


»Get Out« (USA 2017). Buch und Regie: Jordan Peele. Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener. Filmstart: 4. Mai