Margaret Rutherford als Feministin

Arbeit kann helfen

Zum 125. Geburtstag einer vergessenen Feministin: Die abenteuerliche Geschichte von Margaret Rutherford, ihrem Mann Stringer Davis und ihrem Adoptivkind Gordon Langley Hall erzählt mehr über sexuelle Emanzipation als graue Gendertheorie.

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Dass Margaret Rutherford die Rolle von Agatha Christies Miss Marple übernahm, mit der sie bis heute identifiziert wird, war das Verdienst von Gordon Langley Hall. Um 1960 lernte Rutherford, die ihren ersten wichtigen Auftritt auf britischen Bühnen 1931 im Alter von fast vierzig Jahren mit der Rolle der Lady Bracknell in Oscar Wildes »The Importance of Being Earnest« hatte, den Schriftsteller am Rande einer Festlichkeit kennen. Hall hatte 1955 mit großem Erfolg den Roman »Me Papoose Sitter« herausgebracht, der von seiner Arbeit als Missionar in einem Indianerreservat in Kanada erzählte. Er war 1946 ausgewandert, weil sein Leben in England unerträglich geworden war. Seine Eltern hatten als Bedienstete auf Sissinghurst Castle in Kent bei der Schriftstellerin Vita Sackville-West und deren Mann Harold Nicolson gearbeitet; der Vater war Chauffeur, die minderjährige Mutter Dienstmädchen gewesen. Als Hall geboren wurde – das Geburtsjahr ist nicht amtlich vermerkt, vermutlich war es um 1927 –, konnte ihm wegen undeutlicher Ausprägung der Genitalien kein Geschlecht zugeordnet werden.

Hall, den die Eltern wegen der Illegitimität ihres Verhältnisses schon als Kleinkind an die Großeltern weggaben, wurde als Junge erzogen, was er seit seiner Jugend als Irrtum empfand. Dass er sich früh eingestand, als Frau leben zu wollen, hatte auch mit dem Umfeld zu tun, in dem er geboren worden war. Sackville-West, die Herrin seiner Eltern, hatte zeitweise in einer lesbischen Partnerschaft mit Virginia Woolf ­gelebt, die Hall als Kind kennenlernte. Woolf war während ihrer Beziehung zu Sackville-West mit Leonard Woolf verheiratet, was ebenso wenig wie die Ehe zwischen Sackville-West und Nicolson die homosexuelle Beziehung ausschloss. Hall müssen die libertären Verhältnisse, in denen die Arbeitgeber seiner Eltern lebten, ebenso verlockend wie unerreichbar erschienen sein. Um etwas von jener Freiheit zu verwirklichen, die ihm verwehrt geblieben war, verließ er England nach dem Zweiten Weltkrieg in Richtung Neue Welt.

Der Erfolg von »Me Papoose Sitter« ermöglichte Hall nach seiner Rückkehr nach England ein Leben im Boheme-Milieu. Er gab Schauspielunterricht und pendelte zwischen England und den Vereinigten Staaten. Als Margaret Rutherford ihn kennenlernte, muss er um die dreißig gewesen sein. Da er nie als Kind seiner Eltern registriert worden war und große Sympathie für Rutherford hegte, entschied diese mit ihrem Ehemann Stringer Davis, ihn zu adoptieren, um ihm gleichsam nachträglich eine Familie zu schenken. Dass Rutherford und Davis auf diese Idee verfielen, lag in der Ungewöhnlichkeit ihrer eigenen Beziehung begründet. Rutherfords Lebensgeschichte mutete selbst wie der Plot eines Krimis an. Ihr Vater, William Rutherford, hatte sein Leben lang unter Depressionen gelitten. Während einer Rekonvaleszenz in Nordengland hatte er 1883 seinen Vater, den in der Armenfürsorge arbeitenden Reverend Julius Bell, mit einem tönernen Nachttopf erschlagen. Danach hatte er sieben Jahre im Broadmoor Hospital, der bestgesicherten psychia­trischen Anstalt Englands, verbracht, bevor er der Obhut seiner Frau Florence anvertraut wurde. Nachdem Margaret am 11.Mai 1892 zur Welt gekommen war, wanderten Florence und William nach Indien aus. Als Florence dort 1894 erneut schwanger wurde, nahm sie sich das Leben. Die Erziehung von Margaret übernahm Florences Schwester Bessie, William Rutherford wurde wieder nach Broad­moor verbracht.

Rutherford glaubte bis zu ihrem zwölften Lebensjahr, Vollwaise zu sein. Als sie vom wirklichen Schicksal ihrer Eltern erfuhr, brach sie den Schulbesuch ab, hatte Panikattacken, weil sie fürchtete, ihr Vater könnte aus Broadmoor ausbrechen, um sie zu ermorden, und entwickelte ausgeprägte Angst vor anderen Menschen. Zeitweise lebte sie in Internaten, im Alter von kaum zwanzig musste sie Bessie, der es gesundheitlich schlecht ging, den Haushalt führen. Als Bessie 1923 starb – William Rutherford war zwei Jahre zuvor in einem Londoner Irrenasyl gestorben –, verwendete Margaret ihr Erbe, um in der Hauptstadt Schauspielunterricht zu nehmen. »Arbeit kann helfen«, beschrieb sie später diese Entscheidung, und fügte hinzu, man möge sich, wenn es einem schlecht gehe, ärztlicher Hilfe nie verschließen: »Die Psychiatrie hat mich gerettet.« Ihren ersten Auftritt im Old Vic Theatre hatte sie mit 33 Jahren, in einem Alter, in dem manche Kolleginnen schon wieder von der Bühne verschwanden. Später lernte sie im Ensemble von »The Importance of Being Earnest« den sieben Jahre jüngeren Stringer Davis kennen. Mit ihm lebte sie fünfzehn Jahre zusammen, bevor beide nach Davis’ Rückkehr aus dem Krieg – er hatte an der Schlacht von Dünkirchen teil­genommen – 1945 heirateten. Da war Margaret Rutherford 53, Stringer ­Davis 46 Jahre alt.

Befördert durch ihre Labilität, scheint sich Rutherford vor sexueller Nähe gefürchtet zu haben. Sie unterhielt enge Kontakte zu Jugendfreundinnen, scheute aber hetero­sexuelle wie homosexuelle Intimität. Davis war, was man heute einen nicht geouteten Schwulen nennen würde, dennoch war die Beziehung zwischen ihm und Rutherford, die mehr als vierzig Jahre währte, kein Scheinverhältnis, sondern getragen von inniger Freundlichkeit und unkonventioneller Treue. Wann immer beide getrennt waren – während Davis’ Militärdienst für mehrere Jahre –, schickten sie sich kleine Objekte als Liebesgrüße. So sandte Rutherford Davis Taschentücher an die Front, weil er oft Schnupfen hatte. Nachdem sie sich als Filmschau­spielerin einen Namen gemacht hatte, nahm sie nur noch Rollen an, falls auch der weniger erfolgreiche Davis in der gleichen Produktion verpflichtet wurde. Davis lernte Stenographieren, um seiner Frau bei der Beantwortung von Fanpost zu helfen, und begleitete sie zu den Proben, wenn er aus irgendwelchen Gründen fürchtete, dass sie sich in Gefahr begeben könnte. Bei den Dreharbeiten zu der 1955 in die Kinos gekommenen Komödie »An Alligator Named Daisy«, in der ein Krokodil mitwirkte, stand er von morgens bis abends ­neben dem Set, um ihr notfalls das Leben retten zu können.

Rutherford entsprach schon als junge Frau dem Typus der bärbeißigen Matrone, Davis war ein gehemmtes, unscheinbares Männlein mit Hundeaugen und hoher Stimme. Gemeinsame Freunde wie die Schauspielerin Joan Hickson, die später selbst die Rolle der Miss Marple spielte, beschreiben sie als das liebenswürdigste und seltsamste Paar, das ihnen je begegnet sei. Die Beratungen, die beide vor jeder wichtigen Entscheidung abhielten, waren, glaubt man Rutherfords Erinnerungen, den Planungstreffen zwischen Miss Marple und ihrem Hausfreund, dem von Davis gespielten Bibliothekar Mr. Stringer, nicht unähnlich. Als Rutherford dank des Zuredens von Hall 1961 das Angebot annahm, die Rolle der Miss Marple zu spielen, bereitete Davis Rutherfords Überlieferung zufolge gerade einen Truthahn zu. Hall lebte, ein utopisches Gegenbild zur Erbärmlichkeit heutiger Mehrgenerationenhäuser, mit Rutherford und Davis in deren Cottage zusammen, von wo aus allsonntäglich Picknick- und Fahrradausflüge unternommen wurden. Nach dem Tod einer Freundin erbte Hall deren Anwesen in South Carolina und wanderte in die USA aus.

Dort unterzog er sich, nachdem er die Angleichung seines biologischen an sein soziales Geschlecht jahrelang mit Unterstützung von Rutherford und Davis verweigert hatte, 1968 freiwillig einer Geschlechtsoperation, um als Frau leben zu können. Dawn Pepita Langley Hall, wie Hall sich seither nannte, heiratete 1969 den schwarzen Automechaniker John-Paul Simmons. Es war die erste legale Ehe, die in South Carolina zwischen einem Schwarzen und einer Weißen geschlossen wurde. Die Hochzeit musste unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, weil es im Vorfeld Bombendrohungen gab. Nathalie, John-Pauls zwei Jahre später geborene Tochter aus einer außerehelichen Beziehung, nahm Dawn als ihr eigenes Kind an. Nachdem ein Mann, der in ihr Haus eingedrungen war, Dawn vergewaltigt hatte, zog sie Anfang der Siebziger mit ihrem Mann nach New York, wo beide bis zu ihrer Scheidung 1982 lebten.
Dawn Langley Simmons starb am 18.September 2000. Margaret Rutherford wurde von ihr in dem Buch »A Blithe Spirit« mit großer Zuneigung porträtiert. Rutherford schilderte ihr Leben mit Davis und Simmons in ihrer Autobiographie, die 1972 erschien. Im selben Jahr starb sie nach Komplikationen infolge einer zahnärztlichen Behandlung. Stringer Davis starb kaum ein Jahr später, gesund, aber alt, im Schlaf. Nach seinem Tod fälschte die Haushälterin sein Testament und brachte sich so in den Besitz von Porzellan, Schmuck, Silber und Gemälden aus dem Haushalt des Ehepaars sowie des Oscars, den Margaret Rutherford 1964 für ihre Darstellung der Miss Marple gewonnen hatte. Die Haushälterin erschien nicht zum angesetzten Gerichts­termin und blieb verschwunden. Einige der Wertgegenstände tauchten später bei Auktionen auf. Von dem Oscar fehlt bis heute jede Spur.