Eine Kritik des Biopic »Churchill«

Der Alte hat mal wieder Schlagseite

Ein zaudernder Eigenbrötler und geistig leicht umnebelter Lebemann: Der Film »Churchill« zeichnet ein zweifelhaftes Bild des Politikers, der mitverantwortlich für die Niederwerfung des Nationalsozialismus war.

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»Lieber Gott«, fleht der Mann im weinroten Bademantel. Er kniet vor seinem Bett. »Bitte, bitte, bitte, lass es morgen regnen. Lass es schütten. Lass den Himmel sich öffnen und eine Sintflut herausbrechen, wie sie der Ärmelkanal noch nie gesehen hat.« Gestatten, Winston Churchill, britischer Premierminister und Verteidigungsminister in Personalunion. Am Vorabend des D-Day, der Landung der alliierten Truppen an der französischen Atlantikküste am 6. Juni 1944, bittet der Staatsmann um Petrus’ Hilfe: Ein Unwetter soll zum Abbruch der Militäroperation führen, denn Churchill befürchtet ihr Scheitern und den sinnlosen Tod Zehntausender Soldaten. Er ist getrieben von besserwisserischem Ehrgeiz und bösen Träumen aus der Vergangenheit. Im Ersten Weltkrieg schickte er viele Soldaten in Galli­poli in den Tod.

Churchill, der grantelnde Kauz und zaudernde Tattergreis – dieses Bild vermittelt der Film mit dem schlichten Titel »Churchill«. Nebenbei vermerkt eine Notiz im Abspann, dieser Mann gelte vielen als der »größter Brite aller Zeiten«. Ein Image, an dem der Film kratzen will. Doch schon die gewählte Methode zur Demontage ist fragwürdig.

Dass im Film die Generäle sich gegen den Willen
ihres Ministers durchsetzen, scheint erstaunlich. Befand Großbritannien sich damals in einer Art Militärputsch? Hätte Churchill etwa nicht die Operation qua Amt abblasen können?

Den Schwerpunkt auf wenige Tage der »Operation Overlord« zu legen, wie der Deckname für die Landung der Anti-Hitler-Koalition lautete, scheint zunächst ein kluger filmischer Kniff zu sein. Der Film kommt ohne jede Kriegsszene aus. Stattdessen bleibt Regisseur Jonathan Teplitzky, der sich zuletzt in dem Drama »Die Liebe seines Lebens – The Railway Man« (2013) mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte, sehr dicht an ­seinem Protagonisten und dessen Last mit anstehenden Entscheidungen. In vielen Szenen sieht man Churchill hitzig mit seiner Frau Clementine und seinen Beratern debattieren. Mal trifft er den US-General Dwight D. Eisenhower, dann König George VI., streitet auch mit ihnen, ist danach sehr allein und trinkt – wenn er nicht gerade ein Stoßgebet gen Himmel sendet.

Seine Schauspieler hat Teplitzky mit Bedacht gewählt. Brian Cox gelingt es, dem als egozentrischen Eigenbrötler inszenierten Churchill ­einige sympathische Nuancen zu verleihen. Miranda Richardson spielt eine hinreißende, zu Verständnis wie Rüge fähige Gattin, die im Zweifelsfall weiß, wie sie England zu dienen hat und nicht davor zurückschreckt, ihrem Mann mal eine Ohrfeige zu verpassen.

Gleich zu Beginn des Films wird klar, dass ein großes Drama folgen wird: Churchill steht am Strand, zu seinen Füßen färben sich die Wellen blutrot. Es sind die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, die ihn einholen. Clementine ruft ihren Mann dann in die Gegenwart zurück, ins Jahr 1944. Immer wieder steht er verloren da, gefilmt in der Totalen. Ein einsamer Mann – mal vor einem Landschaftspanorama, dann als Schattenriss vor einer neogotischen Fensterfront oder als Reflexion auf Oberflächen. Mit Schärfeeinstellungen wird ge­arbeitet – Churchills Bild der Welt ist möglicherweise kein klares mehr, sein Bezug zur Welt scheint zu verschwimmen.

Das überzeugende Schauspiel und die virtuose Bildästhetik ergeben ein filmisches Monument, das Zweifel an der Größe des Staatsmanns aufkommen lässt, der in der Regel primär mit der Zerschlagung Nazideutschlands in Verbindung gebracht wird. Mit allen Mitteln will Churchill den D-Day verhindern, den der Zuschauer als erfolgreichen Beginn der Befreiung Europas kennt. »Ein Glück«, soll sich das Publikum denken, »dass diesen Churchill niemand in dieser Sache ernst genommen hat.« Dass Generäle sich gegen den Willen ihres Ministers durchsetzen, scheint erstaunlich. Befand Großbritannien sich damals in einer Art ­Militärputsch? Hätte Churchill etwa nicht die ihm unklug erscheinende Operation qua Amt abblasen können?

Hätte er, sagt der Historiker Andrew Roberts. Und warum tat er es dann nicht? Weil er absolut hinter dem D-Day stand, erklärt der Autor des Buches »Masters and Commanders: The Military Geniuses Who led the West to Victory in World War II«. Für das Magazin Heatstreet hat er den Film auf historische Genauigkeit hin überprüft. Sein Text liest sich wie eine einzige Suada. Der größte Fehler des Films liegt Roberts zu­folge in der Annahme, Churchill habe sich gegen die Pläne der Alliierten gestellt. Zwar warnte Churchill 1942/43 vor einer zu raschen Landung auf dem Kontinent. Aber Churchill stand nicht nur hinter der lange ausgearbeiteten D-Day-Strategie inklusive aller Finten und Täuschungsmanöver, die die Deutschen ausmanövrierten. Er war auch an ihrer Ausarbeitung beteiligt.

Roberts zitiert die Notizen des US-Generals John Kennedy, der nach der  letzten Besprechung vor der Invasion schrieb, Churchill habe »in einer kernigen, sogar humorvollen Weise« gesprochen und seine Ansprache »mit einem bewegenden Ausdruck seiner Hoffnungen und Wünsche geschlossen. Er drängte auf offensive Führung und unterstrich den Kampfeseifer, den er unter den Sol­daten verspürte.« Eine ganze Reihe weiterer historischer Fehler werden von Roberts aufgezählt, selbst Kostüme und Staffage seien nicht korrekt. Im Film informiert sich Churchill via BBC-Radioprogramm über die Ereignisse an der Front, als hätte es keinen militärischen Informationsdienst gegeben. Falsch sei außerdem, dass der König im Ersten Weltkrieg als Kampfflieger eingesetzt wurde – man stelle sich nur vor, er wäre abgeschossen worden. Churchills Frau habe auch nie die Absicht gehabt, sich von ihm zu trennen, wie der Film suggeriert. Sie habe ihm just am 5. Juni 1944 die Botschaft geschickt: »Ich empfinde so viel für dich in diesem qualvollen Moment, so voller Spannung.« Und Churchills Witz, für den er berühmt war? Der Politiker dürfte nich halb so humorlos gewesen sein, wie der Film behauptet. Ein genussfreudiger Lebemann mag er gewesen sein, ihn in beinahe jeder Szene eine dicke Zigarre rauchen und ständig ein Glas Hochprozentiges in der Hand halten zu lassen, dürfte überzogen sein.

Warum zeichnet dieser Film ein so verzerrtes Bild Churchills? Für das Drehbuch war die Historikerin Alex von Tunzelmann verantwortlich. Ob sie es nicht besser wusste? Hat man sich bewusst für eine Täuschung entschieden oder ist die Erzählung von den Maximen künstlerischer Freiheit gedeckt? Dann müssten sich Teplitzky und von Tunzelmann die Frage gefallen lassen, welche Erkenntnis sich daraus ziehen lässt, eine Biographie nach Belieben zu verbiegen. Warum inszenieren sie einen Trotzkopf Churchill, statt sich eines fiktionalen Stoffes anzunehmen? Alex von Tunzelmann schreibt übrigens für den Guardian eine Kolumne, in der sie Filme auf ihren historischen Wahrheitsgehalt hin prüft.


»Churchill« (UK 2017). Regie: Jonathan ­Teplitzky. Darsteller: Brian Cox, Miranda Richardson, John Slattery