In Mexiko sind viele Journalisten permanenter Bedrohung ausgesetzt. Sieben wurden dieses Jahr bereits ermordet

Kein Ausweg aus der Hölle

In diesem Jahr wurden in Mexiko bereits sieben Journalisten ermordet. Die mexikanischen Behörden sind unfähig oder unwillig, ernsthaft gegen die Täter zu ermitteln.

Obwohl es sich nicht um das erste Opfer in diesem Jahr handelte, war der Schrecken in Mexiko groß. Miroslava Breach wurde am 23. März morgens vor ihrem Haus in Chihuahua vor den Augen ihres Sohnes mit Pistolenschüssen getötet. Sie schrieb nicht für eine kleine Regionalzeitung wie die vielen ermordeten Journalistinnen und Journalisten vor ihr, sondern war landesweit bekannt wegen ihrer Arbeit als unbequeme Korrespondentin im nördlichen Bundesstaat Chihuahua für die Tageszeitung La Jornada. »Sollen sie uns doch alle umbringen, wenn das das Todesurteil dafür ist, von dieser Hölle zu berichten«, twitterte zwei Tage darauf Javier Valdez Cárdenas, einer ihrer Kollegen bei La Jornada und Mitgründer von Ríodoce, einem jungen Zeitungsprojekt, das zu einem der wichtigsten Verbreiter von Nachrichten und Analysen über den sogenannten Drogenkrieg geworden ist. Die Brisanz seiner Berichterstattung spürte das Team von Ríodoce im Jahr 2009, als eine Granate in der Redaktion explodierte.

Über seinen Heimatort sagte Javier Valdez: »Dort, wo ich arbeite, Culiacán, im Bundesstaat Sinaloa, Mexiko, ist es gefährlich, am Leben zu sein.« Nun ist er tot.

Der 50jährige Valdez ist in Mexiko hochgeachtet. Die Sprache seiner Bücher und Texte rüttelt auf. Im November 2011 verlieh ihm das in den USA ansässige Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) die Auszeichnung für Internationale Pressefreiheit. Seine wenigen Dankesworte trafen, wie so oft, ins Schwarze: »Die Jugend wird sich an diese Zeit als eine Zeit des Krieges erinnern. Ihre DNA ist tätowiert mit Kugeln und Waffen und Blut. Wir sind die Mörder unserer eigenen Zukunft.« Über seinen Heimatort sagte er: »Dort, wo ich arbeite, Culiacán, im Bundesstaat Sinaloa, Mexiko, ist es gefährlich, am Leben zu sein.« Nun ist Valdez tot. Fünfeinhalb Jahre nach seiner Rede in New York City, 51 Tage nach seinem Tweet wurde er erschossen, auf offener Straße unweit seiner Redaktion in Culiacán. Polizei und Spurensicherung riegelten den Bereich ab, wo sein regungslosen Körper mit 13 Einschusslöchern lag. Sie trugen seinen für ihn typischen Panama-Hut fort, auf dem große Blutflecken klebten.

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Valdez war nicht der einzige Ermordete an jenem 15. Mai. Am späten Nachmittag, in Autlán im Bundesstaat Jalisco, wurden Sonia Córdova und ihr Sohn Jonathan Rodríguez, beide tätig für die Lokalzeitung El Costeño de Autlán, in ihrem Auto von mehreren bewaffneten Personen umzingelt, die das Feuer auf sie eröffneten. Der 26jährige starb an Ort und Stelle. Seine Mutter wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.

2016 wurde im Durchschnitt jeden Monat eine Journalistin oder ein Journalist ermordet. 2017 geht das Morden unvermindert weiter: Am 2. März wurde Cecilio Pineda Brito, der für die Zeitung La voz de Tierra Caliente schrieb, in Altamirano im Bundesstaat Guerrero ermordet; am 19. März wurde Ricardo Monlui, der Leiter des Webportals El Político und Kolumnist der Zeitungen El Sol de Córdoba und Diario de Xalapa, in Yanga im Bundesstaat Veracruz vor den Augen seiner Familie erschossen; am 23. März Breach; am 14. April Maximino Rodríguez, der für die Website Colectivo Pericú und die Zeitungen El Heraldo und Excélsior vor allem über Verbrechen berichtete, in La Paz im Bundesstaat Baja California Sur; am 29. April wurde Filiberto Álvarez in Tlaquiltenango im Bundesstaat Morelos erschossen, als er seine Radiostation verließ. Am 15. Mai waren es dann zwei ermordete Journalisten an einem einzigen Tag. Fast alle Morde wurden am hellichten Tag verübt.

Weitere Journalisten entkamen knapp. So wurde am 28. März das Haus des unter dem mexikanischen Schutzprogramm für Journalisten stehenden Reporters Julio Omar Gómez in Los Cabos in Baja California Sur in Brand gesetzt und von Bewaffneten überfallen. Gómez überlebte, sein Bodyguard wurde erschossen. Am Morgen des 29. März wurde auf den Journalisten Armando Arrieta Granados vor seinem Haus in Poza Rica, Veracruz, geschossen. Er überlebte schwerverletzt.

In keinem einzigen der erwähnten Mordfälle dieses Jahres verzeichnet die Staatsanwaltschaft bislang eine Festnahme. Seit dem Jahr 2000 wurden über 120 Journalistinnen und Journalisten ermordet – doch das ist nur die Spitze der Bedrohung der mexikanischen Pressefreiheit. Es gibt eine Sonderstaatsanwaltschaft für die Verfolgung von gegen die Meinungsfreiheit gerichteten Verbrechen (FEADLE) und des eigens entworfenen und ein Gesetz für den Schutz von Menschenrechtsverteidigern und Journalisten, doch der Effekt tendiert gegen null.

Am Abend des 16. Mai versammelten sich etwas mehr als 500 Menschen vor dem Innenministerium in der mexikanischen Hauptstadt. Es waren überwiegend Journalistinnen und Journalisten gekommen; schwarzgekleidet, einige mit weißen Kerzen in der Hand. Doch die Stimmung war resigniert, es gab keinen kollektiven Ausbruch von Trauer und Wut. Lediglich einige Grüppchen riefen anklagend: »Es war der Staat!« Die merkwürdige Ruhe lässt sich vermutlich ähnlich erklären wie der Umstand, dass nur 500 statt 5 000 Menschen kamen. In einer von allgegenwärtiger Gewalt erschütterten Gesellschaft, in der Morde und Verschwindenlassen längst zum Alltag gehören, konzentriert sich jede gesellschaftliche Gruppe auf die eigenen Probleme. Ebenso verhält es sich mit den einzelnen Menschen. Sie kommen erst zusammen, wenn es bereits zu spät ist; dann kann man nur noch trauern. Ein aus dem Bundesstaat Nayarit vertriebener Journalist sagte in seiner Rede: »Wer ist als Nächstes dran? Ich? Du? Oder du?«, und deutete mit seinem Finger auf die Umstehenden. Carmen Aristegui, eine Koryphäe des mexikanischen Journalismus, die im Februar auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammen mit ihrer Kollegin Marta Durán de Huerta in Berlin und Hamburg zu Gast war, stellte die wohl entscheidende Frage: »Wer ist die Autorität und wer sind die, die eigentlich befehlen?«

Später, bei einem gemeinsamen Abendessen von Journalistinnen und Journalisten, wird ausschließlich über Drohungen, Einschüchterungen und Strategien der Repression gegen die eigene Berufsgruppe gesprochen. Es werden Anekdoten erzählt wie die folgende: Ein Auftragsmörder habe einmal in einem Gespräch wissen lassen, dass der beste Moment, einen Journalisten umzubringen, der sei, wenn er sich mit den eigenen Kindern beschäftige, denn dann sei er abgelenkt. Es sei daher kein Zufall, dass Breach erschossen wurde, als sie im Auto auf ihren Sohn wartete, um ihn zur Schule zu bringen – wie Valdez auf offener Straße. Selbst Überwachungskameras oder patrouillierende Polizeieinheiten hielten die Mörder nicht auf. Die den Abzug drücken, wissen, was sie tun, es handelt sich um Profis.

In vielen Fällen reicht es aber auch schon diskret und zunächst ohne physische Gewalt einzuschüchtern. Mitte Mai veröffentlichte der mexikanische Journalist Heriberto Paredes auf dem Webportal horizontal.mx ein anonymisiertes Interview über die mediale Arbeit mit einem Journalisten aus Tamaulipas, einem Bundesstaat an der Grenze zu den USA. Das Interview handelt von den Kontrollmechanismen, die die organisierte Kriminalität gegenüber Medien einsetzt. Einen Tag nach der Veröffentlichung erhielt Paredes eine Drohung via Textnachricht. Der Absender war eine Person, die einer der im Bundesstaat um die Kontrolle ringenden kriminellen Organisationen angehört.
Valdez sagte in seiner Dankesrede von 2011, Journalismus heiße, »auf einer unsichtbaren Linie zu laufen, die von den Bösen markiert ist, die im Drogenhandel und in der Regierung sind«.