Neue Entwicklungen im Bereich künstliche Intelligenz sollen Beschäftigte zu steter Produktivität anhalten

Kreativer, produktiver, überwachter

Auf seiner Entwicklerkonferenz »Microsoft Build 2017« im US-amerika­nischen Seattle hat das Technologieunternehmen seine Vision von künstlicher Intelligenz vorgestellt, mit der es die Produktivität jedes Benutzers erhöhen will. Intensiviert werden kann damit auch die Überwachung von Beschäftigten.

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Den Besuchern der jährlichen Entwicklerkonferenz Microsoft Build, die in diesem Jahr in Seattle stattfand, wurde einiges geboten. Mit viel Aufwand wurde den etwa 5 000 Teilnehmern, größtenteils weiß und männlich und in der Software- und IT-Branche tätig, gezeigt, was Microsoft Neues entwickelt hat und welche Entwicklungen zu erwarten sind. Es gab zahlreiche Werbegeschenke, sowie Musik, Essen und Getränke im Überfluss. Eine kostspielige Party im Football-Stadium der Seattle Seahawks rundete das Bild ab.

Einige der dort präsentierten Technologien könnten Kritiker jedoch an düstere Dystopien erinnern. Niemand wolle eine Welt wie in »1984«, beschwichtigte Microsofts CEO Satya Nadella denn auch in seiner Ansprache. In seinem Roman »1984« aus dem Jahr 1949 beschreibt George Orwell eine Welt, die geprägt ist von permanentem Krieg, lückenloser Überwachung und öffentlicher Manipulation. Der totalitäre Staat wird von einer Einheitspartei regiert, die vom unsichtbar bleibenden »Großen Bruder« angeführt wird. Joseph Sirosh, Corporate Vice President der Data Group, fügte Nadellas Aussage hinzu, dass Microsoft ethischen Grundsätzen folge. Die neuen Fähigkeiten der Unternehmensprodukte im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) würden nur für gute Zwecke genutzt werden.

Solche Entwicklungen wären grundsätzlich ein wünschenswerter Fortschritt, wenn sie etwa für medizinische Forschung genutzt werden können. Eine Welt, wie sie Microsofts Zukunftsvision einer »Mixed Reality« – in der sich materielle und virtuelle Realität vermischen – skizziert, hat aber problematische Aspekte. Mit MS Cognitive Services, Microsofts Sprachassistent Cortana und der Mixed-Reality-Brille Holo Lens wird es Software-Entwicklern ermöglicht, KI-Fähigkeiten wie Bild-, Objekt- oder Gesichtserkennung relativ unkompliziert in alltägliche Software-Anwendungen einzubauen. Nadella sprach davon, Benutzer zu »ermächtigen, produktiver zu sein«.

Die Beispiele für mögliche Anwendungen verfolgen das Ziel, jeden Menschen noch produktiver zu machen und jede Minute mit Arbeit zu füllen. Um diese Produktivität aufrechtzuerhalten, müssen die Beschäftigten offenbar permanent überwacht werden. Über die Anwendung Cortana ist es beispielsweise möglich, nicht nur überall zu arbeiten, sondern auch nahtlos zwischen Geräten zu wechseln. Zur Veranschaulichung wurde das Beispiel einer Frau herangezogen, die morgens zu Hause anfängt, am PC zu arbeiten, dann in ihr Auto steigt, wo Cortana sie bereits auf ihrem Smartphone erwartet und Sprachanweisungen entgegennimmt. Cortana verbindet die Frau daraufhin über Skype mit einer Besprechung im Büro, zu der sie zu spät gekommen wäre, weil sie noch mit dem Auto im Stau steckt. Kaum ist sie im Büro angekommen, wechselt Cortana automatisch auf den Laptop, transkribiert die gesamte Besprechung, destilliert eine Liste von Beschlüssen, auf die man sich dort geeinigt hat, und schickt diese als E-Mail an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Microsoft zufolge sollen KI-Anwendungen nicht nur von einzelnen Personen genutzt werden, sondern auch von ganzen Unternehmen. Zum Beispiel können mit Hilfe von Kameras, die mit Software ausgestattet sind, die Gesichter und Objekte erkennt, am Arbeitsplatz Angestellte und ihre Umgebung permanent überwacht werden. Das wird als hilfreich für den Arbeitsschutz angepriesen, da unbefugte Personen am Arbeitsplatz erkannt und Warnungen verschickt werden können, falls beispielsweise Werkzeuge nicht richtig verstaut wurden. Die Nutzung dieser Anwendungen bedeutet allerdings auch, dass Angestellte konstanter Kontrolle ausgesetzt sind.

Microsoft will aber noch weiter hinaus. Sirosh zufolge sind die neuen Entwicklungen im Bereich KI und maschinelles Lernen Vorbereitungen für die »technologische Singularität«. Damit ist in der Zukunftsforschung der Zeitpunkt gemeint, an dem die KI die Menschen überholt und von ihnen unabhängig wird. Sirosh betonte, dass man vor Technologie keine Angst haben müsse. Dem kann man zustimmen. Vor den Menschen, die sie herstellen und anwenden, aber möglicherweise schon.