Linke Kritik am postmodernen ­Antirassismus tut not, wird aber kaum laut

Linker Wohlfühlzirkel

Der Potsdamer »F_antifa-Kongress« hat es gezeigt: Das Vermeiden von Kritik an postmodernen Konzepten des Antirassismus ist symptomatisch für die Angst der Bewegungslinken vor der Auseinandersetzung.
Kommentar Von
Anzeige

Seit einiger Zeit ist ein Revival feministischer Antifapolitik zu verzeichnen. In den neunziger Jahren wurde dafür das Label »Fantifa« geprägt. Neue Publikationen werden herausgebracht, es gründen sich Gruppen, Workshops und Kongresse werden veranstaltet. So auch am zweiten Maiwochenende, als im Potsdamer Kulturzentrum »Freiland« unter dem Slogan »Vor jeder guten Antifa steht ein fettes F« zum »F_antifa-Kongress« geladen wurde. Die Schreibweise mit Unterstrich deutet daraufhin, dass das derzeitige Interesse an ­feministischer Antifapolitik der postmodernen Strömung im Feminismus der vergangenen Jahre entspringt.

Vor Beginn des Kongresses veröffentlichten Mitglieder der Potsdamer Gruppe »Bündnis Madstop« einen offenen Brief an die Or­ganisatorinnen der Konferenz. Darin kritisierten sie Schwerpunktsetzungen im Programm der Veranstaltung, die typisch für die postmoderne, queerfeministische Linke sind. So gab es auf dem Kongress mehrere Workshops zum Judentum, darunter einen ­antizionistischen Workshop einer israelischen Linksradikalen, aber keine Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Antisemitismus. Veranstaltungen zum Thema Antirassismus waren von den Annahmen der critical whiteness geprägt. Mit deren Fokussierung auf die Dichotomie »weiße Menschen« versus people of color (PoC) ist der deutsche Vernichtungskrieg im Osten nicht zu verstehen. Die über 15 Millionen ermordeten sowjetischen Zivilisten fielen einem an­tisla­wi­schen Ras­sis­mus zum Opfer, der im Rahmen der ­critical whiteness nicht vorkommt. Und auch das Aufregerthema »kulturelle Aneignung« fehlte nicht. Das popkulturelle Zur-Ware-Werden von Elementen nichteuropäischer Kulturen wird als besonders verwerflicher Übergriff auf diese traditionelle Kulturen ange­sehen, deren Schutz im postmodernen Antirassismus einen hohen Stellenwert einnimmt.

Während eine öffentliche Reaktion der Organisatorinnen des Kongresses bislang ausblieb, gab es Rückmeldungen von einer Reihe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie anderen Linken. Viele freuten sich, dass jemand ihr Unbehagen am Programm des Kongresses in Worte gefasst hatte. Selber hatten sie ihre Kritik jedoch nicht öffentlich gemacht. Diese Kritikvermeidung ist symptomatisch für den Umgang mit dem postmodernen Antirassismus der critical whiteness in der Bewegungslinken. Der zugrundeliegende Ansatz überzeugt weder durch besondere Stringenz und Kohärenz noch lassen sich historische oder aktuelle gesellschaftliche Prozesse damit besonders gut verstehen und erklären. Seine Anhängerinnen und Anhänger fallen zwar durch dogmatischen Furor auf, ihr reales Sanktionspotential außerhalb ihrer akademischen und metropolitanen Hochburgen ist jedoch begrenzt. So ist es vor allem die Angst der diesem Ansatz skeptisch gegenüberstehenden Linken vor der ernsthaften politischen und theoretischen Auseinandersetzung, auf der die Durchsetzungsfähigkeit dieser Strömung beruht. Eine Linke aber, die nicht darüber streitet, wie die Welt zu erklären und zu ­verändern ist, bleibt ein geschlossener Wohlfühlzirkel. Auch davon legt das Programm des Potsdamer Fantifa-Kongresses Zeugnis ab.