Claudia Bauers Inszenierung von »89/90«

Nachts im Freibad

Auf dem 54. Theatertreffen in Berlin begeisterte vor allem Claudia Bauers Inszenierung des Wenderomans »89/90« von Peter Richter. Es könnte das wichtigste Stück der Spielzeit sein.

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»Ich sitze hier und spüre, dass das Unheil naht.« Mit dieser Liedzeile der Dresdner DDR-Punkrockband Kaltfront endet die Theaterinszenierung von Peter Richters Roman »89/90«, die auf dem diesjährigen Berliner Theatertreffen zu sehen war. Wie in einem Kaleidoskop ordnen sich in Richters Roman kleine Bruchstücke, Beschreibungen und Eindrücke von Jugendlichen zu einem Bild Dresdens in den Wendejahren. Die Regisseurin Claudia Bauer hat daraus ein Oratorium für die Theaterbühne gestaltet, das man ohne Übertreibung als die wohl wichtigste Inszenierung der Spielzeit bezeichnen kann. Denn angesichts des derzeitigen Unheils, das sich beispielsweise zur Verteidigung eines vermeintlichen Abendlandes zum autoritären Block formiert, wirft Bauer einen Blick zurück auf die Genese der Gegenwart.

Die Jungs, mit denen man gerade noch im Freibad abhing, jagen einen als Baseballschläger schwingende Neonazis.

Dass Bauer die Möglichkeit des Theaters schätzt, den Blick so zu ­erweitern, gibt die Regisseurin unumwunden zu. Tagespolitik sei nicht das Geschäft des Theaters. Was sie auch im Internet lesen könne, möchte sie nicht auf der Bühne sehen, sagte sie jüngst in einem Interview. Und gerade die Durchdringung und Transzendierung des Alltäglichen macht das Politische ihrer Inszenierungen aus.

Es ist eine Eigenheit des Schauspiels Leipzig, an dem Bauer arbeitet und wo »89/90« im September ­vergangenen Jahres Premiere feierte, die longue durée ins Auge zu fassen. Intendant Enrico Lübbe inszeniert dort formal und intellektuell anspruchsvolle wie gelungene antik-moderne Doppelabende, so »Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen« von Aischylos beziehungsweise Elfriede Jelinek und kürzlich »Die Maßnahme/Die Perser« von Bertolt Brecht und Hanns Eisler beziehungsweise Aischylos. Der 1975 in Schwerin geborene Lübbe war es auch, der Bauer »89/90« empfahl. Die aus Landshut stammende Bauer hat Anfang der neunziger Jahre Schauspiel und Regie an der Ostberliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« studiert und besitzt eine besondere Begabung, sper­rige Texte in ein Bühnengeschehen zu übersetzen. Das hat sie mit »89/90« wieder einmal beeindruckend unter Beweis gestellt.

Bauer wählt nicht nur eine große geschichtliche Perspektive, sondern setzt auch auf der Bühne auf Größe. Neben den herausragenden Ensembleschauspielern ist ein über 30köpfiger Chor zu sehen. Dieser singt eine Bearbeitung von »Wir wollen immer artig sein« von Feeling B und lässt verschiedene Parolen damaliger Demonstrationen erschallen. So geht beispielsweise »Freiheit« in »Westgeld« über und was erst im Gleichtakt erschien, tönt alsbald im Missklang. Mit dem Chor werden gesellschaftliche Widersprüche gezeigt, aber auch die fatale Vorherrschaft des Kollektiven über das Individuum. Ausgehend von ­einer Gruppe Jugendlicher und ihren nächtlichen Treffen im Freibad wird der kurze Sommer der Anarchie ab dem Jahre 1989 gezeigt, der mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrags im Herbst 1990 beendet war.

Die Szenen im Freibad stellen die Schauspieler mit Burattino-Masken dar. Im blauen Nebel bekommt die Szenerie etwas Surreales, aber auch Bedrohliches. Dies ist kein verlorenes Idyll, sondern nur die glatte Oberfläche eines in seiner abgründigen Tiefe nicht zu ermessenden Gewässers. Die Musik, die zum Teil an den mit Kitsch und Horror spielenden »Twin Peaks«-Soundtrack von Angelo Badalamenti erinnert, tut das Ihre dazu. »Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde? Hätte man damals schon herumgehen können und sagen: Du, mein Freund, wirst einmal den Drogen zum Opfer fallen, und du wirst sie ihm verkaufen; du daneben wirst mit Immobilien viel Geld verdienen, du hier wirst vorher für ihn auf den Strich gehen, du dort drüben wirst in München Karriere machen, während der da hinten in 20 Jahren Mülltonnen nach Pfandflaschen durchsucht – und du, kleiner D., wirst bald gar nicht mehr ­unter uns sein?«

Doch für den Moment sind alle jung und im Freibad, man verehrt »Ellen Dellen« (Alain Delon), nennt die örtliche Einkaufsstraße Rue und die Volkspolizisten Flics. Depeche Mode und The Cure untermalen den Nonkonformismus. Klar, da ist auch die L., die hört lieber Degenhardt und liest alles – von Peter Hacks. Aber die ist ein Sonderfall, die ist für den Sozialismus, obwohl sie es nicht sein müsste. Ansonsten sind alle dagegen. Doch mit dem Zerfall der DDR und der Öffnung der Mauer verschwindet das Gemeinsame, das Dagegensein. Und die Jungs, mit denen man gerade noch im Freibad abhing, jagen einen als Baseballschläger schwingende Neonazis zu den Worten Helmut Kohls vor der Dresdner Frauenkirche – »wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation« – durch die Stadt: »Gott segne unser deutsches Vaterland.«

Claudia Bauer beherrscht aber nicht nur die große Draufsicht, sondern auch die feine Kunst der Intro­spektion. Das zeigt sie mit »Und dann«, der Uraufführung eines Textes von Wolfram Höll, ebenfalls am Schauspiel Leipzig. Die mehrfach preisgekrönte Inszenierung ist das Pendant zu »89/90«. Sie widmet sich aus der Perspektive eines Kindes dem Epochenbruch im Zusammenhang mit einer Verlusterfahrung, hier der Mutter. Und auch bei »Und dann« geht es um die Erinnerung und ihre verblassenden Spuren. Wie bei »89/90« sorgen Masken, die Musik von Peer Baierlein und ein spannungsvolles Verhältnis von Handlung und Text für ein unheimlich-entrücktes Spiel auf der Bühne, das in seiner Verzerrung die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt und doch Rätsel aufgibt. Claudia Bauer schafft es, dass sich in ihrer Theatersprache Poesie und Politik nicht ausschließen, sondern gegenseitig erhellen.