Nuriye Gülmen protestiert in der Türkei gegen ihre Entlassung als Universitätsdozentin

Sie bleibt hungrig

Porträt Von Nicole Tomasek
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Nuriye Gülmen gibt nicht auf – und setzt dabei ihr Leben aufs Spiel. Die türkische Literaturwissenschaftlerin arbeitete als Dozentin an der Universität in Konya. Nach dem gescheiterten Putschversuch vom Juni 2016 wurde sie entlassen, wie Tausende ihrer Kolleginnen und Kollegen und Zehntausender weiterer Staatsbediensteter. Vorgeworfen wurde ihr wie so vielen anderen die Zugehörigkeit zur Bewegung Fethullah Gülens. Mit der Entlassung wollte sich Gülmen nicht abfinden, seit November demonstrierte sie daher täglich in der Hauptstadt Ankara mit einem Sitzstreik vor dem Denkmal für die Menschenrechte. An ihrer Seite protestierte der Grundschulschullehrer Semih Özakça aus Mardin. Auch er wurde entlassen, ihm wurde Unterstützung der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vorgeworfen.

Beide wurden mindestens 20 Mal festgenommen. In einem Interview mit Zeit Online berichtete Gülmen von Misshandlungen durch die Polizei, bei einer Festnahme sei ihr sogar die Nase gebrochen worden. Doch die beiden Protestierenden ließen sich auch dadurch nicht einschüchtern. Sie waren nicht die einzigen, die gegen ihre unrechtmäßige Entlassung protestierten, doch sie gingen noch einen Schritt weiter. Nach einer weiteren Festnahme entschlossen sie sich am 11. März, in den Hungerstreik zu treten. Gülmen soll mittlerweile deutlich abgemagert, ihr Gesundheitszustand äußerst kritisch sein. Immer wieder erfuhren die beiden Streikenden Solidarität in der Türkei und international, einige ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer traten zeitweise selbst in den Hungerstreik (Jungle World 19/2017). Ihren 189. Protesttag und 69. Tag im Hungerstreik widmete Gülmen in einer Videobotschaft den hungerstreikenden palästinensischen Gefangenen ­(Jungle World 17/2017). Ihr Hunger und die gegen sie ausgeübte Gewalt seien dasselbe, so Gülmen. Später kommunizierte sie per Liveschaltung mit einer paläs­tinensischen Abordnung, zu der unter anderem die ehemalige Terroristin Leyla Khaled gehörte.
So fragwürdig diese Solidaritätsadresse auch war, Gülmens Widerstand bleibt gerechtfertigt. In der Nacht zum Montag wurden sie und Özakça in ihren Wohnungen wieder einmal festgenommen. Gülmen twitterte live, als die Tür aufgebrochen und sie verhaftet wurde. »Wir wollen unsere Arbeitsplätze zurück! Wir haben uns nicht ergeben und wir werden es nicht!« gab sie sich kämpferisch. Nur einen Tag zuvor war der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei einem Sonderparteitag als einziger Kandidat mit über 96 Prozent der Stimmen erneut zum Vorsitzenden der Regierungspartei AKP gewählt worden. Vor seinem Amtsantritt war er vom Vorsitz zurückgetreten, da der Präsident bislang keiner Partei ange­hören durfte. Seit dem Verfassungsreferendum vom April ist dies jedoch erlaubt.
Während Erdoğan seine Macht ungehindert ausbaut, bleiben seinen Kritikerinnen und Kritikern kaum Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Auf die Forderungen Gülmens und Özakças ist die Regierung bislang nicht eingegangen. Selbst den Tod der beiden dürfte sie relativ unbeschadet überstehen, angesichts dessen, was sie sich alles schon geleistet hat.