Der Attentäter von Manchester war in ein britisch-libysches jihadistisches Netzwerk eingebunden

Der Jihad bleibt

Die Ermittlungen zum Selbstmordattentat in Manchester haben ­terroristische Netzwerke in der ­libyschen Gemeinde in Großbritannien ans Licht gebracht.

Anzeige

Es war sein letzter Tag. Am Montag vergangener Woche setzte Salman Abedi einen Rucksack voller Sprengstoff, Schrauben und Muttern auf und begab sich in die Eingangshalle der Manchester Arena, wo gerade ein Konzert der populären Sängerin Ariana Grande endete. Als Konzertbesucher die Halle verließen, zündete er seine Bombe und riss mindestens 23 Kinder und Erwachsene mit in den Tod. Wie auch bei vergangenen Anschlägen in Großbritannien bekannte sich später die Terrorgruppe »Islamischer Staat« (IS) zu der Tat.

Der Sprengstoff war der gleiche, der auch bei den Anschlägen in Paris und Brüssel benutzt wurde. Hinweise auf Verbindungen mit einem europaweiten islamistischen Netzwerk häufen sich.

Eine Woche nach dem Anschlag untersuchen die britischen Behörden noch immer das Terrornetzwerk, in das Abedi verstrickt war und das möglicherweise für seine Rekrutierung und Radikalisierung verantwortlich ist. Nicht nur kam die blühende Rekrutierungspraxis islamistischer Gruppen innerhalb der libyschen Gemeinde in Manchester ans Licht, es wurde auch bekannt, dass weitere Mitglieder von Abedis Familie den jihadistischen ­Terror unterstützen.

Die Ermittlungen haben bisher keine konkreten ­Beweise erbracht, dass der Anschlag vom IS geplant und vorbereitet wurde. Wie in anderen Fällen gibt es aber einige Anhaltspunkte, die dies wahrscheinlich ­erscheinen lassen. Nach dem Attentat wurden mehrere Personen in Manchester verhaftet, die mit Abedi in Kontakt standen oder zu seiner Familie gehörten, sowie einen Mann in Sussex, der einen in Großbritannien registrierten Online-Marktplatz in Tripolis betreibt. Abedis Bruder Hashim und beider ­Vater wurden in Tripolis, der Hauptstadt Libyens, verhaftet. Zahlreiche Häuser in verschiedenen britischen Städten wurden durchsucht. Die Gegend in Manchester, aus der Abedi stammt, brachte bei einer Fläche von nur zweieinhalb Quadratkilometern bisher 16 bekannte Terroristen hervor. Das Attentat deutet auf komplexe Verbindungen zwischen der libyschen Gemeinde in Manchester und islamistischen Gruppen in Libyen hin. In Teilen Libyens ist der IS stark präsent.

Vieles spricht dafür, dass Abedi für den islamistischen Kampf rekrutiert wurde. 1994 wurde er in Manchester geboren. Sein Vater Ramadan Abedi war im libyschen Sicherheitsapparat unter Muammar al-Gaddafi tätig und emigrierte als Dissident nach Großbritannien. Abedi, seine Eltern und Geschwister, die Brüder Ismail und Hashim und die Schwester Jomana, waren aktive Mitglieder der lokalen Didsbury-Moschee, die von der Muslimbruderschaft betrieben wurde. Heute leben etwa 10 000 Menschen libyscher Herkunft in Manchester, viele von ihnen waren ebenfalls Dissidenten unter Gaddafi. Ihre Opposition zum Diktator hatte jedoch unterschiedliche Gründe. Während einige einen islamistischen Staat befürworteten, bevorzugten andere eine Demokratie oder die Monarchie. Abedis Vater wollte Libyen zu einem strikt islamischen Staat machen.

In der Moschee in Didsbury wird eine salafististische Form des Islam ­gepredigt. Während die Moschee den Anschlag am Montag vergangener Woche verurteilte, ist bekannt, dass ­einige ihrer Mitglieder Spenden für die Libyan Islamic Fighting Group (LIFG) gesammelt haben, die seit 2004 als terroristische Vereinigung ein­gestuft wird und als al-Qaida nahe­stehend gilt. Auch Abedis Vater ge­hörte der LIFG an.

Abedi wurde von seinen Mitschülern als mehr oder weniger »normal« wahrgenommen, hatte aber Probleme mit schlechten Leistungen und aggressivem Verhalten in der Schule. In Medienberichten, die sich auf Aussagen seiner Mitschüler und Freunde stützen, wird er als feierfreudig und nicht sehr gläubig beschrieben. Abedi soll Wodka getrunken und Marihuana geraucht haben und bei Frauen beliebt gewesen sein. Er spielte Fußball und Cricket und war Fan des Fußballvereins Manchester United, seine Lieblingsmusikstile sollen Rap und Grime gewesen sein. Nach Angaben seiner Lehrer war er allerdings »sehr langsam, ungebildet und passiv«. Er sei Opfer von Mobbing gewesen und habe seine Aggressionen nicht kontrollieren können.

Aufgrund seiner abstehenden Ohren sei er »Dumbo« genannt worden. Schlägereien auf dem Schulhof waren offenbar keine Seltenheit. Einmal soll er ein Mädchen geschlagen haben, da er ihre Kleidung nicht angemessen fand. Er gehörte außerdem zum Umkreis ­einer kriminellen Gang in Manchester.

Sowohl Freunde als auch Lehrer ­hatten die Behörden wiederholt auf Abedis problematisches Verhalten ­aufmerksam gemacht. Vor fünf Jahren riefen Freunde bei einer Antiterror­hotline an und äußerten Bedenken über sein Verhalten. Auch Familienmitglieder und Mitglieder der muslimischen Gemeinde haben mehrmals versucht, die Aufmerksamkeit der Behörden auf Abedis besorgniserregendes Verhalten und die Praxis der Anwerber für den islamistischen Terrorismus in Manchester im Allgemeinen zu lenken.

Einigen Berichten zufolge reiste Abedi 2011, als er 16 war, mit anderen Familienmitgliedern nach Libyen. Sein Vater war bereits dort, um gegen Gaddafi zu kämpfen, und war prominentes Mitglied einer Miliz, die Verbindungen zu islamistischen Gruppen unterhielt. Während ihr Vater nach der Niederlage Gaddafis in Libyen blieb, zogen Salman und Ismail Abedi zurück nach Manchester, reisten aber häufig nach Tripolis.

US-Berichten zufolge soll Abedi bei einer dieser Reisen den islamis­tischen Prediger Abdul Baset Ghwela kennengelernt haben. Zurück in Manchester hielt er Kontakt zu jungen IS-Kämpfern, darunter der bekannte, im vergangenen Jahr zu Tode gekommene IS-Anwerber Raphael Hostey.

Das Attentat wurde nach Einschätzung der Behörden professionell geplant. Die Bauart der Bombe lässt Expertise mit Sprengsätzen erkennen. Die Schrauben und Muttern waren so gepackt, dass sie maximalen Schaden anrichten. Der Sprengstoff war der gleiche, der auch bei den Anschlägen in Paris und Brüssel benutzt wurde. Hinweise auf Verbindungen mit einem europaweiten islamistischen Netzwerk häufen sich.

Abedis Fall ist nicht der erste, bei dem die britischen Behörden von jihadis­tischen Tendenzen wussten, jedoch nicht reagierten. 23 000 Personen wurden wegen ihrer Befürwortung des gewaltsamen Jihads untersucht, 20 000 davon wurden als persons of interest klassifiziert, aber nicht weiter überprüft. Die Behörden sahen bei ihnen keine Gefahr einer Beteiligung an terroristischen Anschlägen. Auch Michael Adebolajo und Michael Adebowale, die 2013 den Soldaten Lee Rigby töteten, waren unter diesen 20 000 Personen. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 veröffentlichte die Zahlen mit dem Hinweis, dass seine Mittel für eine Untersuchung von maximal 3 000 Personen reichen. Drei Personen, die von der Leitung der Didsbury-Moschee den Behörden gemeldet worden waren, aber zunächst nicht als gefährlich eingestuft wurden, gehören zu den nun Verhafteten. Als Reaktion auf das Attentat wurde die Wahrscheinlichkeit eines terroristischen Anschlags für eine Woche landesweit auf »kritisch« hochgestuft. Britisches Militär patrouillierte bei öffentlichen Veranstaltungen.

Kurz vor den für den 8. Juni geplanten Parlamentswahlen wurde der ­Anschlag auch im Wahlkampf thematisiert. »Viele Experten haben auf den Zusammenhang zwischen den Kriegen, die unsere Regierung in anderen Ländern unterstützt oder selbst führt, und Terrorismus zu Hause hingewiesen«, sagte Jeremy Corbyn, der Vor­sitzende der Labour-Partei. Die Armee auf britischen Straßen sei ein klares Zeichen dafür, dass die derzeitige britische Außenpolitik nicht funktioniere und die Terrorgefahr erhöhe, statt sie zu vermindern.

Premierministerin Theresa May von der konservativen Partei konterte in ­einer Rede zum Abschluss des G7-Gipfels, in der sie Corbyns Kommentar als Entschuldigung des Anschlags darstellte. Die Wahl am 8. Juni sei eine »zwischen mir, die andauernd daran arbeitet, unsere nationalen Interessen und unsere Sicherheit zu schützen, und Jeremy Corbyn, der dieser Aufgabe ehrlich gesagt nicht gewachsen ist.« In der neuesten Wahlumfrage liegt Labour nur noch fünf Prozentpunkte hinter den Konservativen.

Corbyn irrt, wenn er glaubt, ein Rückzug des britischen Militärs aus Kriegs­gebieten würde eine Ende des Terrorismus auf britischem Boden bedeuten. Shiraz Maher, Senior Research Fellow am King’s College in London, zitiert in diesem Zusammenhang einen IS-Kämpfer: »Hauptsächlich führen wir Kriege, um die Ungläubigen zu bekämpfen. Ihre Drohnen gegen uns sind zweitrangig.«