Der Streit um eine Fahne gegen Homophobie bei Tennis Borussia Berlin

Angriff auf die Regenbogenfahne

Tennis Borussia Berlin setzt sich schon lange unter anderem gegen Homophobie ein. Die Vereinsführung wollte nun jedoch die Regenbogenfahne nicht im Stadion hissen.

Anzeige

Es war ein bizarres Bild, das sich den im Berliner Mommsenstadion Anwesenden am 28. Mai bot. An einem Fahnenmast hinter dem E-Block, dem angestammten Platz der Fans von Tennis Borussia Berlin bei Heimspielen des Vereins, hatten kurz vor Beginn der Oberligapartie gegen den SV Altlüdersdorf einige dieser Fans eine Regenbogenfahne mit Vereinswappen gehisst – so wie auch bereits zwei Wochen zuvor beim Heimspiel gegen Grün-Weiß Brieselang. Diesmal jedoch versuchten vom Verein angeheuerte Ordner das Hissen der Fahne zu verhindern. Weil aber etliche Dutzend Anhänger des Vereins sich schützend vor den Fahnenmast stellten, mussten die Ordner unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Wer sich ein wenig auskennt im deutschen Fußball, wird nicht anders können, als jetzt die Stirn zu runzeln. Wie kann es angehen, dass sich solche Szenen ausgerechnet bei Tennis Borussia abspielen, wo doch aus der Fanszene des Vereins heraus die inzwischen international aktive Kampagne »Fußballfans gegen Homophobie« gegründet wurde, die erst 2016 vom Deutschen Fußballbund für ihr Engagement mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet worden ist? Der Verein selbst und seine Fans hatten in der Vergangenheit immer wieder klar Stellung gegen verschiedenste Arten von Diskriminierung und ganz explizit auch gegen Homophobie bezogen. Mehrfach hatte der Verein dazu die Respect Gaymes der Berliner Sektion des Lesben- und Schwulen-Verbands LSVD unterstützt. 2012 war im Rahmen eines Aktionstags im Stadion eine Werbebande mit dem Schriftzug »Fußballfans gegen Homophobie« enthüllt worden.

Außerdem, so hieß es, sei das Hissen der Fahne geeignet, die »Neutralitätspflicht des Vereins zu verletzen«.

Plötzlich hatte der Vorstand ausgerechnet dieses Vereins also das Hissen einer Regenbogenfahne untersagt, die von einigen Fans gestiftet worden war. Dabei hatte sich im Dezember bei einer Mitgliederversammlung eine überwältigende Mehrheit von 80 Prozent der anwesenden Stimmberechtigten für die Fahne ausgesprochen und auch der Aufsichtsrat hatte sich in der Folge klar auf die Seite der Fans gestellt. Der Vorstand monierte jedoch, der Antrag habe »inhaltliche Fehler« gehabt. Außerdem, so hieß es, sei das Hissen der Fahne geeignet, die »Neutralitätspflicht des Vereins zu verletzen«. Der Chef des beim Spiel gegen Altlüdersdorf eingesetzten Ordnungsdiensts sprach darüber hinaus sogar von schweren Strafen, die dem Verein nun von Verbandsseite aus drohen würden.

Gerd Liesegang, Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbands (BFV), zeigte sich angesichts dieser Aussagen verwirrt. »Also ich bin sehr, sehr ­irritiert über diese Argumentation, denn es gibt aus Sicht unseres Verbandes rein gar nichts, was gegen das Aufhängen dieser Fahne spricht«, erläuterte er in einem Interview mit »Fußballfans gegen Homophobie«. »Ganz im Gegenteil, diese Aktion ist ja absolut vorbildlich.« Auch in der Lokalpresse und in den sozialen Medien hagelte es reichlich kritische Kommentare zum Vorgehen des Vorstands.

Am 1. Juni, also nur fünf Tage nach der Partie gegen Altlüdersdorf, änderte der Verein seine Haltung. Die Fahne mit dem Wappen des Vereins dürfe künftig am offiziellen Mast im Mommsenstadion hängen, hieß es nun. Die Entscheidung hatte der Vorstandsvorsitzende Jens Redlich nach seinen Worten alleine getroffen. Er wolle »die Wogen glätten«, erklärte er im Tagesspiegel. Man habe sich da »verrannt gehabt«. »Die Regenbogenfahne ist ein Teil von Tennis Borussia und der aktiven Fankultur«, sagte er schließlich ­sogar.

Nur wenige Tage vorher hatte das alles noch ganz anders geklungen. »Für mich ist die Abteilung Aktive Fans völlig uninteressant«, hatte Redlich da noch der Berliner Tageszeitung B.Z. diktiert, und man werde »die entsprechenden Vorkehrungen treffen«, damit die Fahne in der neuen Saison nicht wieder gehisst werde – Aussagen, die nicht wenige als Kriegserklärung an die Fanszene des Vereins verstanden hatten.

Wie kam es nun zu diesem Sinneswandel? So ganz wird sich das vielleicht nie klären lassen. Die Vermutung liegt nahe, dass Redlich schlicht eingesehen hat, dass er einen Fehler gemacht und sich verschätzt hat. Möglicherweise ist ihm auch bewusst geworden, dass er offenbar auf die falschen Leute innerhalb des Vereins gehört hatte. Als hartnäckigster Gegner der Fahne gilt in Fankreisen nämlich nicht er, sondern vielmehr Geschäftsführer Andreas Voigt, dem die Fanszene schon länger skeptisch gegenübersteht.

Tatsächlich geht das erste Votum des Vorstands auf die Zeit vor Redlichs Amtsantritt im März zurück. Damals war er, nachdem offenbar geworden war, dass der Verein, der immerhin schon zwei Insolvenzen hinter sich hat, mal wieder in finanzielle Schieflage geraten ist, in einer Nacht- und Nebelaktion in den Vorstand aufgerückt. Dass er gleichzeitig auch geschäftsführender Gesellschafter des Hauptsponsors von Tennis Borussia, der Fitnesscenterkette Crunch.Fit, ist, war dabei selbstverständlich kein Zufall.

Redlich selbst sprach damals von einem »Haushaltsdefizit im sechsstelligen Bereich«. Ohne das Geld des Hauptsponsors wäre der Verein somit wohl pleite gegangen. Dass der Geldgeber als Gegenleistung dafür auch ein gewisses Maß an Kontrolle verlangte, scheint nachvollziehbar. Bei vielen Fans klingelten jedoch sogleich die Alarmglocken. Zu sehr erinnerte die überraschende Machtübernahme durch den Hauptsponsor an vergangene Bauchlandungen des Vereins. Bereits zweimal war man bei Tennis Borussia auf dubiose Investoren hereingefallen – zunächst auf die Göttinger Gruppe, wenig später auf die Treasure AG. Beide Male endete das Engagement der vermeintlichen Retter in sportlichem Abstieg und finanziellen Turbulenzen.

Am schlimmsten ist jedoch, dass die finanziellen Probleme dieses Mal hausgemacht sind. Die Vereinsführung machte schon vor zwei Jahren deutlich, dass sie – wie im Übrigen auch ein Gutteil des Anhangs – die Oberliga nur als Durchgangsstation sieht und lieber sofort in die Regionalliga weiterziehen würde. Ein nachvollziehbares Ziel, denn immerhin handelt es sich bei Tennis Borussia um einen ehemaligen Bundesligisten und auch rein ökonomisch dürfte die Regionalliga weit reizvoller sein als die Oberliga, in der es, wenn es hochkommt, zweimal im Jahr Sinn macht, das Tor zum Gästesektor auch nur aufzuschließen.

Wer jedoch in die Regionalliga aufsteigen will, braucht dafür eine gute Mannschaft, denn die Konkurrenz um den einen Aufstiegsplatz ist groß. Eine solche Mannschaft kostet, auch wenn in der Oberliga offiziell Amateurfußball gespielt wird, ziemlich viel Geld, zumal wenn bei Konkurrent Altglienicke ein Bauunternehmer das nötige Kleingeld bereitstellt, um gleich reihenweise Routiniers aus höheren Ligen wie den ehemaligen Union-Spieler Torsten Mattuschka verpflichten kann. Wenn es trotz eines finanziellen Kraftakts wie bei Tennis Borussia mit dem Aufstieg nichts wird, kann das fatale Folgen haben.

Für die kommende Saison wird nun bei Tennis Borussia abermals der Aufstieg anvisiert und eine entsprechende – sicher nicht gerade kostengünstige – Mannschaft zusammengestellt. Was passiert, wenn auch dann wieder am Ende die Regionalliga verpasst wird, wollen sich die Fans lieber nicht ausmalen. Ohnehin sind die Probleme auch so schon ­alles andere als klein. Der Frauen- und Mädchenfußballabteilung droht die Implosion, nachdem Chantal Hoppe, die Leiterin der Abteilung, ihren Rückzug zum Saisonende angekündigt hat. Auch wenn sie selbst darüber kein Wort verlor, war es ein offenes Geheimnis, dass der wahre Grund für ihre Entscheidung die mangelnde Unterstützung seitens der Vereinsführung war. Ähnliches war aus dem Umfeld der zweiten Mannschaft zu hören, deren Abstieg aus der Bezirksliga sportlich nicht mehr zu verhindern ist. Auch deren Verantwortliche hätten sich mehr Unterstützung vom Vorstand gewünscht, so heißt es.

Darüber hinaus hat die Provinzposse um die Regenbogenfahne schon jetzt tiefe Kratzer im Image des Vereins hinterlassen. Einige kleinere Sponsoren sollen sich zurückgezogen haben und auch Austritte enttäuschter Mitglieder hat es bereits gegeben. Es wäre allerdings unredlich, all das dem neuen Vorstand anzulasten. Die meisten Fehler wurden bereits vor dessen Installation im März gemacht.

So oder so könnte sich Tennis Borussia auch auf seine Stärken besinnen. Die aktive Fanszene und das betonte Eintreten gegen Diskriminierung waren und sind noch immer die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale des Vereins. Dass die sich auch sehr gut vermarkten lassen, zeigen Beispiele wie der FC St. Pauli oder auch der SV Babelsberg 03 gleich um die Ecke in Potsdam.