Der neue saudische Prinz Mohammed bin Salman al-Saud

Ein Prinz mit Visionen

Porträt Von Jörn Schulz
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Die wichtigsten Untertanen und die teils grollenden Familienmitglieder leisteten den Treueid persönlich im Safa-Palast in Mekka. Aber man lebt ja nicht mehr im Mittelalter, daher ist es den einfachen Saudis gestattet, online ihre Freude darüber zu bekunden, dass nunmehr Mohammed bin Salman al-Saud der Thronfolger ist. König Salman hat am Mittwoch voriger Woche so entschieden und seinen Sohn an die Stelle seines Neffen Mohammed bin Nayef gesetzt, der auch sämtliche Regierungsämter verlor. Jung und nach offiziellen Angaben monogam, hat der neue Kronprinz offenbar ausreichend Zeit und Energie, um auch als Verteidigungsminister und Vizepremierminister zu amtieren. Um Wirtschaft und Gesellschaft hat er sich bereits gekümmert, ihm wird das Entwicklungsprogramm »Vision 2030« zugeschrieben. Es gehört zwar in die Kategorie jener Regierungsdokumente, die eher Mythen und Wunschvorstellungen als ein kohärentes Programm darbieten, ist als Absichtserklärung des Königshauses aber ernstzunehmen. Die Diktatur soll modernisiert werden. Der Kronprinz will die strikten kulturellen Restriktionen, die via Internet ohnehin leicht umgangen werden können, ein wenig lockern, möglicherweise gar Kinos erlauben. Das wird den wahhabitischen Klerus gegen ihn aufbringen. Brisanter noch ist sein Plan, den Staatsapparat gemäß modernen Managementmethoden umzuorganisieren. Das ist ein Bruch mit dem ungeschriebenen Gesetz des saudischen Klientelwesens, das Loyalität, aber nicht Leistung fordert, und dürfte wiederum den Beamtenapparat gegen ihn aufbringen – eben jenen Sektor, den bislang Mohammed bin Nayef kontrollierte. Es ist unwahrscheinlich, dass der bisherige Kronprinz, der angesichts des fortgeschrittenen Alters und der angegriffenen Gesundheit König Salmans dem Thron schon recht nahe war, sich mit seiner Entmachtung abfindet. Die maßgeblich von Mohammed bin Salman zu verantwortende Intervention im Jemen liefert seinen Gegnern im Staatsapparat weitere Argumente. Der Hunger und die Choleraepidemie im Nachbarland mögen ihnen egal sein, die dürftigen militärischen Erfolge aber zeigen die Schwäche der hochgerüsteten saudischen Armee und werden den Iran eher ermutigen als abschrecken.

Einzig das Problem der schnell aufeinander folgenden Inthronisierungen bereits siecher Monarchen hat das Königshaus mit der Ernennung Mohammed bin Salmans zum Kronprinzen gelöst. Mit 31 Jahren nach Maßstäben der saudischen Gerontokratie fast noch ein Kind, könnte er bis 2070 oder noch länger regieren. Falls die Dynastie so lange durchhält. Der Kreis der Mächtigen ist zu klein, die Abhängigkeit vom wahhabitischen Klerus zu groß, die Planung für eine florierende Wirtschaft ohne Ölexport zu realitätsfern, als dass ihm der Aufbau einer modernen Diktatur gelingen könnte, in der Aufstiegschancen und kulturelle Ablenkungsmöglichkeiten die Unzufriedenheit hinreichend dämpfen.