Der Film »Der Tod von Ludwig XIV.«

Vom Wegfaulen polierter Fleischbrocken

In »Der Tod von Ludwig XIV.« macht der gefeierte katalanische Regisseur Albert Serra keinen Hehl daraus, dass er den Körper des Sonnen­königs ein für allemal zerstören wird

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Albert Serra widmet sich in seinem jüngsten Film Ludwig XIV. und stellt präzise dar, wie der französische Monarch seine letzten Lebenstage verbringt und allmählich krepiert. Gespielt wird der sterbende Herrscher von Jean-Pierre Léaud, der schon seit seiner Jugend eine Ikone des linken französischen Kinos ist. Der Kontrast zwischen dem Schauspieler und seiner Rolle ist so stark und bedeutungsvoll, dass die Vermutung naheliegt, Serra habe mit »Der Tod von Ludwig XIV.« mehr intendiert, als das Ableben eines alten Königs zu beschreiben.

72 Jahre saß der Sonnenkönig auf dem Thron. Einen Staat zu verkörpern und ein Leben lang jeder Opposition die Todesstrafe anzudrohen, das prägt einen Mann. Ebenso wie es einen Mann prägt, ein Leben lang ein Gesicht der widerständigen Kunst zu sein. Léaud findet in diesem Historienkörper eine ganze Welt aus Gesten und Gesichtszügen. In aller Ruhe spielt er den versagenden Machtapparat und erkundet sachte den adligen Fanatismus, seinen Größenwahn und sein Aufbäumen gegen die Gesetze der Sterblichkeit. Ein Unsterblicher, ein Unangreifbarer muss kapitulieren und sich seinem Weltekel ergeben.

Ludwig XIV. spricht irgendwann nicht mehr, er schaut sich nur noch um. Dann nicht mal mehr das. Es folgen Starre und eine Abkehr vom Weltlichen. Zuvor aber, als er den Kopf noch drehen kann, blickt er immer wieder ganz bestimmt seine um ihn versammelten Diener und seinen Assistenten Monsieur Fagon an. Manchmal fixiert er auch auffällig lang die Leere. Und er sieht gern zu den Geistlichen hinauf, die ihm einen Trost zu spenden scheinen, der in seiner Position und nach all seinen Verbrechen eigentlich nicht mehr zu erlangen ist. Er mustert auch die Mediziner, die aus Angst keine Linderung verschaffen, und die Quack­salber, die meinen, eine Lösung zu kennen.
Manchmal ist nicht klar, ob Ludwig noch bei Verstand ist. Um ihn herum geschieht nur noch wenig und meistens nur das, was er angeordnet hat. Freiwillig besucht den alten Mann fast niemand – weil ein Fehler oder ein Verstoß auch unter den Augen eines sterbenden Königs direkt ins Verderben führt. Irgendwann soll ein unorthodoxer Mediziner verhaftet und in die Bastille gesperrt werden, zum Wohlgefallen seiner Konkurrenten.

Noch bis kurz vor seinem Ende ist die Macht des Königs absolut und für jeden spürbar, der sie berührt. Einer verbrennt sich tatsächlich die Finger. Und das, obwohl Serra den König zu Beginn beinahe wie einen seiner geliebten Hunde inszeniert, die irgendwelche Kunststücke vollführen. Für jeden Happen zur Ge­nesung bekommt er einen kleinen, feinen Applaus seines Hofstaats: Bravo, eure Hoheit! Nicht nur die Diener erfüllen hier ihre Rolle, es ist auch der König selbst, der sich den Ritualen hingibt.

Serras Film spielt im Jahre 1715 – in einer Zeit, die einem in diesem Film nicht fremd, sondern nah, geradezu intim erscheint. Der König ist im Film durch Léaud weniger ein Relikt, er ist gegenwärtig. Nur ein Blick geht aus dem Fenster, weit entfernt grollt es und Schwerter scheppern. Was Ludwig im 18. Jahrhundert erlebte und Jean-Pierre Léaud seit seinem ersten Leinwandauftritt bei Truffaut 1959, das war nichts Starres und orientierte sich nicht an historischen Vorbildern. Ein Herrscher, der einen totalitären Staat schuf, wie es ihn mit aller Dekadenz und Kunstfertigkeit nie zuvor gegeben hat und danach nie wieder geben sollte. Ein Schauspieler, der eine neue Bewegung im Kino begleitete und prägte, die bestehende Regeln über den Haufen werfen wollte. Beide Männer lehnten sich gegen die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ihrer Zeit auf. Nur mit unterschiedlichem Ausgang.

Währenddessen ruhen viele Momente des Films wie Stillleben im Kerzenschein. Einmal, in einem fast eingefrorenen Bild, bricht die Stille, Musik ertönt. Ludwig XIV. blickt neben die Kamera, kreuzt ihren Blick. Ein Herrscher kann nichts mehr beherrschen und behauptet sich ein letztes Mal, bevor er vergeht. Biscottins und ein paar Tropfen Wein beflügeln ihn. Für die Wohlstandsgesellschaft zu Hofe muss diese Süße ­beinahe profan gewirkt haben und doch scheint sie hier, im Sterben, überwältigend und stimmt möglicherweise Erinnerungen an ein überreiches Leben an. Der fast tote Körper hat einen Feinsinn, hat geliebt. Er fragt nach Menschen, nach einer Frau und nach einem Kerl, der vielleicht ein Freund war oder ein Vertrauter. Aber sie alle bleiben Staatsgeheimnisse, sind in der Ferne.

Später, wenn sich der Herrscher kaum noch rührt, wird die Frage wichtig, was seine Diener überhaupt noch antreibt. Warum versucht Monsieur Fagon dem dahinsiechenden Diktator immer wieder Wasser in den Mund zu gießen, holt Süßes und Trauben? Ist das Obrigkeits­hörigkeit oder ein sonderbarer Fall von Loyalität? Bloße Frustration, weil er die falschen Ärzte geholt hat? Hätte der König eine Amputation überlebt? Wäre es dazu gekommen, der Film hätte sie nicht ausgespart. Serra lässt keinen Zweifel daran, dass er bereit ist, diesen Körper zu zerstören. Wenn Radikalität die Bereitschaft zur Veränderung einer Ordnung ist – in diesem Fall die Zerstörung eines ­lebenden Körpers und des Systems, für das er steht –, dann ist Serra mit diesem Film vermutlich radikal.

»Der Tod von Ludwig XIV.« ist geprägt von einer sezierenden Rohheit, die Serra mit dem Blick der Mediziner gemein hat und aus der er am Ende sogar eine Pointe macht. Im Grunde gilt: Herrscher oder nicht, einen Darm hat jeder! Und der Darm des Sonnenkönigs ist wohl von einer nie gesehenen Fülle. All dieses feine Essen in unvernünftigen Mengen, auch das prägt einen Körper. Dass der Mann fett war und überzuckert, ­darum geht es einmal in einem leisen Zwiegespräch. Niemand will sich eingestehen, dass schon die Umstellung der Ernährung Linderung hätte bringen können. Und ob der Vogel nun Krankheiten überträgt oder die Hunde ein Hygieneproblem waren?

Immer wieder kommt die Frage auf, welche Thesen im Angesicht einer so willkürlichen Macht eigentlich noch Geltung beanspruchen können. Kann in dieser Dekadenz überhaupt noch etwas gelten? Ist medizinische Autorität eine Frage der Position zu Hofe oder der Kompetenz im Umgang mit Schwerkranken? Geht es um ärztliche Erfahrung, die Deutungshoheit beansprucht, oder ist alles doch nur eine Frage des Schicksals, der Fügung und Demut im Angesicht kirchlicher Rituale?

Der Sonnenkönig selbst demons­triert ein großes Interesse am Spirituellen. Seinem kleinen Urenkel rät er als Thronfolger zu Nächstenliebe und fordert Gespür für das Göttliche. Doch heilig ist hier nichts. Wenn er für die Mediziner die Zunge herausstreckt, dann sieht er so blöd aus wie jeder Marktschreier. Oder eher noch blöder mit seiner aufgesetzten Löwenmähne, die nicht mehr als eine zerzauste Perücke ist. So trocken wie der Mund des Königs ist auch der kaum vorhandene Humor. Serra und Léaud zeichnen einen alten Mann, aufgeplustert und umringt von Prunk, aber ohne jede Selbstironie. Humor wäre hier ein Dienst am Menschlichen; in Ludwigs übersattem, eitlem Katholizismus gelten aber nur das Übermenschliche und das Manierierte. Und das Spirituelle ist nichts weiter als autoritäres Werkzeug und Herrschaftsideologie.

Es ist keinerlei Wärme spürbar in Versailles, sondern es ist stickig im dunklen Palast. Und so kommt letztlich nichts gegen die aufrichtig welt­liche Sprengkraft eines verfaulenden Beins an. Und vom König bleiben nur polierte Fleischbrocken. Bravo!

Der Tod von Ludwig XIV. (Frankreich, ­Spanien, Portugal 2016). Regie: Albert Serra. Darsteller: Jean-Pierre Léaud, Patrick d’Assumçao, Marc Susini. Filmstart: 29. Juni