Die IG Metall will wieder für Arbeitsverkürzung kämpfen

Weniger Arbeit, mehr Leben

Lange Zeit war in den Gewerkschaften von Arbeitszeitverkürzung keine Rede mehr. Nun will die IG Metall den Kampf um weniger Arbeits- und mehr Freizeit wieder aufnehmen. Die Aussichten sind allerdings nicht allzu gut.

Unter dem Logo der lachenden Sonne und mit dem Slogan »Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen« erstritt die IG Metall vor mehr als 30 Jahren den Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Im Mai 1984 legten die Metallarbeiter zunächst in Baden-Württemberg und kurz darauf auch in Hessen die Arbeit nieder, um eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich durchzusetzen. Zehntausende beteiligten sich an den Streiks. Die Arbeitgeberverbände stellten sich wie auch die von CDU, CSU und FDP gestellte Bundesregierung vehement gegen die Forderung der ­Gewerkschaft. »Keine Minute unter 40 Stunden«, hieß es von Seiten der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), und Bundeskanzler Helmut Kohl bezeichnete die Forderung nach der 35-Stunden-Woche als »dumm, dreist und töricht«.

Will man das derzeitige Beschäftigungsniveau halten, führt angesichts des enormen Produktivitätszuwachses an einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung kein Weg vorbei.

Als die ­Arbeitgeber im Zuge des Streiks etwa 500 000 Beschäftigte im Tarifgebiet aussperrten, sprang ihnen der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Heinrich Franke, zur Seite und verweigerte die Auszahlung von Kurzarbeitergeld, um »den Arbeitskampf zu verkürzen«. Nach sieben Wochen Streik und Aussperrung ging die IG Metall dennoch mit einem Teilerfolg aus dieser größten sozialen Machtprobe der Nachkriegszeit hervor, mit der Einigung auf eine wöchentliche Arbeitszeit von 38,5 Stunden war das Tabu der ­Arbeitszeitverkürzung gebrochen. Bis 1995 setzte die Gewerkschaft schließlich schrittweise die 35-Stunden-Woche durch.

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Noch heute gilt die 35-Stunden-Woche als einer der größten Erfolge der IG Metall. Die tatsächliche Arbeitszeit fällt jedoch für immer mehr Lohnabhängige in der Metall- und Elektroindustrie deutlich länger aus, wie eine kürzlich veröffentlichte Befragung der IG Metall zeigt, an der sich nach An­gaben der Gewerkschaft 680 000 Beschäftigte aus 7 000 Betrieben betei­ligten. Fast die Hälfte der Arbeiter in der Branche hat einen Vertrag, der mehr als 35 Stunden vorsieht. Knapp ein Drittel arbeitet sogar 40 Stunden oder mehr.

Besonders davon betroffen sind die Metallarbeiter im Osten Deutschlands. Für sie gilt eine reguläre wöchentliche Arbeitszeit von 38 Stunden. Als die IG Metall 2003 versuchte, auch im Osten die 35-Stunden-Woche durchzusetzen, erlitt sie eine empfindliche Niederlage. Aber auch in den ­alten Bundesländern arbeiten mittlerweile mehr als 30 Prozent der Beschäftigten in der Branche länger als 35 Stunden. Dafür sind auch die Gewerkschaft und ihre inkonsequente Politik bei der Arbeitszeit mitverantwortlich. Immer mehr Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen erleichtern den Unternehmen die Ausweitung der Arbeitszeit.

Seit der schweren Niederlage vor 14 Jahren, als ein fast vierwöchiger Streik in Sachsen und Brandenburg ohne Ergebnis endete, ist es in der IG Metall ruhig geworden um die Forderung nach einer Angleichung der ­Arbeitszeiten in Ost und West und erst recht um eine weitere generelle Verkürzung der Arbeitszeit. Will man das derzeitige Beschäftigungsniveau halten, führt angesichts des enormen Produktivitätszuwachses im Zuge der ­mikroelektronischen Revolution an einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung jedoch kein Weg vorbei.
Auch deshalb will die IG Metall den Kampf um mehr Freizeit wieder aufnehmen. »Wir müssen das Mantra der Arbeitgeber – Vollzeit plus Überstunden plus Flexibilität plus Leistungsdruck – durchbrechen«, sagte der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann ­anlässlich der Vorstellung der Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung. »Das sind keine Arbeitszeiten, die zum Leben passen«, so Hofmann.

Bei der Befragung wünschten sich über zwei Drittel eine Arbeitszeit von 35 Stunden oder weniger. 82 Prozent hätten gerne die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit zeitweise abzusenken, etwa um Kinder zu erziehen, Angehörige zu pflegen oder sich beruflich weiterzubilden. Rund 90 Prozent der Beschäftigten in den neuen Bundesländern wollen zudem die Angleichung ihrer Arbeitszeit an die der Kollegen im Westen. Die IG Metall hat angekündigt, die Arbeitszeit zum Gegenstand der kommenden ­Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie zu machen, die Ende des Jahres beginnt. Sollte sich die IG Metall tatsächlich dem Kampf um mehr Freizeit widmen, stünde eine harte Konfrontation bevor. Die Arbeitgeber haben bereits deutlich gemacht, dass sie zu Zugeständnissen bei der Arbeitszeit nur bei erheblichen Gegenleistungen bereit sind. Systematische und flächendeckende Arbeitszeitverkürzungen ohne Kompensation passten nicht in die Zeit, teilte der Arbeitgeberverband Gesamtmetall mit; besonders aus den neuen Bundesländern drohten Betriebe abzuwandern.

Ob sich die IG Metall in einem möglichen Konflikt durchsetzen kann, hängt nicht nur vom Widerstand der Arbeitgeberverbände ab, sondern vor allem von ihrer eigenen Kampfkraft und Mobilisierungsfähigkeit. Zwar ist der Wunsch nach mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen bei den Beschäftigten vorhanden. Ob sie aber bereit sind, dafür in einen harten Arbeitskampf zu treten, ist unklar. So sagten bei der Befragung 70 Prozent der Metallarbeiter im Westen und 60 Prozent im Osten, sie könnten mit ihrer der­zeitigen Arbeitszeit eigentlich gut leben. Zudem sei es den Arbeitgebern in den vergangenen Jahren gelungen, die »­erfolgreiche Arbeitszeitpolitik der Arbeitszeitverkürzung« durch »Mehr­arbeits-, Schicht- und Wochenendzuschläge aufzuweichen«, so der IG-Metall-Vorsitzende Hofmann. Damit spricht er einen Punkt an, der auch in der kommenden Tarifrunde zum Problem für die Gewerkschaft werden könnte. Denn durch die freiwillige Mehrarbeit haben die Beschäftigten letztlich mehr Geld auf dem Konto – einer der wesent­lichen Gründe dafür, dass die tatsächliche Arbeitszeit teils deutlich über der vertraglich vereinbarten liegt.

Ein wesentliches Hindernis zur Durchsetzung einer Arbeitszeitverkürzung bleibt außerdem die Spaltung zwischen Ost und West, die die IG Metall zuerst zugelassen und dann lange Zeit akzeptiert hat. Will die Gewerkschaft langfristig eine neue Arbeitszeitpolitik durchsetzen, müsste sie zunächst eine Angleichung der Arbeitszeit in den neuen Bundesländern ­erreichen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist jedoch im Osten immer noch weitaus geringer als im Westen. Zudem unterliegen dort lediglich 30 Prozent der Betriebe der Tarifbindung, im Westen sind es 60 Prozent. Ohne die Unterstützung der Westkollegen hätte ein Arbeitskampf also nur geringe Erfolgsaussichten. Ob diese allerdings dazu bereit sind, ist fraglich. Der Befragung der IG Metall zufolge wird der Angleichung bei den Arbeitszeiten in den alten Bundesländern nur ein geringer Stellenwert beigemessen. Sollte es jedoch der mit 2,3 Millionen Mitgliedern größten deutschen Gewerkschaft gelingen, die Widerstände zu überwinden und in dieser Schlüsselindustrie eine neue Arbeitszeitpolitik durchsetzen, hätte dies eine Signalwirkung für andere Branchen.