Die Ehe für alle bringt die überfällige Gleichstellung von Homosexuellen

Der pinkfarbene Kampfjet der Liebe

Die Ehe für alle ist da und das ist gut so. Was die Ehe allen an größerer Freiheit bringen soll, steht derweil auf einer anderen Hochzeitstorte.

Ich liebe Hochzeiten! Ich liebe Brautkleider und die hysterischen Bräute. Den Strauß, das Fest und den Kitsch! Nicht zuletzt den romantischen Antrag, bei dem geheult und gelacht wird ohne Unterlass. In einem zehnlagigen, geblümten, flatternden Rüschenkleid will ich bei Kai Pflaume zu Mendelssohns Hochzeitsmarsch aus einem Helikopter herausspringen, per Paraglider auf meinen Geliebten zugerast kommen und dabei kreischen: »Willst Du mich heiraten?!« Neben dem strahlenden Moderator geht derweil die Pyro-Show in ihre letzte Runde und am Horizont malt ein pinkfarbener Kampfjet der Liebe »Heirate mich!« in den Himmel. Am Boden blickt Festgast Angela Merkel den unzähligen weißen Tauben hinterher, die gerade den Wolken entgegenfliegen. Sie soll dabei gerne so niedlich dreinblicken, wie sie es immer bei öffentlichen Anlässen macht, die von ihr ein Freudestrahlen erwarten lassen und ihr doch ein eher befremdetes Lächeln entlocken.

Man muss sich fragen, was heutzutage so schlimm daran wäre zu heiraten.

Vielleicht verplappert sie sich dann wieder, wie neulich bei einer Talkrunde der Qualitätszeitschrift Brigitte: »Und deshalb möchte ich gerne die Diskussion mehr in die Situation führen, dass es eher in Richtung einer Gewissensentscheidung ist, als dass ich jetzt hier per Mehrheitsbeschluss irgendwas durchpauke.« Mit diesen gewundenen Formulierungen leitete Merkel einen historischen Politikwechsel ein. Womöglich wird es beim nächsten Mal das uneingeschränkte Bleiberecht für politisch Verfolgte und alle Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung fliehen mussten? Vielleicht ruft sie aber auch gleich die befreite Gesellschaft aus. Was für ein Fest!

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Zunächst jedoch hat die merkwürdige Ansage der Bundeskanzlerin, die etwas unfreiwillig wirkte, eine Lawine der Freude und Entrüstung hervorgerufen. Die heterosexuelle Ordnung der Gesellschaft werde zum Einsturz gebracht, mosern die Ewiggestrigen. Die leichtgläubigen Optimisten rufen aus: Die Homosexuellen und alle Menschen sind fortan frei und gleich! Und die ganz Kritischen wissen: Die Homosexuellen werden jetzt voll und ganz zu megaangepassten Homonormativen. Viele sagen: Ich bin dafür, dass alle heiraten dürfen, aber ich bin gegen die Ehe! Häufig hängen sie damit einem politischen Reflex nach, bei dem das Wort »Ehe« mit angeekeltem Unterton ausgesprochen werden muss. Als Erklärung für den Ekel gilt meist, dass diese Institution irgendwie patriarchal sei. Doch was bedeutet das? Haben sich die Formen, wie die Subjekte ihre Ehen leben, nicht längst verändert? Und wird sich diese einst durch und durch misogyne Institution nicht durch die Öffnung der Ehe für Homosexuelle noch weiter verändern?

Man muss sich fragen, was heutzutage, in der aktuellen gesellschaftlichen Situation, so schlimm daran wäre zu heiraten. Als ich diese Frage bei einer Vortragsdiskussion kürzlich in den Raum warf, wurde ich unterbrochen und musste mir eine »Umarmung der Homoehe« unterstellen lassen. Und ja, vielleicht erahnte der Diskussionsteilnehmer da mein Faible für barockes Brautgeschmeide. Bei dem mittlerweile inflationär gebrauchten Vorwurf aber, dass etwas »normativ« oder »normalisierend« sei, ist die Frage notwendig, was denn an der jeweiligen Norm so schlecht ist. Es gibt durchaus zahllose kulturelle Normen, die eine Gesellschaft, in der ich leben möchte, erst ermöglichen. Einige Konventionen sind noch nicht zur Norm geworden, sonst würde ich mit meinem Partner sicherlich nicht nahezu jedes Mal, wenn wir durch unseren Kiez flanieren, schwulenfeindlich angemacht.

Ein Problem der Ehe für alle ist, dass auch sie zuvörderst eine rechtliche Besserstellung derer bedeutet, die sich dem Liebesschwur hingeben wollen. Das wiederum mutet im Jahr 2017 einigermaßen altbacken an und trägt nicht gerade zur Anerkennung derer bei, die als Single wegen ihrer sexuellen und romantischen Selbständigkeit keine steuerlichen Vorteile erwarten dürfen. Die rechtliche Normalisierung der Homosexualität ist derweil ein notwendiger Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit. Diese rechtliche Normalität ist von dem normativen Druck auf Homosexuelle zu unterscheiden, den es zu kritisieren gilt. Er äußert sich nicht in einer angeblichen »Homonormativität« oder in Homosexuellen, die gerne auch außerhalb von Fetisch-Mottopartys ihren kleinkarierten Anzug tragen. In deren Ablehnung äußert sich vielmehr der Hass auf diejenigen, die als Gleiche und Angepasste verschrien sind – vor allem geäußert von jenen, die sich selbst einer alternativen Polit­avant­garde zurechnen.

Dabei ist die normative Zurichtung, die gewaltsam in das Leben von Homosexuellen eingreift, nicht passé. Sie äußert sich aber nicht im Hochzeitsantrag, dem Pullunderschwulen oder der schnittigen Business-Lesbe. Wo die heterosexuelle Normalität zum Wahnsinn wird, trifft sie Homo- wie Heterosexuelle. Diese kritikwürdige Normalität übergeht die Subjekte und führt zur Bekämpfung jener, die ihr im jeweiligen Moment zu sehr widersprechen. Sichtbar wird das im schmerzhaften Coming-out oder der Gewalt gegen Lesben und Schwule. Dies wiederum ist keine Ablehnung der Gleichen, sondern der Hass auf das Andere.

Das gemütliche Glück der Gleichheit, zu der auch das Ehelichen gehören kann, aus vermeintlich politischen Gründen zu verachten, übergeht nicht nur die Subjekte und ihre soziale Situation, ohne deren Beachtung eine Gesellschaftskritik zur autoritären Pose verkommt. Auch die eigenen Regungen werden hier offenkundig bekämpft, da sonst eine derart rigide Ablehnung nicht zu erklären wäre. Zugleich sind es gerade die sexuell Anderen, die die Lust an der Differenz kultiviert haben und in deren Glück die Freiheit aller aufscheint. Das Besondere der Homosexuellen, die sich von Heterosexuellen nicht nur in ihrer sexuellen Objektwahl unterscheiden, wird auch durch die Ehe für alle nicht verschwinden.

Womöglich trägt die Ehe für alle tatsächlich zu einer allgemeineren Verbesserung bei, was die Zurückdrängung von Homosexuellenfeindlichkeit angeht. Einige haben nun Sorge, dass die Bundesregierung fortan kein Interesse mehr an lesbisch-schwulen Themen haben könnte. Das mag sein, denn jetzt kann man sich auf die Schultern klopfen, da angeblich alles erreicht wurde und noch die letzte Diskriminierung abgeschafft sei. Allerdings fordert das Mantra unserer liberalen Zeit, dass alles gut sei, schon seit Längerem, dass man sich nicht mehr zu beschweren habe. Die bestehende Ungerechtigkeit muss man also umso deutlicher beim Namen nennen und ihre Beseitigung einfordern.

Auch die Ehe für alle ist dem unermüdlichen Einsatz von Menschen wie Volker Beck zu verdanken, die sich seit Jahrzehnten immer und immer wieder in langatmig-nervtötenden Sitzungen dafür stark machten, dass diese längst überfällige Gleichstellung nun endlich erfolgen müsse. Das lag nicht zuletzt an der Tatenlosigkeit von SPD und CDU, von denen auch zukünftig ohne Druck oder ungeschicktes Verplappern nicht viel Gutes zu erwarten sein wird. Schließlich ist selbst die Rehabilitierung der homosexuellen Männer, die in Deutschland auf Basis des Paragraphen 175 verfolgt und bestraft worden waren, mit einer stigmatisierenden Einschränkung beschlossen worden. Rehabilitiert wurden auf Druck von CDU/CSU lediglich die, deren Sexualpartner mindestens 16 Jahre alt gewesen waren. Das sonst gültige Schutzalter liegt bei 14 Jahren. Trotzdem stimmte auch die SPD-Fraktion zu. »Wer hat uns verraten … « – das bleibt auch eine Losung gegen die gebrochenen Versprechen der SPD gegenüber den Homosexuellen.

Die Ehe verspricht derweil etwas, was eigentlich die Beziehung einzulösen hat. Zueinander stehen, sich füreinander entscheiden, sich lieben, Sex und Vertrauen. Im Bereich Beziehung kann man von schwulen Männern dabei durchaus etwas lernen. Zwar stilisieren viele Schwule die anonymisierten Verkehrsformen in der Subkultur zu subversiven Akten, so dass ein Besuch im Darkroom zuweilen wie eine politische Intervention anmutet. Damit wehren sie häufig Empathie und Beziehungsfähigkeit ab – was nun wirklich kein Qualitätsmerkmal ist. Allerdings ist es zugleich die Promiskuität, die in schwulen Beziehungen viel häufiger selbstverständlich und glücklich gelebt wird, die auch bedeutet, dass man sich als Paar immer wieder aufs Neue dazu entscheidet, mit diesem einen Partner in einer Liebesbeziehung leben zu wollen. So besprechen Schwule auch seit langer Zeit viel bewusster und offener das Sexuelle und artikulieren ihre sexuellen Wünsche in und außerhalb von Beziehungen.

Wie sich mein Geliebter zu meinem Antragsanfall bei Kai Pflaume artikulieren würde, hatte ich eingangs offen gelassen. Für ihn ist die ganze Heiratschose ein Graus. »Kinderbett, Ehebett, Sarg«, lautet sein liebevoll geäußerter Spott gegen den Ehekäfig, wenn ich ihm gegenüber von meiner Helikopterphantasie schwärme. Er möchte weder von Angela Merkel noch von Kai Pflaume oder irgendeiner Gottheit einen Segen dafür empfangen müssen, mich zu lieben. Für ihn stellt diese Unterwürfigkeit eine Entwertung dessen dar, was wir unsere Beziehung nennen. Da gebe ich ihm durchaus recht. Für solch eine Überlegung muss man wiederum nicht zum rigiden Ehegegner werden, der den Heiratswilligen irgendeine böse Normativität zuschreibt. Die Ehe für alle ist da und das ist gut so. Was die Ehe allen an größerer Freiheit bringen soll, steht derweil auf einer anderen Hochzeits­torte. Diese Freiheit aber sollte man nicht davon abhängig machen, ob sich Merkel vielleicht beim nächsten Mal in der Gala verquatscht.