Eine Studie beleuchtet das Ausmaß sexueller Gewalt unter Jugendlichen

Aggressor statt Täter

Eine Studie beleuchtet, wie verbreitet sexuelle Belästigung, Missbrauch sowie andere Formen von Gewalt und Zurichtung unter Kindern und Jugendlichen sind. Die Untersuchung hat allerdings Schwächen.

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Welche Gruppen werden am häufigsten Opfer sexueller Gewalt? Sind Männer immer die Täter? Wird es immer schlimmer oder wird nur mehr über das Thema geredet als früher? Was genau ist überhaupt sexuelle Gewalt? Mit solchen Fragen befasste sich über ein Jahr lang eine großangelegte Studie, die das hessische Bildungsministerium in Auftrag gegeben hatte und deren Ergebnisse kürzlich veröffentlicht wurden. Dabei wurden mit standardisierten Fragebögen zwischen Mai und Dezember 2016 insgesamt 2 719 Schülerinnen und Schüler aus 53 Schulen freiwillig, anonym und nach Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten befragt, die meisten Befragten waren 14 bis 16 Jahre alt.

Die Studie bestätigt einiges, was Feministinnen seit vielen Jahren befürchten oder vermuten. Allerdings sind manche der verwendeten Begrifflichkeiten so vage, dass sie zunächst geklärt werden müssten, um die Ergebnisse für eine sinnvolle Debatte und Präventionszwecke fruchtbar zu machen. Da wäre zunächst der verwendete Oberbegriff der »sexualisierten Gewalt«. Die Studienautorinnen definieren sie als »jede Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität einer Person, welche mit der Geschlechtlichkeit des Opfers und Täters zusammenhängt«. Sie fassen darunter sowohl alle »nicht körperlichen« als auch alle körperlichen Formen. Sexuelle Belästigung in verbaler Form, Mobbing und Demütigungen misogynen oder homophoben Inhalts, Exhibitionismus und die ungewollte Verbreitung intimer Fotos oder Videos der Jugend­lichen – all das wird unter »nicht körperlicher sexualisierter Gewalt« gefasst. Das verwässert den Gewaltbegriff und die Folgen für die Opfer.

30 Prozent der befragten Mädchen wurden gegen ihren Willen an Brust oder Po angefasst. 12,6 Prozent wurden Küsse aufgezwungen.

Wenn von der Verbreitung sexueller Gerüchte bis zu körperlichen Übergriffen alles unter »sexualisierte Gewalt« fällt, verschleiert der Begriff mehr, als er erhellt. Die Übergänge sind fließend, aber gerade deshalb wäre erst einmal zu bestimmen, was was ist, um dann die Übergänge erfassen zu können.
Zudem erscheint fragwürdig, dass die Opfer sexueller Belästigungen und Gewalt nicht Opfer, sondern »Betroffene« genannt werden, wohingegen die Täter schwammig als »Aggressoren« bezeichnet werden. Ferner haben die Autorinnen das Begehen »schwere(r) körperliche(r) Übergriffe, wie etwa den erzwungenen Geschlechtsverkehr, nicht erfragt«, weil dies bedeutet hätte, »dass sich die Jugendlichen einer schweren Straftat hätten bezichtigen müssen«. Etwas mehr als ein Viertel der befragten Jugendlichen habe angegeben, mindestens einmal etwas getan zu haben, das mit sexualisierter Gewalt zu tun habe – 36 Prozent der Jungen und 21 Prozent der Mädchen.

Egal ob in der Studie nach »Erfahrungen« mit »sexualisierter nicht körperlicher Gewalt«, mit »sexualisierter körperlicher Gewalt«, nach »Beobachtern von sexualisierter Gewalt« und »Ausübern von sexualisierter Gewalt« gefragt wurde – überall ist ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Mädchen und Jungen zu beobachten. Angehörige beider Geschlechter gaben signifikant häufiger Männer als Täter an. Dazu ließe sich fragen, ob sexistische Mythen die Wahrnehmung sexueller Belästigung und Gewalt durch Frauen einschränken, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf, und eine Frau gar keine Täterin sein könne.

Opfer von sexueller Belästigung außerhalb des Internet wurden 40,6 Prozent der Mädchen und 25,8 der Jungen. Online erlitten 32,7 Prozent der Mädchen und 8,7 Prozent der Jungen Belästigungen. 26 Prozent der Jungs wurden schon einmal als »schwul« und 12,6 Prozent der Mädchen als »lesbisch« beschimpft. Dass gerade in diesem Feld die Zahlen bei den Jungen höher sind als bei den Mädchen, bestätigt die alte feministische These von der Homophobie als strukturell misogyner Aggression und Projektionsstraflust gegen sexuelle, vermeintlich feminine Passivität.

Opfer exhibitionistischer Handlungen wurden 14,9 Prozent der Mädchen und 3,6 Prozent der Jungen, zum Anschauen pornographischen Materials wurden 6,3 Prozent der Mädchen und 2,5 Prozent der Jungen gedrängt oder gezwungen. Die niedrigsten Zahlen finden sich beim sogenannten Online­pranger mit intimen Bildern oder Videos. Zwei Prozent der Mädchen und knapp ein Prozent der Jungen erlitten dies schon einmal. Auch hier verwässern die Oberbegriffe den Gegenstand. So wurden Onlinepranger ebenso wie sexuelle Belästigungen unter »Viktimisierung im Internet« gefasst, anstatt den Zusammenhang zwischen online und offline getätigten verbalen Beläs­tigungen zu beachten.

»Erfahrungen körperlicher sexualisierter Gewalt« sind der Studie zufolge weit verbreitet. 30 Prozent der befragten Mädchen wurden gegen ihren Willen an Brust oder Po angefasst. 12,6 Prozent wurden Küsse aufgezwungen, ­jeweils sogar etwa zehn Prozent wurden Opfer einer versuchten Vergewaltigung oder an ihren Geschlechtsteilen berührt. Etwa acht Prozent der Mädchen wurden gezwungen oder genötigt, die Geschlechtsteile von jemand an­derem zu berühren. Drei Prozent wurden vergewaltigt; hinzu kommen gut anderthalb Prozent, die vom Täter gezwungen oder genötigt wurden, mit ­einem anderen Sex zu haben, was zumindest in der Grauzone der Verge­waltigung sein dürfte. Die männlichen Opfer bleiben in fast allen Bereichen unter drei Prozent. Fünf Prozent der Jungen sind schon einmal gegen ihren Willen angefasst worden. 3,5 Prozenten wurden gegen ihren Willen geküsst, 3,6 Prozent bestätigten Berührungen ihrer Geschlechtsteile gegen ihren Willen.

Beobachtet haben sogenannte nicht körperliche sexualisierte Gewalt deutlich mehr als die Hälfte aller befragten Mädchen und Jungen. Es gibt aber auch dabei signifikante statistische Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So belasten Mädchen signifikant häufiger und intensiver nachträgliche Schilderungen wie auch das Miterleben von sexueller Belästigung und Gewalt als Zeugin. Opfer sowie Zeuginnen und Zeugen sexueller Delikte möchten mehr über Hilfsangebote erfahren. Ebenfalls wenig überraschend sind die in der Studie festgestellten Zusammenhänge von geringem Selbstbewusstsein, Depressionen, Konkurrenzfähigkeit, schulischen Erfolgen und Mobbing mit sexueller Belästigung und Gewalt. Die größte Tätergruppe sind Gleichaltrige, oftmals Mitschüler.

Hier ist tatsächlich ein gesellschaft­licher Fortschritt eingetreten, galten doch früher »Busengrapschen« oder »Hinterntatschen« als Komplimente – Schulmädchen sollten sich mal nicht so anstellen. Heutzutage wird dergleichen viel eher als Übergriff wahr- und ernstgenommen. Deutlich wird das, wenn man sich alte Coming-of-age-Filme wie »The Wanderers« anschaut, in denen die Jungs völlig selbstverständlich nachmittags »Tittengrapschen« spielen oder beim Strip-Poker die Mädchen betrügen und zum Sex drängen. All das würde mittlerweile keineswegs mehr als so normal dargestellt werden.