Der letzte linke Kleingärtner, Teil 23

Das Klagelied vom Wasser

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»Gemeinsam« klingt immer gut, nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Keine Rede aus der Problemgruppe der Parteipolitikerinnen- und politiker, weder sonntags noch werktags, in der diese Vokabel nicht rauf- und runtergenudelt würde. Da möchten wir Kleingärtner nicht abseitsstehen: »Gemeinsam« mit Bauern klagen wir wahlweise über zu viel oder zu wenig Wasser. Jedenfalls ist es nie die richtige Menge. Klagen verschafft Erleichterung im harten Alltag des Kleingärtners. Und im kalten Winter frieren uns die Leitungen und die Wassertanks zu, weil wir vor lauter Arbeit gar nicht dazu kommen, sie zu isolieren.

Zu viel Wasser führt selbst in oberen Ligen des modernen Profifußballs vereinzelt zu Spielausfällen oder -unterbrechungen. In den niedrigeren Klassen, deren Teams zum Teil noch auf Hartplätzen unterwegs sind, kommt das häufiger vor. Die Drainage schafft dann die Wassermassen nicht. Der berühmteste Kampf mit dem Wasser fand im WM-Halbfinale 1974 statt, in der legendären »Wasserschlacht von Frankfurt«. Der Platz stand unter Wasser und war unbespielbar. Polen hatte die deutlich bessere Mannschaft und wäre unter regulären Bedingungen gegen die Krauts aus Westdeutschland sicher als Sieger vom Platz gegangen. Der DFB machte seinem zukünftigen Image als Unsympath bereits damals alle Ehre und ließ seine Muskeln spielen und setzte mit seinem Einfluss durch, dass das Spiel trotz der Umstände stattfand. Gerd Müller erzielte irgendwie ein Tor, Polen keins. Der Rest ist Geschichte.

Die Milchbauern hingegen litten in jüngster Zeit unter der wochenlangen Trockenheit. Die Milchpreise erholten sich leicht, was jedoch nicht bedeutet, dass mit der Milchproduktion ein annehmbares Einkommen zu erzielen wäre. Der kleine Preisanstieg nützt manchen Milchbauern zudem nichts, weil ihnen wegen der Trockenheit nicht genügend Futter zur Verfügung steht. Bauern sind die natürlichen Verbündeten des Kleingärtners, wenn es um wetterbezogene Klagelieder geht.

Zurück zu meinem Kerngeschäft, dem Gemüsegarten. Zu viel Wasser ist auch nicht gut. Als Kleingärtner muss man nur die Ruhe bewahren: Pflanzen reagieren ja durchaus entspannt auf zu wenig Wasser. Das fällt in die Rubrik »Das geheime Seelenleben der Pflanzen«, worüber man recht voluminöse Texte und Bücher verfassen könnte. Denn was »geheim« ist, findet immer viele Leser und lockt auch minderbegabte Autoren aus der Kategorie »Verschwörungstheorie« auf den Plan. Aber als einfacher Kleingärtner ist mir das zu hoch. Ich muss mich an Fakten orientieren.

Pflanzen machen jedenfalls dicht, wenn der Boden trocken ist. Sie schalten auf Standby und verbrauchen wenig Wasser. Sie wachsen langsamer und schließen ihre Poren, damit weniger Wasser verdunstet. Ich spiele deshalb nicht den trotteligen Kleingärtner, der bei ausbleibendem Regen täglich mit 20 Gießkannen voll Wasser durch den Garten hechelt. Selbstverständlich würde mit so einem Aufwand in Zeiten saisonaler Trockenheit mehr wachsen und ich könnte noch mehr ernten. Doch wozu? Sobald es wieder regnet, starten die Pflänzchen ihren Motor, wachsen wieder ordentlich und das Kleingärtnerherz hüpft. Ich gieße nur sehr gezielt, etwa beim Einsetzen neuer Pflanzen, die ich entweder vorgezogen habe oder wegen zu dichtem Stand vereinzele. Ich gieße dann so lange, bis sie offensichtlich mit dem Wachstum begonnen und die Wurzeln einen stabilen Kontakt mit dem Erdreich gefunden haben. Wenn ich mehr Zucchini ernten will – was aber eher selten der Fall ist, da die eh wie verrückt wachsen –, gebe ich etwas Wasser dazu. Aber das sind Einzelfallentscheidungen, die ich bei meinen täglichen Kontrollgängen treffe. Ein richtiger Kleingärtner ist eben auch ein richtiger Kontrollfreak.

Ach ja, die Hühner: alles bestens. Die widerlichen, eierraubenden, schwarzen Krähen, von denen zuletzt an dieser Stelle die Rede war, sind besiegt, die Hühnereier im umgestellten Gehege sind mittlerweile außerhalb ihrer Reichweite. Wunderbar, ich bin schlauer als die Krähen. Was für ein Erfolgserlebnis. Zumindest diesen Kampf habe ich gewonnen und kann durchatmen.

Und was macht das Gemüse? Die Rote Beete wächst in diesem Jahr wie wild, Salat habe ich im Überfluss, die Zuckererbsenernte war trotz des ausbleibenden Regens im unteren grünen Bereich, die Kartoffeln haben definitiv Nachholbedarf, was aber abgesehen vom fehlenden Wasser daran liegt, dass ich sie sehr spät gelegt habe. Die Stangen- und Buschbohnen wachsen vorschriftsmäßig, die Kürbisse haben leichten Nachholbedarf, was aber kein Problem sein dürfte, der Grünkohl für den Winter ist seit vergangener Woche gepflanzt. Ja, richtig gelesen. Während naturentwöhnte Metropolenbewohner die Vokabel »Winter« für einige Zeit streichen, muss unsereiner nachhaltig (nachhaltig ist immer wichtig) für die Zukunft vorsorgen. Wir Kleingärtner kümmern uns schließlich um eure Ernährung.