Die Vorzüge der türkischen Comictradition

Vulgäre Abbilder der Wahrheit

Während viele Comiczeichnerinnen und -zeichner sich gemütlich einrichten, wird der Cartoon in der Türkei noch als politische Waffe genutzt.

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Ein Blick auf den deutschen Comicbuchmarkt mag anderes vermuten lassen, aber der Ursprung jeder humoristischen Zeichnung ist eine Kritzelei an der Toilettentür. Oder eine unter dem Schultisch angefertigte Karikatur des Mathelehrers. So zumindest entwickelten die meisten Cartoonisten, die ich kenne, in der Frühpubertät ihren aus Hilflosigkeit geborenen Humor. Die unmittel­bare Reaktion auf die freche Zeichnung, das Lachen der Mitschüler, war entscheidend und machte die Langeweile der nicht enden wollenden Schulstunden für einen Augenblick erträglicher. Gute Lehrer verstanden das und lachten gleich mit. Den Typus des mutigen und zeichnerisch begabten Schülers gibt es heute sicher auch noch; aber ich bezweifle, dass jemand aus der Generation der heutigen Comicproduzenten jemals am Ohr zum Rektor geführt wurde. Es sind die Streber, die den Comicmarkt dominieren. 200 Seiten einer Graphic Novel zeichnen sich schließlich nicht von selbst. Das dauert oft Jahre und ebenso lange müssen die Zeichner auf eine Reaktion der Leser warten.

Dieses Verhältnis beschreibt auch den Gegensatz zwischen deutschen und türkischen Comiczeichnern. Leider ist die türkische Comicszene in Deutschland bislang nahezu unbekannt. Kein deutscher Comicautor zeichnet derart krasse politische Cartoons, denn es fehlen ihnen sowohl die Wut als auch der Mut. Als ich 2006, inspiriert von türkischen Comics, die Jungle World-Beilage Mamba ins ­Leben rief, lud ich Berliner Comiczeichnerinnen und -zeichner in die Redaktionsräume der Zeitung ein: »Leute, wir veröffentlichen in der Jungle World, einer der letzten wirklich unabhängigen Zeitungen in Deutschland. Die ist nicht Teil irgendeines Konzerns. Also her mit euren unveröffentlichten Zeichnungen und Comics!« Für meine Aufforderung, die Leser zu provozieren, erntete ich allerdings nur leere Blicke: »Warum sollen wir denn provozieren? Und wen? Soll das so ein Punk-Ding sein?«
Tatsächlich hatte niemand irgendwas in der Schublade, das zu krass gewesen wäre, um es in anderen ­Zeitungen zu veröffentlichen. Keine schmutzigen Zeichnungen und nichts, was Eltern nicht auch zu Gesicht kriegen dürften. Niemand schien sich eingeengt zu fühlen, keiner wünschte sich mehr Freiheiten. Zensur? Gar nicht nötig.

Man hat es sich gemütlich eingerichtet hierzulande und vermutet hinter dem Vulgären nicht die Wahrheit, sondern die Niedertracht. Wenn Deutschland in eine Diktatur schlittern würde, sähe es um die ­Satire traurig aus. Die Zeichner haben sich schon selbst so gründlich zensiert, dass wir gar nicht mehr wissen, was provoziert.

Türkische Comiczeicher hingegen wissen genau, wo sie den Finger in die Wunde legen können. Als ich 2005 mit der Jungle World zum ersten Mal in Istanbul war, traf ich auch Metin Üstündağ, den Chefredakteur der ­leider unlängst eingestellten Comiczeitung Penguen. Deniz Yücel vermittelte damals das Interview und begleitete mich, um zu übersetzen, da Metin kein Englisch sprach. Metin beschrieb die Funktion von Penguen so: »Es ist eine Art sozialer Dienstleistung. Wir reden über die Dinge, über die in der Familie und der Schule nicht geredet wird.« In einer konservativen, islamisch geprägten Gesellschaft sind Tabus sicher einfacher zu finden, aber auch in Deutschland gibt es viele Dinge, über die nicht gesprochen wird – und gezeichnet werden sie auch nicht. Aber anstatt sie anzusteuern, weichen wir ihnen lieber aus. Mit Ausnahme von Zeichnern wie Ralf König, Fil, Ol und einigen anderen.

Beim ersten Blick in türkische Comiczeitungen überraschen neben den politischen vor allem die schroffen, vulgären Darstellungen und die enorme Textmenge in den Comics. Diese Mischung aus Politik und Sex gab es in Deutschland zuletzt in den Hausbesetzercomics der achtziger Jahre. Ein wichtiger Punkt für die Leser war damals die Glaubwürdigkeit der Zeichnerinnen und Zeichner. Du konntest schließlich kaum Comics über Bullen, Demos und Räumungen machen, wenn du das alles nicht selbst erlebt oder zumindest mit eigenen Augen gesehen hattest. Ebenfalls in den Achtzigern aber stellten Poptherotiker die Authentizität grundsätzlich in Frage. Heute traut sich jeder Nerd, ein T-Shirt von Motörhead zu tragen.
In türkischen Comics ist Authentizität immer noch alles. In einem langen Gespräch, das ich 2015 mit Ersin Karabulut im Rahmen des Comic-­Salons Erlangen führte, klagte er darüber, dass die türkischen Leserinnen und Leser seine Comics nicht auf die richtige Weise betrachteten. ­Niemand achte auf die Zeichnungen, den meisten gehe es immer nur um den Inhalt und die Frage, wo er politisch stehe und wie er Kritik formuliere. Karabulut erzählte mir von einer Situation auf dem Internationalen Comic-Festival im französischen ­Angoulême. Eine alte Frau habe damals vor seinen Arbeiten gestanden und sei mit den Augen ganz nah an die Bilder herangegangen, um die Details genauer betrachten zu können. Das habe ihn unheimlich berührt. Er wünsche sich, sein Zeichenstil würde mehr gewürdigt.

Tatsächlich werden Comics auf Ausstellungen selten gelesen, aber sehr genau inspiziert. Sachkundige Betrachter treten nicht vom Bild weg, um es zu erfassen, sondern nehmen es genau unter die Lupe. Karabuluts Comics sind extrem detailreich und in kleinem Format gezeichnet. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Er ist der gegenwärtig wahrscheinlich beste türkische Comiczeicher. Zwölf Jahre lang veröffentlichte er wöchentlich zwei Seiten seiner autobiographischen Serie »Sandık İçi«. Sein Protagonist: ein junger Mann mit gestreiftem T-Shirt, ein liebenswerter Loser. Um sich vom autobiographischen Erzählen und dem Klischee des sympathischen Typs zu lösen, veröffentlichte er 2015 das Buch »Cizgili Tisört«. In dem beinahe realistisch gezeichneten Comic verwandelt Karabulut sein Leben in das eines fiesen Zeichners, der von seiner Karriere besessen ist. Als er sich damals über die Rezeption seiner Comics in der Türkei beklagte, antwortete ich: »Sei doch froh. In Deutschland interessiert der Inhalt überhaupt nicht. Es heißt immer nur: voll schön gezeichnet!«

Selbstverständlich gibt es sehr viele Comics, die sich vor allem über den Inhalt erschließen. Das sind die, die es zu den Graphic-Novel-Verlagen schaffen. Dennoch ist ein großer Teil der deutschen Comiczeichnerinnen und -zeichner vor allem mit dem eigenen Zeichenstil beschäftigt. Und das muss auch so sein, denn den Stil verkaufen sie ja als Illustratoren, weil sie mit ihren art for art’s sake-Comics kein Geld verdienen.

Der türkische Comicmarkt hat seinen Platz nach wie vor am Zeitungskiosk. Die Zeitung Le Man gab es zur Hochzeit des Comiczeitungsbooms Mitte der Nullerjahre sogar an deutschen Kiosken. Leider setzte sich die bissige türkische Satire aber bei jugendlichen Deutschtürken nicht durch. Das Heft verschwand wieder. Aber auch in der Türkei sind die ­Zeitungsstapel kleiner geworden. Als ich 2004 in Istanbul war, sah ich Penguen-Stapel, die mir bis zur Hüfte gingen. Die Zensur und die sozialen Medien nehmen die Zeitungsformate von beiden Seiten in die Zange. Dauernde Prozesse zermürben. Digitale Medien sind schneller. Es sieht so aus, als wäre die Zeit, in der die türkische Zeitungscomicszene die krasseste Comicszene Europas war, zu Ende. Aber von Deutschland aus kann man immer noch mit Bewunderung in die Türkei schauen. Denn in Deutschland gab es außer »Fix & Foxi« nie ein einheimisches Comicheft, das populär und kommerziell genug gewesen wäre, um hohe Auflagen am Kiosk zu verkaufen.
Für die türkische Comicszene sieht es düster aus. Man kann nur hoffen, dass sich aus der Repression neue Formen entwickeln werden. Wie gesagt, der Ursprung jeder humorigen Zeichnung ist eine Kritzelei auf der Toilettentür. Und das Ende auch.

Auf den Dschungel-Seiten 18–23 sind aktuelle Karikaturen aus türkischen Zeitschriften zu finden. Sie sind dem Buch »Schluss mit lustig« von Sabine Küper-Büsch entnommen (Avant-Verlag, Berlin, 80 Seiten, 15 Euro. 2017)