Die US-Serie »Glow« hat einen feministischen Ansatz

Glückskeks zerstört irren Bomber

Die US-amerikanische Serie »Glow« erzählt die Geschichte des Frauenwrestling auf augenzwinkernde und feministische Weise.

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Aaah, die Achtziger: Die Frisuren waren nicht zu bändigen, das Neon grell und Bonnie Tyler hatte einen festen Platz in den Charts. In den USA schürte Ronald Reagan Panik vor der sowjetischen Weltherrschaft, ein Atomkrieg schien denkbar, die Aids-Krise raffte Tausende von ohnehin Stigmatisierten dahin – und wer es nicht schaffte, in der Arbeitswelt schrittzuhalten, landete schneller auf der Straße. Nancy Reagan rief ­unterdessen eine neue Antidrogenkampagne ins Leben.
Antikommunistische Trash-Blockbuster wie »Die rote Flut« oder die schlechteren Teile von »Rocky« dienten in den USA im gleichen Maße der Pflege nationaler Einheit wie sportliche Ereignisse. Im Wrestling wurden das Nation Building, die Pflege US-amerikanischer Werte, Feindbilder und Stereotype spielerisch inszeniert. In der Wrestlemania trafen vermeintlich gute auf böse Kämpfer trafen – faces auf heels –, was mehr mit einer Seifenoper als dem Ring­sport gemein hatte. Dort verteidigten All-American-Heroes wie Hulk ­Hogan oder Ricky »Steamboat« Gottes eigenes Land gegen Gestalten wie ­Nikolai Volkoff oder den Iron Sheik.

Der Kampf für die US-amerikanischen Werte wurde nicht nur den Männern überlassen. Unter dem Titel »Glow – Gorgeous Ladies of Wrestling« zogen Frauen mit klingenden Namen in die Schlacht: Americana und Hollywood gegen Colonel Ninotchka, allesamt in knappen Spandex-Anzügen. Die Wrestlerinnen wurden weniger als kompetente Sportlerinnen denn als eye candies vermarktet. Die Beziehungen zwischen den Athletinnen waren oftmals komplex, Kabale und Liebe im Wrestling so­zusagen, Fans mussten diesen Hintergrundgeschichten regelrecht nachspüren. Das setzte allerdings voraus, Vorurteile und Stereotype auszuhalten.

Auf der Suche nach den letzten verbliebenen Männern kämpft eine Schar schöner Frauen gegen die Herrschaft der lesbischen Matriarchin Kuntar. Eindeutig »zu komplex«, urteilt der Produzent.

Die Zeiten haben sich geändert, auf Netflix gibt es »Glow« – eine Comedy-Serie des Teams von »Orange is the New Black«, das eine augenzwinkernde und feministische ­Geschichte des Frauenwrestling erzählt. Ruth Wilder (Alison Brie, ­bekannt aus »Commu­nity« und »Bojack Horseman«), Mitte 20, ist als Schauspielerin so ambi­tioniert wie erfolglos, hat keine 100 Dollar auf dem Konto und schläft mit dem Mann ihrer besten Freundin. Kein Wunder also, dass es mit ihrem Selbstwertgefühl nicht weit her ist. Das einzige Vorsprechen, das ihr ­angeboten wird, führt sie in eine heruntergekommene Sporthalle mit Boxring in der Mitte, wo ihr Sam Sylvia, ein abgehalfterte Exploitation-Regisseur, sein koksbefeuertes Erfolgskonzept ins Gesicht schreit: »Wrestling! Nur mit scharfen Miezen in knappen Höschen!«

Auch Sylvia, gespielt von Stand-up-Comedian Marc Maron, hat schon bessere Tage gesehen. Das Verhältnis zu seiner Exfrau ist so zerrüttet, dass er ihr die Lüge auftischt, der gemeinsame Hund sei gestorben, und der Ruhm seiner Filme (»Von denen zwei an der Universität gelehrt werden, verdammt noch mal!«) »Blood Disco« oder »Gina the Machina« gehöre der Vergangenheit an. Mit »Gorgeous Ladies of Wrestling« versucht er, Geld für seinen Traumfilm einzustreichen. Zur Seite stehen ihm dabei die Rollenanwärterinnen und der Produzent Sebastian »Bash« Howard, auf dessen Partys ein Roboter Drinks, Zigaretten und Koks serviert, plant Sylvia.

Doch der Weg zum Erfolg ist steinig. Sylvias postapokalyptische Story: Auf der Suche nach den letzten verbliebenen Männern kämpft eine Schar schöner Frauen gegen die Herrschaft der lesbischen Matriarchin Kuntar. Eindeutig »zu komplex«, urteilt der Produzent und lehnt ab. ­Zudem fehlt ihm ein Star, das face von »Glow«.

Auftritt Debbie Eagan (Betty Gilpin), beste Freundin von Ruth; zumindest bis gerade eben noch, denn mittlerweile hat sie von Ruths Techtelmechtel mit ihrem Ehemann erfahren. Kurzerhand verlässt sie das unbefriedigende Leben als ehemaliges Seifen­opern­sternchen, das Karriere gegen Kind und Küche eingetauscht hat, begibt sich in den Ring und verpasst Ruth in einem emotionsgeladenen Showdown die Tracht Prügel ihres Lebens. Sie wird zur neuen Protagonistin von »Glow« und kurzerhand ins Ensemble aufgenommen, was dem ohnehin schon komplexen ­Beziehungsgefüge der Frauen untereinander eine weitere, sehr unangenehme Komponente verleiht.

Die übersichtliche Konstruktion der Welt im Wrestling wird in einer wunderbaren Szene parodiert, als Sam und Bash den Schauspielerinnen ihre Wrestling-Persönlichkeiten aussuchen. Das Publikum, so Bash, wolle schließlich nicht überfordert werden. Es will sehen, was es kennt: Die Werte der »US of A«, die verdammt nochmal verteidigt werden müssen – von attraktiven Frauen in hautengen Klamotten. Eine indischstämmige Amerikanerin bekommt die Rolle von »Beirut the Mad Bomber« aufgedrückt, eine Kambodschanerin schwingt als »Fortune Cookie« ein Katana. Ruth hingegen provoziert als sowjetische Generalin »Zoya the Destroya« das Publikum, bevor sie auf ihren Platz verwiesen wird. Und zwar von der großen, blonden Debbie, die sich unter dem Namen »Liberty Bell« das Star-Spangled Banner umwirft und, so sieht es das Skript vor, als Heldin aus den Kämpfen ­hervorgehen wird.

Zum Ensemble zählen unter anderem auch eine junger Punkerin, die ein großer Fan Sams früher Filme ist und ihm nun Ausverkauf vorwirft, die Tochter eines bekannten Wrestlers, die sich gegen die traditio­nellen Vorstellungen ihres Vaters in Hinblick auf Frauen im Ring durchsetzt, sowie die hübsche, wenn auch nicht allzu helle »Britannica« (dar­gestellt von der Musikerin Kate Nash). Alle Charaktere haben ein gut aus­gearbeitetes Profil und kämpfen nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen ihre eigenen Komplexe. Selbst der sexistische Kokser Sam wird der Zuschauerin trotz – oder gerade ­wegen – seines Selbsthasses und seiner Verzweiflung noch sympathisch, wenn er bei all seinem Zynismus doch feststellen muss, wie sehr ihm seine Wrestlerinnen am Herzen liegen. Nicht als Sexobjekte, sondern als Freundinnen und Protegés. Nicht jede Figur entwickelt sich zu ihrem Besten. Aber sie alle versuchen es, scheitern des Öfteren und geben aus Solidarität und Freundschaft trotzdem nicht auf.

Die Serie schwankt zwischen Parodie, Hommage, Komödie und Drama und begegnet so auf eine ebenso kluge wie einfache Weise dem male gaze, der dem Frauen-Wrestling von vorneherein eingeschrieben ist. Sieht man die Protagonistinnen in ihrem alltäglichen Leben, sei es unter der Dusche, beim Sex oder im Ring, werden sie als Subjekte dargestellt. Als Sam Sylvia Ruth und Debbie gegeneinander kämpfen sieht, erlebt der Zuschauer das Match aus dessen Perspektive: sexualisierte Posen, die Kamera fokussiert auf Hintern und Brüste, man erwartet, dass die Kontrahentinnen sich jeden Moment die Kleidung vom Leib reißen, wie in den »Bra and Panties«-Matches. Die Erwartungen des Publikums werden dank geschickter Spannungsbögen geschürt, die plot twists sind raffiniert und der Soundtrack besteht aus einigen der allerheißesten, aber nicht ausnahmslos abgenudelten Rockhits der Achtziger: Dream Academy, The Go-Gos, Pat ­Benatar etc. Und während man auf die zweite Staffel von »Glow« wartet, kann man seinen Träumen von einem Partyroboter nachhängen, der einem alle Wünsche erfüllt. In den Achtzigern hat es ihn ja offenbar ­gegeben.