Eine Kritik des Traums vom Ökokapitalismus

Grüner Kitsch

Eine Kritik von »guerilla gardening«, »vertical farming« und ähnlichen Konzepten und deren Traum vom Ökokapitalismus.

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Vermummte Gestalten schleichen durch die Nacht. Feuchte Erde wird aufgerissen, hastige Handgriffe versenken Wurzelballen. Am nächsten Morgen stehen vor einem Arbeitsamt ein paar Sonnenblumen oder Tagetes. Die Presse ist meist amüsiert, zu Scherzen auf­gelegte Kleinbürger applaudieren. Dies ist nur ein Beispiel für Ökokitsch, das zeitgemäße Gegenstück zur Naturfeindschaft. Beides sind Varianten bürgerlicher Ideologie über die Natur.

Urban Gardening
Innerstädtischer Gartenbau war zunächst eine Produktionsweise, die historisch aus dem Problem entstanden ist, größer werdende Städte mit Nahrung aus dem Umland zu versorgen. Durch die Fortschritte von Logistik, Konservierung und Kühlung waren Menschen in industrialisierten Ländern nur noch in Kriegs- und Krisenzeiten gezwungen, jeden brachliegenden Fleck Land in ­einen kleinen Garten zu verwandeln. In vielen Gegenden des globalen Südens werden städtische Gärten meist durch freilaufende Ziegen, Kühe, Schweine und Hühner sabotiert.

Die Ideologisierung der Kleingärten begann schon im 19. Jahrhundert mit dem Leipziger Arzt Moritz Schreber, der die an Rachitis und Luftnot leidende Stadtjugend mit »Armen- und Specialgärten« in die Natur bringen und ihr durch Arbeit die Masturbation austreiben wollte. Mehr als 100 Jahre später hofften die Ökobewegung und Anhänger der Permakultur auf Autonomie durch Selbstversorgung, was allerdings nicht zuletzt mit der zwangsneurotisch hygienischen Vorgartenkultur der USA kollidierte.

Linke Sozialwissenschaften übersteigerten diesen realen Konflikt zweier Konzepte der Grünflächennutzung und erwarteten vom urban gardening ein anarchisches Gegenmodell zum Kapitalismus. Statt globaler Aneignung der Produktionsmittel und rationaler Organisation der Agroindustrie sollte Abkapselung der einmal reich gewordenen Städte den Warentausch in die Schranken weisen. Gerade dort, wo man Kohlrabi wirklich aus ärmeren Ländern ankaufen könnte, soll man sie selbst anbauen. Was in einer freien Gesellschaft rational wäre – ökologische Produktionsweise, Rückbau von überdimensionierter Industrie –, ist aber in der falschen noch lange keine Lösung von Widersprüchen. Die Selbstversorgung aus Armut oder das gehobene Hobby, das Kleingärtnerei in Deutschland bleibt, zu revolutionären Akten zu verbrämen, kaschiert das Unvermögen, sich der entfalteten Warenproduktion zu bemächtigen. Solange das ausbleibt, sind ökologische Umwälzungen der Produktion an bürgerliche Ideologien gekettet: Sie stützen den Ewigkeitsanspruch des Kapitalismus. Rational und wünschenswert ist das Hinauszögern von Rohstoffkrisen und ökologischem Kollaps, nur bleibt dieses Versprechen uneingelöst.

Vertical Farming
Ein weiteres Beispiel dafür ist das vertical farming. In Hochhäusern soll unter Kunstlicht etagenweise Gemüse und Fisch für den urbanen Bedarf produziert werden. Damit sich die urbane Immobilie, die durch Feuchtigkeit und Wärme strapazierte Bausubstanz und die Ausgaben für Licht, Dünger und Ersatzerde wirklich lohnen, müsste all das billiger werden als Ackerland oder die zum Transport benötigte Energie. Weil das unvorstellbar ist, stellen vorerst nur Dachgewächshäuser einen akzeptablen Kompromiss her. Eine Veränderung der gesamten Produktionsweise versprechen auch sie nicht.

Forest Cities
Weniger auf Produktion als auf Ästhetik ist die »grüne Stadt« ausgerichtet. In China soll bis 2020 Liuzhou Forest City entstehen: eine Million Pflanzen aus immerhin 100 Arten sollen auf Gebäuden wachsen, verspricht die Werbung, davon 40 000 Bäume. Mit solchen Prestigeobjekten bewirbt die warenproduzierende Gesellschaft eine punktuelle, symbolische und architektonische Versöhnung mit der Natur. Für den Werbecharakter des schönen Scheins nimmt man die ökonomische Irrationalität des Projektes in Kauf. Wer im Sommer Tomatenpflanzen auf Balkonen und Dachgärten vor dem Verdorren bewahrt hat, ahnt, wie viel Wasser und Pumpleistung nötig sein könnten, um ausgewachsene Bäume zu versorgen. Das Wurzelwerk verkümmert oder sprengt Betonschalen und Abdichtungen, herabfallendes Laub wird Straßen in glitschige Rutschbahnen verwandeln. Hinzu kommen Pollen, die die Staubbelastung erheblich steigern können. Ein Sturm kann in einer solchen Stadt aus 50 oder mehr Metern Höhe herabstürzende Bäume, Äste und Samen (Nüsse, Zapfen, Eicheln) mit sich bringen. Den Artenschwund in den Primärhabitaten werden solche teuer begrünten Städte kaum aufhalten, die Folgekosten für Baumpflege und Reinigung sind unwägbar.

Ökologisch und rational bleiben vorerst nur extensive Dachbegrünungen. Was die »Filterwirkung« angeht, hat es mehr Wert, einen Motorroller aus dem Verkehr zu ziehen, als einen Baum zu pflanzen. Vor allem Rauchgasentschwefelung, Dieselrußfilter und Katalysa­toren haben die Luft in europäischen Städten wieder sauberer gemacht, Bäume spielten dabei eine geringe Rolle.

Aus dem gleichen Grund sind auch technische Luftfilter, die in sozialen Netzen gepriesen werden, reines Marketing. Die Illusion der einfach zu habenden Versöhnung von Natur und Industriegesellschaft entsteht aus Unwissen über Ökologie und deren Komplexität ebenso wie aus einer Selbsttäuschung über den Kapitalismus: Auch die grünste Stadt gewinnt einen Großteil ihrer Ressourcen durch Raubbau in der Peripherie.

Guerilla Gardening
Von rationalen Konzepten vollständig verabschiedet haben sich die Gartenguerilleros. Ursprünglich ging es um die Verspottung des Hanfverbots durch das Ausbringen von Hanfpflanzen im öffentlichen Raum. Heute will die Guerilla-Gartenbewegung chaotische Ästhetik, eine »schönere« Stadt. Es ist eine konformistische Revolte. Zeichen dessen sind seedbombs, »Samenbomben«, in Erde gewälzte Samenmischungen, die man selbst machen oder kaufen kann, unter anderem bei Amazon oder im »Guerilla-Paket«, etwa von seedbomb.city. In der Werbung wird die Samenbombe von Vermummten im Autonomen-Look mit der Schleuder abgefeuert oder wie ein Molotow-Cocktail geworfen. Eine interessante Form der Triebabfuhr, aber aus ökologischer Sicht kompletter Unsinn.

Auf einer Rasenfläche werden die ausgesäten Blumen vor der Blüte abgemäht. Auf einer Wiese haben sie auch keine Chance. Es ist nämlich nicht so, dass wirklich seltene Pflanzen aus Mangel an Samen aussterben würden. Das Gros der Arten lebt auf nährstoff­armen Flächen: Sümpfen, Mooren, Trockenrasen. Hier haben sie wenig Konkurrenz durch stark zehrende und daher rasch wachsende Monopolisten wie Brennnesseln oder Löwenzahn. Evolu­tionsgeschichtlich spezialisierten sich seltene Pflanzen auf rutschende Steilhänge, Biberwiesen, Binnendünen, Waldbrandflächen und Geschiebehalden der Flüsse. Nach der Zähmung der Flüsse wichen sie auf »Sekundärbiotope« aus: durch Überweidung verkarstete Weiden und Heiden. Diese kargen Flächen werden rapide weniger, weil Stickstoff aus der Luft und von angrenzenden Äckern eingetragen wird und für Agrosprit jeder Quadratmeter intensiv bewirtschaftet und gedüngt werden muss. Während man in den Tropen Wälder schützen und pflanzen muss, werden dagegen in der naturschutzfachlichen Praxis in Mitteleuropa Bäume und Büsche zu Gegnern, die Flächen werden von Landschaftspflegern, Schafen und Ziegen, sogar Panzern und kontrollierten Bränden »entbuscht«.

Die offengehaltenen Wiesen werden durch das Entfernen des Mahd­gutes »abgemagert«. Nur dann kommen Flockenblume, Esparsette, Küchenschelle und Bienenragwurz zurück. In einigen ostdeutschen Städten wird mit Schutthalden aus rückgebauter Platte versucht, diese Biotope zu simulieren. Auch vermeintlich unansehnliche Baustellen werden durch ein paar Wildblumensamen nicht wertvoller. Eidechsen und Wildbienen legen ihre Nester im Sand an, Gelbbauchunken benötigen Schlammpfützen. Solche Biotope sind für an sie angepasste Arten interessant, gerade weil die Konkurrenz dort noch nicht auftaucht. Nur oberflächlich betrachtet erscheinen sie karger und hässlicher als eine bunte Blumenwiese. Und zwangsläufig tragen der Wind, Vögel und Kleinsäuger Samen ein, bald keimen Huflattich und Mohn, dann kommen Brombeeren und Weiden, schließlich Buchen.

Für die Artenvielfalt ist das künstliche Ausbringen von Pflanzen kontraproduktiv. Samenbomben sind Endpunkt und Resultat eines desinformierten Naturverständnisses.