Homestory #30

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Ständig regnet es und dauernd wird deshalb über das Wetter gesprochen. Regenschirme werden ausgeliehen, Wetter-Apps danach befragt, ob sich die Riesenwolke über Kreuzberg pünktlich zum ­Redaktionsschluss entlädt, und dauernd kriegt man von Freunden Regenwitze zugeschickt.

Sehr hübsch ist zum Beispiel eine Bildmontage mit einem missmutig aus dem Fenster blickenden wettersensiblen Mops in einer viel zu großen Goretex-Jacke: »Sieht nach Regen aus, ich glaub, ich piesel einfach hinters Sofa.«
Das Wo-ich-gerade-war-als-gestern-der-große-Regen-kam-Gespräch ist mittlerweile ein Klassiker unter Kollegen und Kolleginnen. Eingeleitet werden die Unterhaltungen mit der besonders gern an radfahrende Kollegen gerichteten Frage: »Bist du eigentlich gestern noch trocken nach Hause gekommen?« Detailliert wird dann berichtet, wie man nur mit Shorts bekleidet eine Stunde in einem Hauseingang in Neukölln herumstand, sich Sorgen um sein nicht wasserdichtes Handy machen musste und dann nicht mal zu Hause anrufen konnte.

Dabei war das Thema Wetter lange tabu. Sich darüber zu unterhalten, galt in deutschen Akademikerkreisen als ausgesprochen spießig und hinterwäldlerisch. Regengespräche führten nur Hausfrauen, Landwirte, Bauarbeiter und all die anderen Leuten da draußen, die sich von Nässe, Kälte und Hitze irgendwie beeindrucken ließen. Anders die Briten, für die das Wettergespräch schon immer eine Kunst war und ein Zeichen freundlicher Kommunikations­bereitschaft und Empathie.

Vielleicht haben die gebildeten Stände in Deutschland das legendäre, hintersinnige SDS-Plakat von Jürgen Holtfreter und Ulrich Bernhardt mit der Aufschrift »Alle reden übers Wetter, wir nicht« einfach zu wörtlich genommen und damit komplett missverstanden. Aber, wie es so schön heißt: Schnee von gestern. Seit der Sommer in Berlin und Hamburg hauptsächlich aus monsunartigen Regenfällen mit Überschwemmungen, Flusslandschaften in der City und Niagarafällen auf U-Bahntreppen besteht, gilt, was Wolf Haas in seinem Roman »Das Wetter vor 15 Jahren« schreibt: »Kein Mensch ist auf Dauer so interessant wie das Wetter.« Eher was für Freunde des robusteren Humors ist dagegen der hier: »Mistwetter, ich dachte schon, ich hab Sonnenbrand, aber das ist Rost.«