Trotz territorialer Verluste wird der »Islamische Staat« weiterexistieren

Mythos mit Zukunft

Trotz territorialer Verluste wird der »Islamische Staat« weiter existieren, solange der Nahe Osten sich nicht grundlegend stabilisiert. Die Faszination des IS, vor allem für junge Menschen auch im Westen, hat allerdings weniger mit macht- und geo­politischen Fragen zu tun.

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Auch wenn die Jihadisten Mossul verloren haben und ihre Vertreibung in der zweiten »Hauptstadt des Kalifats«, Raqqa, absehbar ist – in den Medien sind so präsent wie eh und je. Interpol, so berichtete jüngst der Guardian, habe eine Liste mit 173 Kämpfern veröffentlicht, die möglicherweise speziell für Selbstmordattentate in Europa ausgebildet worden seien. Kurz darauf kam die Meldung, dass eine 16jährige aus Pulsnitz in Sachsen, die vermutlich im Internet mit den Jihadisten Kontakt aufgenommen und sich 2016 auf den Weg in den Nahen Osten gemacht hatte, in Mossul gefangen genommen worden sei.
Es sind solche Meldungen, die neben der Flut unerträglicher, brutalste Gewalttaten zeigender Videos seit dem Sommer 2014 das Phänomen des ­»Islamischen Staats« (IS) ausgemacht haben. Dabei gibt es zwei Ebenen, zwischen denen in der Regel nicht klar unterschieden wurde: Da ist einerseits das real existierende Herrschaftsgebiet des IS im Irak und Syrien, andererseits das Kalifat in den Köpfen, nicht zuletzt im Westen. Ersteres existiert im Kontext der diversen Konflikte des Nahen Ostens, es ist eine politische und mili­tärische Angelegenheit. Letzteres dient der Propagandapro­duktion zur Angst­erzeugung, wobei die Grenze zwischen realistischer Be­drohung und Albtraum verschwimmt.
Da setzen sich Teenager aus der sächsischen Provinz oder Wiener Vorstädten zu den blutrünstigen Gotteskriegern ab, ein afghanischer Jugendlicher besteigt mit einer Axt einen ­bayerischen Regionalzug und ein tunesischer Dealer rast mit einem LKW über einen Weihnachtsmarkt – das ist tatsächlich der Stoff, aus dem sich ­Horrorfilme speisen. Wobei die eher selten beachteten Zahlen aus dem tatsächlichen Kalifatsland noch weit mehr schockieren – denn was sind schon 173 potentielle weitere Selbstmordattentäter gegenüber den 1 800 Selbstmordattentaten, die sich der IS bisher selbst zugute hält? In Syrien und dem Irak haben es die Kalifatskämpfer 2015 und 2016 zeitweise auf 80 bis 100 solcher Attentate im Monat gebracht. Insgesamt könnte das »Kalifat« bisher für 200 000 Tote verantwortlich sein. Es ist ein sehr realer Albtraum – und ein Mythos, der bleiben wird.
Bei der Bewertung, um was genau es sich bei dem Phänomen Kalifat handelt, kommt man zu ganz unterschiedlichen Antworten, je nachdem welcher Aspekt des Gesamtphänomens im Fokus steht. Blättert man sich etwa durch »ISIS. Inside the Army of Terror« von Michael Weiss und Hassan Hassan, dem wohl detailreichsten Buch über das Herrschaftsgebiet des IS – das bereits in zahlreichen Sprachen übersetzt worden ist, aber interessanterweise nicht ins Deutsche –, dann lernt man viel über Stammespolitik in der ostsyrischen Wüste oder die Förderung des Jihadismus durch Bashar al-Assads Geheimdienste. Es ist ein zwar komplexes, aber keineswegs geheimnisvolles Bild nahöstlicher Zustände, das hier gezeichnet wird. Es geht um Machtpolitik. Diese Perspektive geht letztlich von der Frage aus, ob es gelingen wird, die sunnitische Bevölkerung im Irak und Syrien politisch zu integrieren. Neben den in der Region sowieso grundlegenden Fragen nach der Zukunftsfähigkeit der herrschenden Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen steht diesem Vorhaben das imperiale iranisch-schiitische Vormachtstreben gegenüber. Die regionale Anziehungskraft des IS speist sich aus dem Antagonismus zu den Schiiten, der keineswegs nur religiös, sondern eben auch politisch, ökonomisch, ethnisch oder nationalistisch bestimmt werden kann. Solange für die sunnitischen Gebiete jenseits von Vertreibungen keine Lösung gefunden worden ist, wird der Kalifatsstaat, der sich ja vor Ort als Repräsentant der Sunniten verkauft, in irgendeiner Form weiterexistieren. Der mittlerweile getötete IS-Propagandachef Abu Muhammad al-Adnani hat dem perspektivisch absehbaren territorialen Machtverlust des IS bereits 2016 mit einer Rede vorgebaut, indem er auf die Geschichte der Organisation verwies, die ja bereits einmal, in den Jahren um 2010, geschlagen und in die irakische Wüste verdrängt worden war. Die Niederlage ist so bereits als Beginn eines neues Kapitels im ewigen Kampf gegen den Feind interpretiert. Eine wahre Niederlage, so al-Adnani, sei erst der Verlust des Willens zum Kampf.
Das »Kalifat«, so wird man das etwas unheroischer übersetzen können, wird eine weitere Metamorphose durchlaufen. »Besiegen« in einem klassischen militärischen Sinn kann man die Gruppierung wohl gar nicht. Jedenfalls nicht, solange die Probleme des Nahen Ostens nicht einmal annähernd gelöst sind.
Blickt man aber auf das Phänomen des IS unter dem Gesichtspunkt des globalen Jihad und der Fragen, die sich daraus für die europäischen Gesellschaften ergeben, stellt sich die Sache ganz anders dar. Hier ist Olivier Roys gerade erschienene Studie »Jihad and Death. The Global Appeal of Islamic State« mit ihrer These von der »Islamisierung von Radikalität« sehr aussagekräftig. Roy interpretiert den IS als Phänomen der Jugendkultur, des Generationenkonflikts und einer radikalen nihilistischen Weltsicht, zu deren Verständnis man weniger auf Vergleiche mit anderen islamischen Bewegungen als auf den westeuropäischen Terrorismus der siebziger Jahre, die chinesische Kulturrevolution oder die Schulmassaker seit Columbine zurückgreifen sollte.

Diese Interpretation hat zu einer scharfen Kontroverse mit dem Islamforscher Gilles Kepel geführt und Roy den Vorwurf eingebracht, die Rolle des Islam zu verharmlosen. Sie hat aber als pointierte These viel Erklärungskraft – wenn man eben den Blick auf die globale Ebene des Jihadismus richtet, der ein perfektes Produkt der Globalisierung ist.

Den Weg einer 16jährigen sächsischen Schülerin nach Mossul wird man so eher erklären können als mit Verweisen auf die historische Entwicklung des Salafismus. Ein passendes Beispiel für Roys Thesen bietet der junge Australier Jake Bilardi, der vor allem wegen seines fast noch kindlichen Aussehens als Gotteskrieger kurz für viel Aufmerksamkeit sorgte. Bilardi, der sich schließlich an einem irakischen Checkpoint in die Luft sprengte, kam aus einem wohlhabenden Vorort von Sydney und beschrieb in einem Blogpost seine Motivation, ins »Kalifat« zu gehen: Von der angeblichen Oberflächlichkeit der westlichen Kultur bis zum Hass »auf das System, auf dem Australien und der Großteil der Welt beruht«. Hier wird plausibel, dass sich Bilardi zu anderen Zeiten vermutlich nicht auf eine imaginäre islamische Weltgemeinde, sondern wohl eher auf das Proletariat oder was auch immer berufen hätte.

Aber ein Problem bleibt: Die Jihadisten des Kalifats haben erst nach ihrem Siegeszug 2014/15, im Grunde ­sogar erst nach ihrer ersten verlorenen Schlacht mit Symbolchrakter, der um das kurdische Kobanê, auf den Terror im Westen gesetzt. Doch das ist ein ganz anderes Schlachtfeld als der Nahe Osten – was sich auch in der Betrachtungsweise von Roy niederschlägt, wenn hier stellenweise der Eindruck entsteht, das »Kalifat« sei eine ideologische Schimäre in den Köpfen verwirrter westlicher Jugendlicher. Ungeklärt bleibt dabei, woher letztlich der Kitt kommt, der Jugendliche aus westlichen Kulturen, ob mit oder ohne »Migrationshintergrund«, gleichermaßen wie Gleichaltrige aus dem Nahen Osten, die unter ganz anderen Umständen aufgewachsen sind, dazu bringt, sich irgendwo an einem namenlosen Checkpoint an einer staubigen Straße freiwillig in die Luft zu sprengen.

Viel seiner Faszination, das sollte mittlerweile klar sein, hat das »Kalifat« jedenfalls den dunklen Seiten 20. Jahrhunderts zu verdanken. Es ist eine Bewegung, die keine staatlichen Grenzen und überhaupt keine Begrenzungen anerkennen kann, es ist dynamisch, ­jugendorientiert und verherrlicht den Tod. Es propagiert Gemeinschaft und definiert gleichzeitig Untermenschen, die man umbringen und versklaven muss.

Den Westen und alle Liberalität hasst man aus vollem Herzen. Und an eine Art Götterdämmerung glaubt man auch. Ja, man kennt das alles. Das »Kalifat« als Mythos wird uns erhalten bleiben, diese Idee ist nun einmal in der Welt.