Endlich Ferien, aber noch keine Entspannung

Würstchen und geballte Wertschätzung

Klassenkampf Von Liselotte Kreuz
Anzeige

KKMein linkes Augenlid zuckt, seit ich Sommerferien habe. Wahrscheinlich will mein Körper mir auf diese Weise etwas mitteilen. Nur was? Ich denke viel da­rüber nach – schon allein deswegen, weil ich Sorge habe, dass er, mein Körper, das Gefühl bekommen könnte, deutlicher werden zu müssen, wenn ich auf subtile Hinweise nicht reagiere –, aber bislang komme ich zu keinem Ergebnis. Magnesiummangel kann es nicht sein, ich esse Magnesium, als würden Preise dafür verteilt, und gemessen an meinem Schlafpensum zu Schulzeiten schlafe ich geradezu unvernünftig viel. Und mein Körper kann mir ja sicherlich nicht zu sagen versuchen, dass ich zurück in die Schule soll. Zurück zu all den in einem Backsteingebäude zusammengepferchten herumschreienden Wahnsinnigen. Zurück zu diesen ganzen Menschen, die aufgrund ihrer emotionalen Unreife auf die allgegenwärtige Überforderung nur mit schlechter Laune und sehr ungesunden Verhaltensweisen zu reagieren wissen. Und zurück zu den Jugendlichen natürlich, die sind halt auch anstrengend. Andererseits endet das Schuljahr an meiner Schule immer so harmonisch, möglicherweise ließ sich mein Körper, der ja, das muss man einräumen, weniger intelligent ist als mein Geist, von Grillgut, Bier und Blumensträußen täuschen und will nun zurück, in der Erwartung von immer noch mehr Grillgut, Bier und Blumensträußen. Meine Schulleitung hat, so stelle ich mir das jedenfalls vor, in einem Schulleitungsoptimierungsseminar mal gelernt, dass man die Arbeit von Untergebenen wertschätzen soll, weil sie dann besser arbeiten und weniger rumnörgeln. Nun ist aber im Schulalltag niemals Zeit für solchen Unsinn wie Schulterklopfen, hoch­gereckte Daumen und Freundlichkeit, weswegen meine pragmatisch denkende Schulleitung beschloss, das alles am Schuljahresende gebündelt in ein bis zwei Stunden abzuhaken. Und das macht sie jetzt halt auch. Kaum dass die Jugendlichen die Schule verlassen haben, werden wir in Grund und Boden wertgeschätzt – Widerstand ist zwecklos und wird als Querulantentum gewertet. Lehrerschultern werden geklopft, bis sie schmerzen, beide Daumen hoch und höher in den Himmel gereckt und Blumensträuße verteilt, bis der Arzt kommt. Wer aus dieser Ver­anstaltung mit weniger als zwei Sträußen hervorgeht, sollte sich ernsthafte Gedanken machen. Einer der Sozialpädagogen hat es dieses Jahr auf ganze fünf Sträuße gebracht, das ist Leistung, die sich wieder lohnt. Falls mein Körper sich von dieser Veranstaltung hat blenden lassen, dürften ihn allerdings eher das Bier und die Würstchen überzeugt haben, er ist kein großer Ästhet, mein Körper, Blumen sind ihm meistens egal. Aber mein Geist wird das Schlimmste verhindern, mein Geist veranlasst jetzt gleich den Kauf jeder Menge Bier und Würstchen, damit der Körper dann schön still ist und endlich mal Ferien macht.