Der Salafist Sven Lau ist zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden

Abu Adam und die Dämonen

Der salafistische Prediger Sven Lau wurde vergangene Woche in Düsseldorf zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. Seit seiner Inhaftierung im Dezember 2015 hat sich die nordrhein-westfälische Islamistenszene gewandelt.

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Vor drei Jahren zierte Lau als »Staatsfeind Nr. 1« die Titelseite des Magazins Focus. Kurz zuvor war er mit einigen Anhängern als uniformierte »Scharia-Polizei« durch Wuppertal und ohne Uniformen als »Pro-Halal-Team« durch Düsseldorf patrouilliert. Lau und seine Gefährten wollten Propaganda für eine shariakonforme Lebensführung machen, Jugendliche von Glücksspiel, Alkoholkonsum sowie Discobesuchen abhalten und sie in ihre Wuppertaler Hinterhofmoschee einladen. Damals ­äußerte sich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Aktion der Salafisten. Sie forderte ein »hartes Vorgehen« und betonte, dass sich niemand in die Rolle der Polizei hineinschleichen dürfe. An die Schlagzeilen von damals dürfte sich Lau auch heutzutage noch gerne erinnern. So viel Aufmerksamkeit ­hatten deutsche Islamisten zuvor selten bekommen.

Nun dürfte Lau für längere Zeit zum letzten Mal für Schlagzeilen gesorgt haben. Fast ein Jahr hatte der Prozess gegen den 36jährigen vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf gedauert. Angeklagt war er wegen der Unterstützung der in Deutschland als ausländische terroristische Vereinigung ein­gestuften salafistisch-jihadistischen Miliz »Jaish al-muhajirin wal-ansar« (Jamwa) im syrischen Bürgerkrieg im Jahr 2013. Lau soll bei der Schleusung von zwei deutschen Jihadisten nach Syrien geholfen haben. Außerdem soll er Jamwa mit 250 Euro und drei militärischen Nachtsichtgeräten unterstützt haben. Im Prozess gegen Lau stützte sich die Bundesanwaltschaft auf die Aus­sagen der beiden Männer, die von Lau nach Syrien geschleust worden waren, aber auch auf sogenannte Sachbeweise wie abgehörte Telefonate und mitge­lesene SMS und E-Mails.

Fast ein Jahr dauerte der Prozess gegen Sven Lau vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf.

Was Lau in privaten Gesprächen den Beweismitteln zufolge sagte, ist brisant. Von »Drecksschiiten«, die »endlich geköpft« werden müssten, ist da die Rede sowie von islamistischen Kämpfern, die »ein Vorbild« für alle seien. Er soll auch erwogen haben, selbst dauerhaft auszureisen. Seine jungen Unterstützer nahmen es mit Bewunderung zur Kenntnis. Laus Bekenntnisse zu den jihadistischen Milizen, Fotos von ihm aus Syrien, die ihn grinsend mit automatischen Waffen zeigen – all dies machte großen Eindruck in der salafistischen Szene in Deutschland. Das ­betonte auch der Vorsitzende Richter Frank Schreiber in seiner über zweistündigen Urteilsbegründung. Lau sei eine zentrale Figur in islamistischen Netzwerken gewesen und habe eine Vorbildfunktion gehabt. In der Urteilsbegründung sprach Schreiber den Angeklagten auch direkt an. Er müsse sich über die »Dämonen, die er gerufen hat«, bewusst werden und »Verantwortung übernehmen«, so der Richter.

Für Lau und seinen Anwalt Mutlu Günal, der schon öfter terrorverdächtige Islamisten verteidigte, handelte es sich nicht um ein faires Verfahren. Günal sprach in seinem Plädoyer von einem »staatlichen Rachefeldzug« gegen ­seinen Mandanten. Als Drahtzieher machte der Verteidiger zwei Beamte des Mönchengladbacher Staatsschutzes aus. Beide seien von Wut auf Lau getrieben. Der Vorsitzende Richter Schreiber verwies diese Behauptung ins Reich der Legenden. Die beiden Staatsschützer seien an vielen Aspekten des Verfahrens, die im Prozess gegen Lau relevant waren, gar nicht beteiligt gewesen. Trotzdem müsse man sie loben, da sie »akribisch und mit ausgezeichneten Szenekenntnissen« gearbeitet hätten.

Günal ignorierte diese Ausführungen. Auch nach dem Prozess sprach er von einem Rachefeldzug. Das Oberlandesgericht und die Bundesanwaltschaft hätten »Rechtsstaat gespielt«. Alles sei zu Ungunsten seines Mandanten ausgelegt worden. Günal legte Revision ein und hofft, dass das Urteil vom Bundesgerichtshof kassiert wird.

Interessanter als das Urteil in Düsseldorf ist freilich die Entwicklung der islamistischen Szene im Rheinland, seit der gebürtige Mönchengladbacher im Dezember 2015 verhaftet wurde. Bei der Urteilsverkündung waren lediglich zehn Nachwuchssalafisten sowie der salafistische Gefangenenhelfer und frühere antiimperialistische Terrorist Bernhard Falk anwesend. Prominente Freunde Laus, wie etwa der bekannte Prediger Pierre Vogel, blieben dem ­Gerichtssaal fern. Vogel veröffentlichte am Tag der Urteilsverkündung nur ein kurzes Video, in dem er behauptete, das Urteil beruhe ausschließlich auf ­Lügen, sein Freund Sven Lau sei unschuldig. Vogel beendete sein Video mit einer Warnung an Gericht, Medien und Bundesanwaltschaft. Sie alle müssten, wenn sie sterben, vor Allah treten und sich dann dafür verantworten, einen Unschuldigen verurteilt zu haben.
In die Nähe von Lau möchte Vogel aber offenbar nicht mehr gerückt werden. Den Prozess gegen seinen Freund besuchte er nur ein einziges Mal – als er selbst als Zeuge geladen war.

Andere Islamisten wie Falk kritisieren Vogel wegen seiner geringen Unterstützung für Lau. Vogel ist für Falk ein Prediger der Ungläubigen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Sven Laus Facebook-Seite von einem Mann aus dem Umfeld von Pierre Vogel verwaltet wird. Über den Prozess erfährt man auf der Seite wenig. Stattdessen wirkt sie wie ein salafistischer Ramschladen. Pilgerreisen nach Mekka mit Vogel und anderen Predigern werden beworben. Es wird Geld für die islamistische Hilfsorganisation »IHED« gesammelt und Werbung für den Onlineshop der »Tuba-Collection« gemacht. Ein Blick auf diesen Shop lohnt sich. Er wird betrieben von Kevin Schneider aus Wuppertal. Schneider gehörte zu den »Scharia-Polizisten«, die mit Lau 2014 durch Wuppertal gezogen waren. Mit seiner »Tuba-Collection« vertreibt er T-Shirts und andere Kleidungsstücke, bei denen er »islamische Vorschriften« mit einem »maskulinen westlichen Modestil« in Einklang bringen will.

Seit kurzem vertreibt Schneider zwar auch ein T-Shirt, dessen Erlöse Lau zugutekommen sollen. Darauf ist das Konterfei des Inhaftierten zu sehen und die Aufschrift »Free Abu Adam«, so Laus Kampfname, »unterstützt Euren Bruder«. In erster Linie hat Schneider allerdings, heißt es aus der Szene, mit »islamkonformer Mode« ein smartes Geschäftsmodell gefunden.
Die islamistische Szene in Nordrhein-Westfalen gehört zwar auch nach der Verurteilung Laus zu den größten in der Bundesrepublik. Doch durch dessen Haft hat sie eine integrative Figur verloren, die mit den unterschiedlichen Fraktionen in Kontakt stand und sie teils auch für öffentliche Auftritte ­einen konnte. Außerdem ist das Urteil ein Signal an junge Salafisten: Man muss nicht erst in Syrien kämpfen, um für seine Taten mit Gefängnis bestraft zu werden – auch Unterstützungsleistungen können dafür ausreichen. Weil Lau hinter Gittern sitzt, verschwindet der Islamismus zwar nicht, aber mit ihm ist eine zentrale Figur von der Szene getrennt worden.