Die englische Rugby League globalisiert sich

Auf den Wolf gekommen

Ein kanadischer Geschäftsmann versucht, das urenglische Rugby League zu internationalisieren. Und hat damit Erfolg.
Anzeige

Die Engländer können einem schon leidtun. Erst erfinden sie reihenweise großartige Sportarten und dann müssen sie ein ums andere Mal zusehen, wie andere darin immer besser werden und sie schließlich überflügeln. Im Cricket sind längst Australien und Indien das Maß aller Dinge, im Rugby Union Neuseeland, beim Fußball ist England schon lange hinter viele Länder Südamerikas und Kontinentaleuropas zurückgefallen. Einzig beim Rugby League ist England, oder besser gesagt Nord­england, neben Australien, noch immer top. Das jedoch könnte sich bald ändern – zumindest, wenn es nach dem Willen von Eric Perez geht.
Dabei ist die Liebe des in Toronto geborenen Geschäftsmanns zu dem ruppigen Sport, der sich selbst gerne als proletarische Alternative zum bürgerlicheren Rugby Union sieht, noch keine 20 Jahre alt, also noch verhältnismäßig frisch. Das erste Spiel – Leeds Rhinos gegen die Bradford Bulls – sah er kurz nach der Jahrtausendwende. Seine Freundin lebte damals in Gibraltar und praktisch jeder dort hatte sich illegal Zugang zum Angebot des britischen Pay-TV-Senders Sky besorgt, wie Perez kürzlich der britischen Ausgabe des Magazins Escquire erzählte. Was ihn vor allem beeindruckte, war die ­Geschwindigkeit des Spiels, die viel höher ist als beim Rugby Union oder auch beim American Football, weil nach einem Tackle das Spiel in der Regel nicht unterbrochen wird. ­»Außerdem gab es eine ordentliche Keilerei«, so Perez. »So was schadet ja auch nie.«

»Außerdem gab es eine ordentliche Keilerei. Sowas schadet ja auch nie.« Eric Perez

Zurück in Kanada musste Perez feststellen, dass die Geschichte des Rugby League dort zwar bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückreicht, sich aber nie wirklich eine kontinuierliche Struktur entwickeln konnte. In den achtziger Jahren hatte es zwar ein kleines Revival und kurzfristig sogar eine Liga mit vier Teams gegeben. Zu der Zeit jedoch, zu der Perez selbst in Gibraltar eher zufällig über diesen Sport gestolpert war, war davon nahezu nichts mehr übrig. Die Canadian Rugby League Federa­tion als landesweiter Verband hatte praktisch aufgehört zu existieren.

Perez gehört jedoch nicht zu den Leuten, die sich von so etwas abschrecken oder entmutigen lassen. 2010 gründete er mit Rugby League Canada kurzerhand einen neuen Verband. Vor allem aber begann er Menschen für den Sport zu begeistern und sie bei der Gründung von Teams zu unterstützen. Aus England importierte er aufgetragene Trikotsätze englischer Teams und bald spielte in und um Toronto eine wachsende Zahl von Mannschaften, die zumindest so aussahen wie ihre großen Vorbilder auf der anderen Seite des Atlantiks. Ein Nationalteam wurde gegründet und bekam umgehend den Spitznamen Wolverines. Ab 2010 wurde alljährlich gegen die Nachbarn aus den USA der Colonial Cup aus­gespielt. 2011 gewann Kanada beim Cup zum ersten Mal eine Partie, 2014 holten die Wolverines erstmals den Titel.

Eric Perez jedoch war das nicht genug. Er wollte mehr. Er wollte Rugby League als Profisport in Kanada etablieren. Wieso auch nicht? Der Sport ist schnell und hart – ganz wie der kanadische Nationalsport Eishockey. Und was noch besser ist: Rugby ­League wird traditionell im Sommer gespielt, also dann, wenn der Puck ruht und die Eisbearbeitungsmaschinen schweigen. Das Problem daran war allerdings, dass das nächste Profiteam über 5 000 Kilometer Luft­linie entfernt an der englischen Westküste spielte. Man konnte doch nicht regelmäßig nach Workington, Newcastle oder auch ins walisische Merthyr Tydfil fliegen, nur um dort knappe zwei Stunden Rugby League zu spielen. Oder etwa doch?

Ganz offensichtlich, denn nichts anderes machen seit Anfang des Jahres die Spieler und der Stab von ­Toronto Wolfpack, dem ersten professionellen Rugby-League-Team ­Kanadas. Seine Freundschaftsspiel­premiere absolvierte – und verlor – das Team im Januar in Hull. Im Februar gewann es in Halifax gegen ­Siddal sein erstes Pokalspiel und im März trat es in London gegen die Skolars im ersten Ligaspiel an, das es genau wie die restlichen 14 Partien der regulären Saison der drittklassigen League 1 weitgehend problemlos für sich entscheiden konnte. Nun spielt Toronto Wolfpack in der Aufstiegsrunde, den sogenannten ­Super 8s, um den Aufstieg in die zweit­klassige RFL Championship. Dass das Team bei 15 Siegen in 15 Spielen dabei klarer Favorit ist, versteht sich von selbst.

Fast drei Jahre hat es gedauert, bis Perez’ Traum von professionellem Rugby League in Kanada Wirklichkeit geworden ist. So lange hat es gebraucht, ein Team zusammenzustellen und die nötigen Kontakte zu knüpfen, denn nicht alle waren und sind begeistert davon, dass nun ein Neuling aus Übersee die Liga aufmischt. Vielen Traditionalisten geht das einfach einen Schritt zu weit. Zwar spielen mit den Catalans Dragons aus Perpignan und Toulouse Olympique bereits zwei französische und dazu noch zwei Teams aus Wales in den ersten zwei englischen Ligen, aber Wales und Frankreich sind schließlich nicht Kanada und schon gar nicht so weit weg.

Andere hingegen sehen in der Mannschaft aus Toronto fast schon so eine Art Heilsbringer, von dem nicht weniger als die Rettung der gesamten Sportart erwartet wird. ­Diese Erwartungen mögen zwar etwas überzogen sein, die Sorgen, die ­ihnen zugrunde liegen sind dafür umso realer, denn Rugby League steckt seit geraumer Zeit in der Krise. Die Zuschauerzahlen stagnieren oder gehen sogar zurück und die wirtschaftlich zwingend notwendige ­Expansion in den noch immer wohlhabenderen Süden Englands, um neue Fans anzuziehen, will einfach nicht recht gelingen. Es gibt eine Handvoll Teams in London und Umgebung, doch denen geht es im Schnitt noch schlechter als denen im Kernland des Sports, beidseitig der Schnellstraße M62, die Liverpool im Westen mit Hull an der Nordsee­küste verbindet.

Vor allem aber – und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie – kann Rugby League schon lange nicht mehr mit Rugby Union mithalten. Wenn Neuseeland im Finale des Rugby-Union-Worldcups auf Australien trifft, dann berichten darüber selbst die Medien in Deutschland. Wenn im kommenden Herbst hingegen der Rugby-League-Worldcup in Australien, Neuseeland und Papua-Neuguinea ausgetragen wird, wird davon selbst in vielen der Teilnehmerländer, in Italien oder Libanon etwa, kaum jemand etwas mitbekommen.

Ironisch ist das in erster Linie deshalb so gekommen, weil sich Rugby League ursprünglich vom Rugby Union abspaltete, weil die Clubs im ­ärmeren Norden ihre Spieler, die oft aus der Arbeiterschaft stammten, für ihr Tun entlohnen wollten, während man im Süden, also im pros­perierenden Bürgertum, wo der Sport tief verwurzelt war, am Amateurismus festhielt. Spieler, die zum Rugby League wechselten und sich bezahlen ließen, wurden verfemt. Für sie gab es in der Regel kein zurück zum Rugby Union. Doch längst ist auch Rugby Union zum Profisport geworden, dort ist mittlerweile weit mehr Geld zu verdienen, und so wechseln Jahr für Jahr etliche der besten Spieler von League zu Union.

Nicht zuletzt deshalb sehen viele im Toronto Wolfpack einen möglichen Weg aus der geographischen Isolation und aus der global betrachtet weitgehenden Bedeutungslosigkeit. Selbst Kritiker müssen inzwischen eingestehen, dass Perez’ Projekt zumindest bislang ein echter Erfolg ist, und das nicht nur sportlich: Auch die Zuschauerzahlen sind beachtlich. Für gewöhnlich bewegt sich die Zahl der Zuschauer in der dritten Liga ­irgendwo im dreistelligen Bereich. Zu den Heimspielen in Toronto kommen regelmäßig an die 7 000 Menschen ins Lamport Stadium, 6 000 von ihnen haben eine Dauerkarte. Auch auswärts ist das Team ein Zuschauermagnet.

Toronto Wolfpack hat neuen Schwung in die Sportart Rugby League gebracht, ihr neue Märkte erschlossen und auch international mediale Aufmerksamkeit beschert. Wie lange dieser Aufschwung anhalten wird und wie die Fans in Toronto reagieren werden, wenn es einmal nicht mehr so rund läuft, lässt sich nicht vorhersagen. Es scheint ­jedoch ganz so, als könnte Rugby League tatsächlich auch außerhalb seiner eng umgrenzten Kerngebiete funktionieren. ­Perez selbst jedenfalls denkt bereits laut über ein weiteres Team in Montreal nach.

Eines jedoch steht bereits fest: Die Zukunft der Sportart – zumindest, sofern sie mehr sein will, als nur ein weiterer kauziger Regionalsport – liegt nicht in Ince oder Doncaster. Sie liegt draußen in der Welt.