Die kleinen Dinge

Bitte nicht füttern Von Ivo Bozic
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bitte nichtEs sind die kleinen Dinge, die zählen – wird gern geseufzt. Also zählen wir Mücken. Die sogenannte ­Mückenplage ist in Wirklichkeit ein gutes Zeichen. Mücken und ihre Larven sind wichtige Nahrung für andere Tiere. Viele Mücken bedeutet: viele Fische, viele Vögel, viele Fledermäuse. Kleine Dinge können also durchaus Großes bewirken, man kennt das auch von Ecstasypillen, Spermien oder Atomkernen.

Menschen wollen gerne Großes bewirken. Wem dies nicht vergönnt ist, der preist die kleinen Dinge, die er gerade noch so hinbekommt. Oma über die Straße geholfen. Toll! Wasserflasche wieder aufgefüllt. Hammer! Nein, es spricht nichts dagegen, Orte zu kennzeichnen, an denen man seine Wasserflasche auffüllen kann. »Refill« nennt sich diese Kampagne, die gerade durch deutsche Großstädte schwappt. Doch spricht etwas dafür? Es ist ja nicht so, dass die Gefahr zu verdursten besonders groß wäre. In jeder Imbisstoilette kann man seine Wasserflasche auffüllen, so oft man will. Aber »Refill« wird gehypt, weil es »unkommerziell« sei. Als ob das Wasser, das da wie durch ein Wunder einfach so aus der Leitung kommt, umsonst sei. Seine Aufbereitung und Bereitstellung ist eine sehr komplexe Angelegenheit, an der viele verdienen. Bleibt als Argument die Plastikvermeidung. Doch Plastikmüll ist in erster Linie ein Problem der Entsorgung. Man kann Plastik recyceln oder verbrennen. Man muss es nur tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine in Berlin gekaufte und ordentlich entsorgte Plastikflasche im Ozean landet und einen Wal tötet, geht gegen null. Und vor allem: Wäre es nicht wesentlich effektiver, einfach Werbung für Trinkwassersprudler zu machen? Statt Sprudelflaschen kaufen, kann man Sprudel selbst machen. Es wäre effektiver – nur halt nicht »unkommerziell«, deshalb taugt es nicht fürs Politkarma.

»Refill« sagt dir: Wasser ist etwas Kostbares, ein Menschenrecht, das du dir mit einer Kampagne erkämpfen musst. Ein Trinkwassersprudler sagt dir: Hey, da ist Wasser in Hülle und Fülle, nimm es einfach, mach ein paar Blasen rein und halt die Klappe. Letzteres klingt, obwohl es vernünftiger ist, natürlich weniger nach Weltrettung. Je kleiner die Dinge sind, die man tut, desto größer müssen sie ethisch aufgeblasen werden. »Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.« Das stimmt. Doch nur weil es wahr ist, ergibt es noch lange keinen Sinn. Genauso wahr ist: Ein einziges Arschloch am falschen Platz kann das Gesicht der Welt verändern. Oder auch: Ein einzelnes Genie, das eine geniale Sache erfindet, kann das ­Gesicht der Welt verändern. Und zwar jeweils zum Guten wie zum Schlechten. Viele kleine Borkenkäfer in vielen kleinen Wäldern können ebenfalls das Gesicht der Welt verändern. Viele kleine Nazis sind auch kein Vergnügen. Und die Mücken erst!