Der mexikanische Fußball und die Drogenkartelle

Ein Kaiser als Kartellkumpel

Mit Rafa Márquez wird ein mexikanischer Fußballstar der Geldwäsche für ein Drogenkartell verdächtigt.

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Am 9. August 2017, anderthalb Stunden vor dem offiziellen Trainings­ende, packte Rafael Márquez Álvarez, Kapitän des mexikanischen Erstligisten Atlas Guadalajara, seine Sachen, stieg in sein Auto und fuhr wort- und grußlos davon. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass der mexikanische Fußballstar, besser bekannt als Rafa Márquez, in Drogengeschäfte großen Stils verwickelt sein soll.

Diesen Vorwurf erheben US-Ermittlungsbehörden. Der Fußballspieler gehört demnach zu einem Netz aus Strohmännern und Tarnfirmen, das der Geldwäsche eines Drogenkartells dient. Der mittlerweile 38jährige Márquez, einer der besten Fußballer Mexikos, spielte jahrelang für den FC Barcelona und ist Kapitän der mexikanischen Nationalmannschaft. Sein Spitzname, »El Káiser de Michoacán« in Anlehnung an Franz Beckenbauer, verdeutlicht seinen Stellenwert im fußballverrückten Mexiko. Man kann sich vorstellen, was die Nachricht von Verbindungen zu Drogengeschäften in seinem Herkunftsland ausgelöst hat.

Das Amt des US-Finanzministeriums (OFAC) zur Kontrolle von Auslandsvermögen führt Márquez in einer Liste von Personen, die als Strohmänner für Drogenbosse fungieren. Márquez’ Visum für die USA wurde für ungültig erklärt, sämtliche seiner Vermögenswerte und Bankkonten in den USA eingefroren. Zudem ist US-Amerikanern und US-Unternehmen verboten, finanzielle Transaktionen oder Geschäfte mit ihm oder seinen Firmen zu machen. Weitergehende juristische Konsequenzen gibt es derzeit nicht. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass es dazu kommt.

Neun Unternehmen, an denen Márquez beteiligt ist, sollen Verbindungen zum Drogenboss Raúl Flores Hernández haben, darunter eine Fußballschule, die mutmaßlich zur Geldwäsche benutzt wurde.

Insgesamt umfasst die schwarze Liste der OFAC 22 Personen und 43 Unternehmen. Neben einem unterklassigen Fußballclub, Bars, einem Casino und anderen Firmen befindet sich auch der bekannte Folk-Sänger Julio César »Julión« Álvarez unter den Verdächtigen. Erst vor wenigen Tagen hatte Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto ein Foto auf seiner Website veröffentlicht, das ihn beim Wochenendausflug mit ­Álvarez zeigt, den er auch schon einmal als »Beispiel für die mexikanische Jugend« gelobt hatte. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe war das Foto schnell wieder gelöscht worden, zirkuliert als Screenshot aber weiter in den sozialen Netzwerken.

»Beide Männer haben eine sehr enge Beziehung zu Flores Hernández und als Strohmänner von ihm und seiner Drogenorganisation gedient«, heißt es in einer Erklärung der US-Regierung. Demnach sollen sowohl Márquez als auch Álvarez im Besitz von Vermögenswerten sein, die eigentlich Hernández zuzuordnen sind. Dies hätten jahrelange Ermittlungen US-amerikanischer und mexikanischer Behörden ergeben.

Hernández, in Unterweltkreisen auch el tío, der Onkel, genannt, soll seit Jahrzehnten im Drogengeschäft mitmischen. Er operiert unabhängig, ihm werden aber »strategische Allianzen« zu zwei der mächtigsten Kartelle Mexikos nachgesagt: dem Sinaloa-Kartell und dem Kartell Jalisco Nueva Generación. In den USA werden Hernández Kokainschmuggel und Geldwäsche vorgeworfen. Am 20. Juli ging er der mexikanischen Polizei im Bundesstaat Jalisco in die Falle und wurde verhaftet. Viel bekannt ist über den 65jährigen nicht: Die US-Ermittler bezeichnen ihn als »einen der großen Bosse, die wir am wenigsten kennen«.

Über Márquez lässt sich das nicht sagen. Er ist eine Institution im mexikanischen Fußball. Im schwarz-roten Dress von Atlas Guadalajara feierte er 1996 sein Debüt in der mexikanischen Liga; 1999 wechselte er für sechs Millionen US-Dollar zum AS Monaco und vier Jahre später zum FC Barcelona. In sieben Spielzeiten gewann er vier spanische Meistertitel, sowie 2006 – als erster Mexikaner überhaupt – und 2009 die Champions League. Im Sommer 2010 ging Márquez in die US-amerikanisch-kanadische Major League Soccer zu den New York Red Bulls und kehrte über die Stationen Club León (Mexiko) und Hellas Verona (Italien) nach 16 Jahren im Dezember 2015 zu seinem Lieblingsclub Atlas Guadalajara zurück. Seit 2002 ist er überdies Kapitän der mexikanischen Nationalmannschaft, für die er seit seinem Debüt 1997 in 141 Partien 18 Tore erzielte. Er nahm an vier Weltmeisterschaften (2002, 2006, 2010, 2014) teil und gehörte zum mexikanischen Team, das 1999 den Confederations Cup gewann. Zusammen mit den Spielern Carlos Salcido und Christian Giménez gründete Márquez Mexikos erste Spielergewerkschaft. Mit seiner Stiftung »Futbol y Corazón« (Fußball und Herz) wie­derum unterstützt er seit Juli 2005 Kinder aus benachteiligten Familien.

Unter anderem diese Stiftung ist nun ins Visier der US-Ermittlungsbehörden geraten. Von 2010 bis 2015 soll sie mehr als vier Millionen US-Dollar in bar erhalten haben. Márquez wird vorgeworfen, als Strohmann für Hernández hergehalten und Vermögenswerte gebildet zu haben. Unklar ist, ob Márquez auch Geschäfte im Namen von Hernández abgewickelt hat. Kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe hat sich Márquez freiwillig der mexikanischen Staatsanwaltschaft gestellt und ausgesagt. Auf einer anschließenden Pressekonferenz, auf der keine Fragen erlaubt waren, bestritt der Fußballer alle Vorwürfe. »Ich weise kategorisch jedwede Verbindung zu dieser Organisation und zu den Taten zurück«, sagte Márquez.

Noch ist vieles unklar, aufgrund der laufenden Ermittlungen dringen kaum Details an die Öffentlichkeit. »Es ist nichts abgeschlossen, wir befinden uns in der Anfangsphase der Ermittlungen, alles ist vorläufig«, heißt es von Seiten der mexikanischen Staatsanwaltschaft. Eines aber zeigen die Vorwürfe gegen Márquez und Álvarez, nämlich wie weit die Kartelle die mexikanische Gesellschaft durchdrungen haben. Immer wieder werden Persönlichkeiten des öffent­lichen Lebens mit Dogenkartellen in Verbindung gebracht, darunter nicht wenige Sportler.

Der bezeichnendste Fall ist der des früheren Boxchampions Julio César Chávez, der als Freund von Francisco Rafael Arellano Félix, dem Chef des Tijuana-Kartells, galt. Der mittlerweile 55jährige war zu seinen Glanzzeiten auf Fotos mit Drogenbossen wie Amado Carrillo Fuentes, dem »Señor de los cielos«, oder Juan José Esparragoza Moreno, »el Azul«, zu sehen. Nach dem Tod seines Bruders Rafael im Juni sagte Chávez, er werde seine »Drogenhändlerfreunde« nicht um Hilfe bei der Aufklärung des Falles bitten.

Der frühere Nationalstürmer Jared Borgetti scheint ebenfalls mit der Familie Arellano Félix verbandelt zu sein. Im Jahr 2013 tauchte er auf Fotos von der Geburtstagsfeier des Drogenbosses auf. Auch Omar Chávez, jüngster Sohn von César Chávez, war auf dieser Feier, auf der Arellano Félix von einem als Clown verkleideten Auftragsmörder erschossen wurde.

Die Liste der mit Drogenkartellen in Verbindung gebrachten Sportler ist aber noch länger: Der 2008 ermordete frühere Fußballer Juan David Mendoza und Omar Ortiz, ehemaliger Torwart bei Monterrey, der 2012 als mutmaßliches Mitglied einer Entführerbande festgenommen wurde, gehören ebenso dazu wie Tijuanas Daniel Flores Gómez, der an der Grenze zu den USA mit Metamphetaminen geschnappt wurde. Der Drogenhändler José Tirso Martínez soll die Clubs Querétaro, Irapuato und Celaya zur Geldwäsche genutzt haben. Die US-Antidrogenbehörde DEA warnte die mexikanische Regierung bereits vor Jahren, dass kolumbianische Drogengelder im mexikanischen Fußball gewaschen würden.

»Wenn der Drogenhandel Politik und Wirtschaft durchdrungen hat, und natürlich auch die Behörden, die Polizei, die Armee, wäre es doch seltsam, wenn er nicht auch im Sport drinstecken würde«, schreibt der Sportjournalist José Pablo Coello von Fox Sport.

Edgardo Buscaglia von der Columbia University in New York sieht die Gründe für »die extreme Gewalt, die an Brücken aufgehängten Leichen, die Massengräber« in der »politischen Korruption und den fehlenden Ermittlungen«. Hinzu komme die Straflosigkeit. »Die Ermittlungen dürfen sich nicht auf eine einzelne Person fokussieren, sondern müssen auf Hunderte Unternehmer und Politiker ausgedehnt werden. Das passiert in Mexiko immer noch nicht, denn viele Unternehmen finanzieren die Wahlkampagnen und die politischen Führer wollen nicht, dass diese behelligt werden. Das ist der Teufelskreis, der die Situation in Mexiko erklärt.«