Small Talk mit Bernhard Heinzlmaier vom Umfrageinstitut »T-Factory« über das Konzept des »Slim-Fit-Warriors«

»Form vor Inhalt«

Einer Studie des österreichischen Umfrageinstituts »T-Factory« zufolge bewerten junge Wähler Politik »anhand ästhetischer Kategorien«. Der neue Idealtypus sei der junge, schlanke »Slim-Fit-Warrior«. Die Jungle World sprach mit Studienautor Bernhard Heinzlmaier.

Small Talk Von Alexander Nabert
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STHerr Heinzlmaier, fangen wir doch einmal mit Ihrem Äußeren an. Wie ist es um Ihren Body-Mass-Index bestellt?
Da ich ein sportlicher Mensch bin, ist er recht normal. In etwa so, wie das die Medizin heute verlangt, glaube ich. Für eine Karriere in der Politik käme ich mit meinen 57 Jahren wohl trotzdem zu spät.

Welchen Einfluss hat das Aussehen von Politikern?
Wir reden über ein Phänomen, das nicht nur die Politik betrifft. Die Verleiblichung der Kommunikation und Ästhetisierung des Diskurses ist ein allgemeines Phänomen. Der Körper, die Form, die Ästhetik generell bekommen eine neue Relevanz. Die Form kommt vor dem Inhalt. In der Politik steht die Identifikation mit Personen vor dem Programm.

In Ihrer Studie finden Sie das Schlankheitsideal nicht nur bei Körpern, auch bei Begriffen wie »Idealfigur des Unternehmens«, »Kostendiät« oder »überfetteter Sozialstaat«. Kann man daraus schließen, dass junge Wähler zu klassischem Liberalismus mit wenig Staat und Bürokratie tendieren?
Das ist schwer zu sagen. Zum einen sind junge Leute wahnsinnig sicherheitsorientiert, sie wünschen sich sowohl einen »starken Staat«, der sie schützt, als auch starke Persönlichkeiten in der Politik, die für sie sorgen. Damit einher geht auch ein gewisses Maß an Skepsis gegenüber dem freien Markt, dessen Spiel man nicht ausgeliefert sein will. Auf der anderen Seite ist auch der unbedingte Wille zur Autonomie, zur Selbständigkeit stark ausgeprägt. Man will nirgendwo mehr fest dazugehören, sondern flexibel bleiben, in keiner Abhängigkeit sein.

Es ist also ein widersprüchliches Verhältnis?
Das Ideal, das in der kommerziellen und politischen Kommunikation in den Vordergrund gestellt wird, ist dieser autonome, flexible, ungebundene, bewegliche, schlanke, vielseitige Mensch. Wenn man das psychoanalytisch betrachtet, ist es auf der bewussten Ebene dieses Ideal, aber im Unbewussten trägt man das Sicherheitsbedürfnis nach wie vor in sich. Bis zu einem gewissen Grad repräsentiert der Typus des Slim-Fit-Politikers etwas Reales, nämlich den Neoliberalismus. Der Slim-Fit-Körper ist so auch ein Statement gegen diese traditionellen, großen, unbeweglichen und schwerfäl­ligen Institutionen des alten Kapitalismus.

In Deutschland konkurrieren Linkspartei, Grüne, FDP und AfD um den Status als drittstärkste Kraft im nächsten Bundestag. Macht Christian Lindner (FDP) den Unterschied?
Ich habe das Gefühl, dass Deutschland insgesamt in der Idylle des Alten lebt. In vielem ist man noch sehr traditionell, auch bei der Ästhetisierung der Politik. Was in Frankreich Macron ist oder in Österreich Christian Kern und Sebastian Kurz sind, ist in Deutschland nicht ausgebildet. Ich denke, dass Lindner das erste Signal in diese Richtung ist. Ansonsten ist Deutschland sehr retro, was die politische Kommunikation und das ganze politische Denken angeht. So ein Spitzenkandidat wie Martin Schulz wäre in Österreich oder Frankreich gar nicht mehr möglich. Der ist ein Zitat aus den achtziger und neunziger Jahren.

Ist das auch die Erklärung dafür, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) so fest im Sattel sitzt?
Sie ist eine Figur, die außerhalb des Normalen steht. Merkel ist eine Institution, die zu Deutschland gehört. Sie symbolisiert dieses Land. Sie strahlt aus, was Deutschland kennzeichnet und was im Kern das typisch Deutsche ist. Dazu gehört auch die Verweigerung von Veränderung.

Spielt es eine Rolle, dass Merkel eine Frau ist? »Mutter der Nation« ist ja etwas ganz anderes als »Slim-Fit-Warrior«.
Wenn geringe Veränderungsbereitschaft herrscht, hat der Muttertyp schon seine Vorzüge. Das Bewahrende und Schützende schwingt dabei mit – reaktionäre, mütterliche Werte. Zu einer Gesellschaft, die Veränderung will, passen Slim-Fit-Typen besser. Die stehen für die Unterbrechung, die totale Erneuerung, den Umbruch. Die traditionelle Mutter steht nie für Umbruch, sondern für Kontinuität.