Militanz, Krawalle und Polizeigewalt: Disko-Reihe zur G20-Debatte

Hamburg war ein Fest

Die Krawalle während des G20-Gipfels und die daran beteiligten Autonomen verwandelten manche Ecken von Hamburg kurzzeitig in befreite Zonen außerhalb der staatlichen Kontrolle.

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Das Protestspektakel in Hamburg hätte dem Willen der organisierenden Vereinigungen nach ordentlich ablaufen sollen. Doch schon zum offiziellen ­Beginn des Protestwochenendes, das mit der Demonstration der Autonomen unter dem Motto »Welcome to Hell« am 6. Juli begann, ging alles schief. Der Stein des Anstoßes war in diesem Fall die Verletzung des Vermummungsverbots. Ansonsten hätten die Demonstrierenden wenigstens einige Häuserblöcke weit gehen können.

»Können wir jetzt nicht erstmal in Ruhe auf die Versammlungsteilnehmer einwirken?« fragte Andreas Blechschmidt vom autonomen Zentrum Rote Flora vor laufender Kamera. »Beendigen Sie das einfach, lassen sie die Vermummung abnehmen und dann können wir losgehen«, befahl der Einsatzleiter. Der Lautsprecherwagen mahnte dann auch an, Vermummungen lieber abzulegen, was viele auch taten. Aber es nützte nichts, die Polizei rieb den Zug von vorne bis hinten auf und erwischte dabei auch viele, die am Rand standen. Der Lautsprecherwagen trompetete noch: »Bleibt ruhig, wir sind hier, auch wenn das albern wirkt, weiter in Verhandlung.« Doch die Sache war längst gelaufen. Ähnliches passierte am folgenden Blockadetag, dem Freitag, nur dass diesmal das Ritual eher von manchen der Protestierenden als von der Polizei unterbrochen wurde. Auf allen möglichen Wegen versuchten sie, Chaos in der Stadt zu verbreiten und den Gipfel zu blockieren.

Im Grunde lief also alles im Sinne der Interventionistischen Linken, könnte man meinen. Wenn sich da nicht der Schwarze Block eingemischt hätte, also Leute, die sich mit dem Staat und seinem Ausnahmezustand ernsthaft anlegen. Und so klirrte es ab dem frühen Morgen an allen Ecken und Enden und es brannten sogar einige der von den anständigen Bürgern so überaus geliebten Autos. Mit dem Qualm, der sich schnell über Teile der Stadt legte, bekam der Protest ein gewisses Flair. Es begann die Kaperung des von diversen sozialdemokratischen Gruppen organisierten »legitimen« Protests.

Rüdiger Mats beschwerte sich in der Konkret im Sinne dieser Gruppen, dass linke Bündnisse und Organisationen der radikalen Linken »ganz offensichtlich über weite Strecken nicht Herr der Lage« gewesen seien. Die Organisatoren der Protestveranstaltungen sieht er dabei als eine Art sozialpädagogische Aufsichtsperson, die sich am Ende bei den Teilnehmern auch noch fürs Kommen bedanken.

Vollends entglitt der integrierten Linken die Situation am Freitagabend in einigen Straßenzügen des Schanzenviertels. Im Grunde nichts Außergewöhnliches in Situationen wie dieser: Einige Geschäfte wurden geplündert, ein paar Schaufenster gingen zu Bruch. Die Feuer brannten einigen Leuten etwas zu hoch, zumal darin Spraydosen explodierten, dennoch: Es wurde im Schanzenviertel ein Fest ­gefeiert. Ob es das »Auftauchen einer verlorenen Freiheit« war, von der »alle wussten, dass diese Situation nur kurzfristig sein konnte«, wie Karl-Heinz Dellwo in einem Beitrag auf der Web­site g20hamburg.org vom 10. Juli fragt? Für die, die nicht dabei waren und existentialistische Poesie mögen: Warum nicht? Das Fest wurde durch einen ansehnlichen Mob fast völlig vermummter Leute ermöglicht, die tatsächlich der inzwischen recht müden Polizei Paroli boten.

Alle Menschen im Schanzenviertel waren für einen Augenblick gegen die angreifende Polizei vereint und für diesen Augenblick waren sie sogar erfolgreich. Dieser Augenblick wurde genutzt, einen Bauzaun zu verkeilen, und die dadurch gewonnene Atempause reichte aus, um das Pflaster aufzureißen, massenhaft Steine zu zerkleinern und Depots anzulegen. Außerdem wurden die brennenden Barrikaden verstärkt und Rückzugsbarrikaden aufgebaut, umtriebig und weniger blind, als man ­gemeinhin annimmt. Und weil Geschlechteraspekte in diesem Zusammenhang wichtig sind: Es waren viele Frauen beteiligt.

Einige Einsatztruppen hätten tatsächlich den Befehl verweigert, in diese brodelnde Menge hineinzustoßen, wie Hamburgs Polizeipräsident, Ralf Martin Meyer, im Interview mit Spiegel Online bestätigte. Die Staatsmacht verlor für einige Stunden die Macht über dieses Gebiet. Im Grunde ein vorbildliches Verhalten auf beiden Seiten.

Nach all der folgenden Propaganda kann man nicht oft genug betonen, dass das Geschehen im Schanzenviertel durchaus angenehm war, die Stimmung sogar euphorisch. Diese Minirevolte war gut. Es wurde nicht alles in Schutt und Asche gelegt, sondern auch die Straße gegen den Einfall der Polizei verteidigt. Dazu haben sich die Leute aus der Straße bewaffnet, wie man es im vergangenen Jahr in Frankreich beobachten konnte. Dieser Krawall sprach viele Sprachen, insbesondere Französisch.

Als dann klar wurde, dass die Polizei eine Weile brauchen würde, um die Situation im Schanzenviertel auf ihrer Art zu befrieden, verteilte man Waren einiger Geschäfte, insbesondere Süßigkeiten und Alkohol, und nutzte die Inneneinrichtung für die Barrikaden. Das daraus resultierende Fest hinter der Front erschien eigenwillig als Zweck des Ganzen. Das Wort Krawall trifft es schon nicht mehr in Gänze.

In der Schanze haben sich zwei Seiten getroffen, die wussten, was sie tun, und durchaus bestimmt agierten. Man könnte die Ereignisse im Viertel als eine Notstandsübung in echter Umgebung bezeichnen. Das gilt für beide Seiten, insbesondere aber für den abschließenden SEK-Einsatz.

Man kann unterschiedlicher Meinung über das Geschehen in Hamburg sein, aber immerhin werden die Kommentatoren etwa durch die Plünderungen gezwungen, ein wenig Farbe zu bekennen und zu sagen, auf welcher Seite der Barrikade sie stehen.

Die Polizeikritik aus dem linksliberalen Umfeld kommt an ihre Grenzen, wenn aus allen möglichen Richtungen Steine auf die anrückende Polizei fliegen. Linksliberale müssen sich entscheiden, wie sie zu Protesten stehen, die den legalen Rahmen offen ignorieren. Konservative Linke, die in solchen Plünderungen den Vorschein eines Pogroms sehen, finden sich unmittelbar auf der Seite des Staats wieder. So wie Lars Quadfasel, wenn er in Konkret eine Bewohnerin des Schanzenviertels zitiert, die das Geschehen in der Freitagnacht mit dem Holocaust vergleicht, und kommentiert: »Dem ist wenig hinzuzufügen – außer das eine: dass, ist man erst einmal derart auf den Geschmack gebracht, man sich bei nächster Gelegenheit wohl kaum mit drei ausgebrannten Geschäften abspeisen lassen wird.«

Die Organisationen der Postautonomen wiederum befinden sich in einer Zwickmühle und lavieren entsprechend. Sie verkaufen in ihren offiziellen Verlautbarungen formell etwas als Erfolg, das andere verbrochen haben.

Dabei ist eigentlich klar, dass ohne die Autonomen bei den Blockaden und ohne Schanzenkrawall Hamburg ein reines Polizeifest gewesen wäre. Die Distanzierung der Gruppe TOP Berlin kommt teilweise als Affirmation des Schanzenfests daher. Die Geschehnisse werden äußerlich in »gute« und »schlechte« Aspekte getrennt. Man spricht von »vermummten Männerhorden« und deren »maskulinen Allmachtsphantasien«, als ob es in diesem Moment darum gegangen wäre. Die Plünderung des Rewe-Supermarkts dagegen geht gerade so durch, obwohl die Plünderer meist genau diese vermummten Männer waren.

Die Strategie dieser Gruppen setzt eine Demokratie voraus. Der Schanzenkrawall aber überschritt ihre Kompetenz. Das gilt offenbar auch für die Rote Flora, deren Anwalt und Sprecher, ­Andreas Beuth, zunächst behauptete, man solle so etwas überall, nur nicht im eigenem Viertel tun – dabei ist es eine Binsenweisheit, dass man so etwas nur in einem Viertel machen kann, in dem viele Sympathien für solche Aktivitäten bestehen. Er sagt sich auf diese Weise von jeder Revolte los. Folgerichtig distanzierte sich Beuth später von den Plünderungen. Aber die Distanzierung von Dingen, derer man nicht einmal verdächtigt wird, zeigt, dass man längst nicht mehr daran glaubt, dass das Eigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft werden könnte. Deshalb müssten gerade diejenigen, die sich am Geschehen beteiligten, Wege finden, auch mitzuteilen, was sie eigentlich wollen. Sie müssten sich ­bekennen, das wäre nützlich.