Aktuelle Bezüge in der Filmdokumentation »Sacco und Vanzetti«

Lehrstück politischer Justiz

Vor 90 Jahren wurden die Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den USA hingerichtet. Peter Miller rollt in seinem Dokumentarfilm den Fall der posthum freigesprochenen Männer auf.

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»Here’s to you, Nicola and Bart/Rest forever here in our hearts/The last and final moment is yours/That agony is your triumph«, sang einst Joan Baez und landete damit einen internationalen Erfolg. Mit dem Lied endet der französisch-italienische Spielfilm »Sacco & Vanzetti« (1971) von Giuliano Montaldo. Übersetzungen des Textes erschienen in unterschiedlichen Sprachen, darunter eine erweiterte deutschsprachige Fassung des DKP-nahen Liedermachers Franz Josef Degenhardt.
Die Erinnerung an die beiden italienischstämmigen Anarchisten Ferdinando »Nicola« Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die 1927 aus mutmaßlich politischen Gründen auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden, ist nach wie vor lebendig, auch in den US-amerikanischen Mainstream-Medien finden sich immer wieder Verweise auf sie. Ihre Namen fielen beispielsweise in der Mafia­serie »Die Sopranos«.

Der Fall gilt als ein Lehrstück in Sachen politischer Justiz: Begleitet von einem enormen Medieninteresse wurden vor 90 Jahren, in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1927, drei Männer im US-Bundesstaat Massachusetts auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Ihnen wurde vorgeworfen, gemeinsam mit einem vierten, nie gefassten Komplizen am 15. April 1920 einen Geldtransporter in South Braintree überfallen und dabei zwei Menschen ermordet zu haben. Ihre Namen lauteten Celestino Madeiros, Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Erstgenannter bekannte sich zu dem ihm zur Last gelegten Verbrechen, die anderen beiden beteuerten bis zum Schluss ihre Unschuld, die auch Madeiro vor Gericht bestätigte. Dennoch wurden sie vom Richter und von den Geschworenen für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Ihr Gnadengesuch wurde abgelehnt. Sacco und Vanzetti wurden erst posthum – im Jahre 1977 – offiziell von Massachusetts’ damaligem Gouverneur Michael Dukakis von jeglicher Schuld freigesprochen.

Der Fall der beiden einfachen Männer Sacco und Vanzetti sorgte weltweit für Aufsehen. In allen großen Städten der Welt gingen Menschen auf die Straße – nicht nur Anarchisten und Sozialisten, sondern auch Liberale.

Das Verfahren gegen die beiden italienischen Anarchisten Sacco (1891–1927), einen Schuster, und Vanzetti (1888–1927), einen Fischhändler, war aber nicht einfach ein Justizirrtum, sondern explizit politisch. Beide wurden augenscheinlich nicht für die ihnen zur Last gelegte Tat, sondern aufgrund ihrer politischen Haltung verurteilt. Die beiden waren 1908 mit großen Hoffnungen ins »Land der Freiheit« gekommen und hatten sich 1916 in sozialistischen Kreisen kennengelernt. Sie waren Vertreter des insurrektionalistischen Anarchismus. Diese Strömung war zwar in den USA marginalisiert, aber sie passte gut in die Furcht vor allem, was mit dem Schreckgespenst »Sozialismus« zu tun hatte. Sacco und Vanzetti waren an sich unbedeutende Mitglieder der anarchistischen Bewegung. Ihr Verständnis von Anarchismus reichte nach Angaben von Zeitgenossen kaum über die Wiedergabe einzelner Parolen hinaus, so dass es schwer fällt, sich die beiden Männer als gefährliche Agitatoren vorzustellen.

Historisch fiel das Verfahren gegen Sacco und Vanzetti in die von 1917 bis 1920 währende erste Periode des red scare (dt. Roter Schrecken) in den USA, die durch eine irrationale Furcht vor Sozialisten und eine Vielzahl politischer Repressalien geprägt war. Dazu gehörten die regelmäßig stattfindenden Palmer-Razzien, benannt nach dem damaligen Justizminister, der zwischen 1918 und 1921 gegen US-Bürger und Einwanderer ermitteln ließ, denen eine linke Gesinnung unterstellt wurde. Im Zuge der Verfolgungswelle kam es zu zahlreichen Ausweisungen und Deportationen tatsächlich oder vermeintlich kommunistischer, sozialistischer und anarchistischer Ausländer. Betroffen davon waren auch die prominenten russischen Anarchisten Emma Goldman und Alexander Berkman.

Der Prozess gegen Sacco und Vanzetti reiht sich in eine Geschichte politischer Verfahren ein – angefangen bei den Verfahren gegen die vermeintlichen Haymarket-Attentäter, die man posthum 1893 begnadigte, und den Wobbly-Liedermacher Joe Hill, später gefolgt von jenen gegen das kommunistische Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg, gegen das immer noch im Gefängnis einsitzende Mitglied des American Indian Movement, Leonard Peltier (inhaftiert seit 1977), und das ehemalige Mitglied der Black Panthers, Mumia Abu-Jamal (inhaftiert seit 1982).

Auch die von der US-amerikanischen Presse geschürte Xenophobie gegen italienische Einwanderer, die man sowohl mit sozialrevolutionären Ideen als auch mit der Mafia assoziierte, beeinflusste das Verfahren. Hier setzte auch der Regisseur Peter Miller in seiner bereits 2006 entstandenen Dokumentation »Sacco und Vanzetti« an. Für ihn zeigt sich gerade in diesem Aspekt die anhaltende Aktualität des Falls der beiden Anarchisten, während in der Forschungsliteratur vor allem der Bezug zur Dreyfus-Affäre in Frankreich hergestellt wird.

Der Fall der beiden einfachen Männer Sacco und Vanzetti sorgte weltweit für immenses Aufsehen. In allen großen Städten der Welt gingen Menschen auf die Straße – nicht nur Anarchisten und Sozialisten, sondern auch Liberale. Es gab Demonstrationen in Berlin, Tokio und Paris sowie ein Bombenattentat auf das Haus des Richters. Zahlreiche Theaterstücke – so auch Erich Mühsams »Staatsräson« und Louis Lippas »Sacco & Vanzetti. A Vaudeville« – sowie zahlreiche Romane – darunter Upton Sinclairs »Boston« und Howart Fasts »The Passion of Sacco and Vanzetti« – griffen den Fall auf.

Anlässlich des 90. Jahrestages der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti kommt die 2006 von Peter Miller gedrehte Filmdokumentation über den Fall ins deutschsprachige Kino. Der Regisseur begab sich in Italien und Amerika auf Spurensuche und lässt Zeitgenossen der beiden Anarchisten wie den bekannten US-amerikanischen Aktivisten Howard Zinn, Arlo Guthrie, den Sohn des berühmten Folksängers Woody Guthrie, und Saccos Nichte sowie die Tochter des beim Überfall ermordeten Lohnbuchhalters zu Wort kommen. Die Zeitzeugen vermitteln ein sehr lebendiges Bild der beiden Männer und ihres Falls, der bis heute für Empörung sorgt.

Daneben findet auch die von dem US-amerikanischen Realisten Ben Shahn gemalte Bilderserie »The Passion of Sacco and Vanzetti« Eingang in die Dokumentation. Zur Illustration werden historische und aktuelle Aufnahmen mit Spielfilmsequenzen aus der Verfilmung des Falls von Giuliano Montaldo ergänzt. Dabei bleibt der Regisseur nicht einer historischen Perspektive verhaftet, sondern stellt eine Verbindung zu gegenwärtigen Erscheinungsformen des Rassismus in den USA her. Die Dokumentation ergreift aber nicht nur einseitig Partei, sondern geht auch den Spuren nach, die im Prozess als Indizien gegen die beiden Männer angeführt wurden – wie etwa ein Colt, der sich im Besitz von Sacco befand und mit dem ein Wachmann erschossen worden sein soll. Obwohl die Dokumentation keine neuen Erkenntnisse präsentiert, handelt es sich um einen sehenswerten Film.

Sacco und Vanzetti (USA 2006). O.m.d.U. Regie: Peter Miller
Ab dem 24. August läuft der Film als Originalversion mit deutschen Untertiteln in Programmkinos in Deutschland und der Schweiz.