Die Linke und der Klimaschutz – es bleibt kompliziert

T-Shirt im Treibhaus

Die Klimaschutzbewegung möchte gerne links sein. Das ist aber gar nicht so einfach.

Von Ivo Bozic
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Für Linke ist es ausgemachte Sache, dass der Kapitalismus schuld am Klimawandel sei und deshalb Klimaschutz vor allem antikapitalistisch sein müsse. Das setzt natürlich den Glauben voraus, eine sozialistische Wirtschaftspolitik könne den Klimawandel aufhalten, also das Klima positiv beeinflussen. Tatsächlich wollte der Antikapitalismus immer schon klimarelevant wirken. So heißt es in der »Internationalen«: »Erst wenn wir sie vertrieben haben, dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass.« Wer da zu vertreiben ist, steht ebenfalls im Text der beliebten Arbeitervolksweise: die Vögel nämlich. Raben und Geier.

Linke Klimapolitik ist in dieser Hinsicht auf dem besten Wege. Die fast 30 000 Windkraftanlagen in Deutschland töten jedes Jahr zwar nicht in erster Linie Raben und Geier, aber über 12 000 Greifvögel, bei manchen Arten durchaus bestandsgefährdend, und ein Vielfaches an anderen Vögeln, zudem über 250 000 Fledermäuse. Doch da juckt dem linken Ökoaktivisten nicht einmal der kleine Zeh, während ihm das Schicksal jedes einzelnen darbenden Huhns in einer Mastanlage nachts den Schlaf raubt.
Doch halt: Wieso eigentlich »linke Klimapolitik«? Was ist denn links an Windkraft, deren größte Fürsprecher die Grünen als aus der Linken hervorgegangene Partei waren und sind? Nicht nur, dass diese Form der Energiegewinnung an vielen Standorten mit dem Naturschutz kollidiert, längst ist die Windenergieindustrie ein mächtige, staatlich geförderte Branche und soll entscheidend zum deutschen Wirtschaftswachstum beitragen. Eine andere erneuerbare Energiequelle ist aus Naturschutzsicht noch problematischer: Für Biogasanlagen wird das Land mit Mais zugepflanzt. Immer mehr Biologen sind sich sicher, dass die rapide Ausbreitung der Maismonokulturen eine der Hauptursachen für das große Artensterben bei Insekten, aber auch anderen Tieren aus Feld und Flur darstellt. Hier steht erneuerbare Energie gegen Biodiversität.
Die Kampagne »Ende Gelände«, die sich gegen den Braunkohleabbau richtet, beschäftigte sich auf ihrem Klimacamp wenig mit alternativer Energiegewinnung und feierte vor allem sich selbst, die Bewegung, ihre coolen, neuen, gendergerechten und awareness-sensiblen Aktionsformen. Doch es gibt noch eine ganz andere Bewegung: Hunderte Bürgerinitiativen gegen Windkraft haben sich im Land gebildet, ganze Dörfer gehen gegen Windräder und Stromtrassen auf die Barrikaden. Sicher, den meisten geht es dabei um ihre eigene Aussicht, um Heimatschutz, aber vielen durchaus auch um Naturschutz, um ihre »Umwelt«. Ja, auch dies ist eine Ökobewegung, wenn auch nicht unbedingt eine linke. Doch darauf, der Bevölkerung vor Ort ihre konservativen Partikularinteressen vorzuwerfen, wäre die Antiatombewegung nie gekommen, die sich mit jedem noch so reaktionären Bauer, der einen Traktor mit zur Demonstration brachte, bedenkenlos verbündete.

Auch die Forderung nach dem Braunkohleausstieg ist – so berechtigt sie ist – zunächst einmal nicht links, nicht antikapitalistisch, nicht emanzipatorisch. Der linke Charakter der Klima­proteste wird eher durch Themen vermittelt, die mit Klima rein gar nichts zu tun haben. Auf dem Klimacamp gab es Workshops zu »kritischen Männlichkeiten«, »politischen Kämpfen und Perspektiven in der Türkei« und zum Thema »Geldfreier leben – Wege in ein neues Miteinander«. In einem Interview mit dem Missy Magazine sagte die Sprecherin von »Ende Gelände«: »Dieses Jahr haben wir zu einem queerfeministischen Finger aufgerufen, der besonders FLTI* Personen einlädt. Damit wollen wir unseren queerfeministischen Anspruch sichtbar machen und eine Aktionskultur schaffen, in der wir uns nicht über die Körper, sondern über unsere kollektive Entschlossenheit definieren.« Mit diesem Rhabarber sieht sie die Klimacamper »in der Tradition von Bewegungen, die beispielsweise die Sufragettes und Rosa Parks in die Wege leiteten«.

Doch auch der revoluzzerischste Gestus kann nicht darüber hinweg täuschen: Die Klimaschutzbewegung ist nicht einmal ökologisch. Naturschutz und Klimaschutz haben miteinander wenig zu tun, stehen sich teilweise sogar entgegen. Die Tatsache, dass vermeintliche Tierschützer beim Klimacamp mitmischten, ist angesichts dessen, was Energiemais und Windkraft in der Tierwelt anrichten, geradezu absurd. Die Klimaschutzbewegung ist auch nicht antikapitalistisch, weil die Unternehmen der erneuerbaren Energien längst Konzerne mit enormem Einfluss auf die Politik sowie Investoren auf der Suche nach dem großen Profit sind, während sich Kohle- und Atomwirtschaft in der Abwicklung befinden. Da, wo die Klimaschützer tatsächlich antikapitalistisch sind, sind sie reaktionär und predigen »Degrowth«, also Postwachstumsökonomie, worin sie sich kaum von der extremen Rechten unterscheiden (Jungle World 06/2016). Zudem merken sie nicht, dass neue Technologien wie Solar- und Windenergie Ergebnis und Teil des Wachstums sind.

Für viele Linke ist »Klimagerechtigkeit« nur ein Vehikel, um die immer gleichen Schlachten zu schlagen.

Klimaschutz ist auch nicht emanzipatorisch im Sinne etwa des Feminismus, auch wenn noch so angestrengte Verrenkungen unternommen werden, dies zu suggerieren, wie durch die Verhaltensregel auf dem Klimacamp, nach der sich Männer nicht »oben ohne« zeigen sollten, um Solidarität mit Frauen zu üben, die das schließlich auch nicht könnten.

Das Problem haben auch einige in der Klimaschutzbewegung erkannt und reden daher lieber von der »Klimagerechtigkeitsbewegung«. Dies ist im Grunde vernünftig, weil der Klimawandel einige Länder, darunter auch ärmere, stärker treffen wird als andere und eine globale Solidarität dringend not tut – das täte sie allerdings auch ohne Klimawandel. Doch für viele Linke ist »Klimagerechtigkeit« nur ein weiteres Vehikel, um die immer gleichen Schlachten zu schlagen. Auf der Website des Klimacamps heißt es: »Vom Klimawandel sind besonders diejenigen betroffen, die ihn am wenigsten verursacht haben. Daher ist der Kampf ums Klima zugleich auch ein feministischer, antirassistischer, antistaatlicher und antikapitalistischer Kampf, ein Klassenkampf und ein Kampf gegen Tierausbeutung und Militarismus. Oder kurz: Ein Kampf gegen Herrschaft im Allgemeinen.« Oder noch kürzer: ein Kampf halt.

Auch die Sprecherin von »Ende Gelände« sieht sich zu Höherem als den profanen CO2-Stopp berufen: »Dazu kommt, dass das alles auf Kosten der Menschen geht, die am wenigsten Mittel dazu haben, sich dem Klimawandel anzupassen. Das sind in der Regel diejenigen, die in der Gesellschaft nicht in den ersten Reihen mitreden: Frauen, People of Color, Transpersonen, arme Menschen, Menschen mit Behinderung und die Bevölkerung des globalen Südens.« Als ob Frauen keine Flugzeuge benutzen und Transpersonen und Behinderte keinen Strom verbrauchen würden, ja, als ob im »globalen Süden« keine Männer leben würden und kein Kapitalismus herrschen würde!

Es ist verständlich, dass Linke, die sich gegen den Klimawandel engagieren möchten, dies gern als einen linken Kampf sehen wollen. Doch solange es keine explizit linken Konzepte gibt, den Klimawandel aufzuhalten, bleibt das ein frommer Wunsch.